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Schwierige Feier für die Slowakei

Innere und äußere Auseinandersetzungen zum Jahrestag des Nationalaufstands

  • Von Jindra Kolar, Prag
  • Lesedauer: 3 Min.
Mit Schwierigkeiten auf dem diplomatischen Parkett rechnet die Slowakei am Freitag bei den Festlichkeiten zum 70. Jahrestag des Nationalaufstands. Schuld ist die ukrainische Krise.

Mehr als 800 offizielle Gäste sind nach Banska Bystrica eingeladen, die Stadt erwartet darüber hinaus mehr als 10 000 Besucher, die an den verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen möchten. Wenn der neue slowakische Staatspräsident Andrej Kiska Freitagmittag den staatlichen Festakt in Banska Bystrica eröffnet, wird sich zeigen, wer von den Staatsoberhäuptern und Regierungschefs anwesend ist.

Kiskas Vorgänger Ivan Gašparovič hinterließ dem Nachfolger eine »politische Zeitbombe«, wie Beobachter in der Hauptstadt Bratislava erklärten. Als ehemalige Verbündete und Beteiligte am Nationalaufstand gegen die faschistische deutsche Besatzung 1944 sollten hochrangige Vertreter Russlands und der Ukraine eingeladen werden. So sprach Gašparovič eine klar gehaltene Einladung an den Moskauer Präsidenten Wladimir Putin aus, gleichzeitig erging auch der Wunsch an Kiew, der neu etablierte Präsident Petro Poroschenko möge in die Slowakei kommen.

Doch ob die gegenwärtigen Kontrahenten auf dem Höhepunkt des Konflikts geneigt sind, an historischen Feierlichkeiten teilzunehmen, blieb fraglich. Anfang der Woche jedenfalls hat Putin wissen lassen, dass er Verteidigungsminister Sergej Schoigu als Stellvertreter zu den Feierlichkeiten entsenden wird. Aus Kiew kam bisher keine Rückmeldung.

Dabei ist Bratislava auf Konfrontation weder mit Russland noch mit der Ukraine aus. Premier Robert Fico erklärte erst vor wenigen Tagen, er werde sich nicht »wie ein Schaf« an sinnlosen Sanktionen beteiligen, die nur zum Nachteil der Slowakei ausfallen dürften.

Doch nicht nur die außenpolitischen Turbulenzen jenseits der Grenze beeinflussen den Ablauf der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag. Am Nationalaufstand, der am 29. August 1944 in Banska Bystrica ausgerufen wurde, waren vor allem auch im Untergrund agierende Partisaneneinheiten und Zellen der illegalen Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei beteiligt.

Unterstützt wurden die militärischen Aktivitäten der Partisanen gegen die deutschen Besatzer und die faschistischen (slowakischen) Hlinka-Garden von Einheiten der 3. Ukrainischen Front: Die Rote Armee näherte sich im Sommer der slowakischen Ostgrenze, ihre Offensive zielte auf einen schnellen Vorstoß nach Ungarn und Österreich.

Schon allein wegen dieses historischen Hintergrunds reklamieren die heutigen Kommunisten und Antifaschisten der Slowakei den Feiertag für sich. Parallel zu den staatlichen Festakten wird es im ehemaligen Lenin-Park der mittelslowakischen Stadt eine antifaschistische Demonstration geben, mit der gegen ein »Neuerstarken neonazistischer und kapitalistischer Tendenzen« protestiert werden soll. Die Veranstalter prangern vor allem die Beteiligung rassistischer und neonazistischer Kräfte an der Regierung in Kiew und bei den Protestaktionen auf dem dortigen Maidan an.

Gegen jede ideologische Vereinnahmung wandte sich der slowakische Historiker und Direktor des Museums »Slowakischer Nationalaufstand« in Banska Bystrica, Stanislav Mičev. »Wir können und sollten feiern, dass der Aufstand eine nationale Erhebung gegen die Diktatur, für Demokratie und Freiheit war.« Die Slowaken hätten sich mit dem bewaffneten Widerstand selbst »vom Schmutz der Kollaboration mit Nazi-Deutschland« gereinigt, erklärte Mičev.

Dass die Sicht auf den Nationalaufstand unterschiedlich sein kann, zeigte gerade eine im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Slowakei ausgestrahlte Dokumentation. Laut Stanislav Mičev sei darin die Geschichte jedoch verfälscht und heutigen politischen Interessen angepasst worden. So schauen nicht nur die Slowaken, sondern auch deren tschechische Nachbarn mit Neugier auf den Fortgang der Feierlichkeiten. Sie werden vornehmlich darauf achten, welchen Akzent die politische Öffentlichkeit dem Ereignis geben wird.

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