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Die Brücke im Gehirn

Etwa 10 bis 15 Prozent aller Menschen sind Linkshänder. Welche Folgen das für ihre 
mentalen Fähigkeiten hat, wird nach wie vor kontrovers diskutiert

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Keine Frage, die Liste berühmter Linkshänder ist lang: Gaius Julius Cäsar, Napoleon Bonaparte, Pablo Picasso, Robert Schumann, Marie Curie, Paul McCartney, Bill Clinton, Osama bin Laden, Lady Gaga ... Nicht zu vergessen Leonardo da Vinci, der nicht nur mit links schrieb, sondern dies zu allem Überfluss noch gespiegelt tat. Häufig wird auch Albert Einstein zu den Linkshändern gezählt. Äußerliche Anzeichen dafür gibt es allerdings keine. Im Gegenteil: Auf fast allen Fotos, die zeigen, wie Einstein schreibt oder Geige spielt, tut er dies eindeutig mit der rechten Hand. In dem Ruf, Linkshänder gewesen zu sein, stehen überdies Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven. Aber auch hier sind die Belege zu schwach, um eine solche Zuordnung zweifelsfrei begründen zu können.

Beim Blick ins Internet gewinnt man ohnehin leicht den Eindruck, dass die Zahl prominenter Linkshänder ständig wächst. Erstaunlich wiederum ist das nicht. Denn linkshändigen Menschen werden in der populärwissenschaftlichen Literatur gern Begabungen und Talente zugeschrieben, die, so heißt es im gleichen Atemzug, bei Rechtshändern schwächer oder gar nicht ausgeprägt seien. Sogar von einer eigenen Linkshänder-Persönlichkeit ist hin und wieder die Rede.

Da ich Rechtshänder bin, mag mich der eine oder andere jetzt vielleicht für befangen halten. Aber es widerstrebt mir zu glauben, dass allein der bevorzugte Gebrauch einer Hand sozusagen zwei »Arten« von Menschen konstituiere. Man stelle sich vor, jemand würde heute Ähnliches in Bezug auf die Hautfarbe, das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung von Personen behaupten. Er hätte, und das zu Recht, nicht viel Freude daran.

Wenn es jedoch um die Händigkeit von Menschen geht, werden mitunter sehr frappante Unterschiede postuliert. Und damit ist nicht gemeint, dass Linkshänder angeblich häufiger zum Vegetarismus neigen als Rechtshänder und seltener heiraten als diese. Problematisch wird es da, wo man aus Studien glaubt ableiten zu können, dass Linkshänder im Schnitt klüger seien als Rechtshänder und dazu noch kreativer und einfühlsamer.

So viel Lob für die linke Seite gab es übrigens nicht immer. In der jüdisch-christlichen Tradition zum Beispiel symbolisierte links zumeist das Böse, das Falsche, während rechts für das Gute und Wahre stand. Nicht zufällig heißt es in der Bibel, dass Jesus beim Jüngsten Gericht die zu seiner Rechten ins Himmelreich führen, die zu seiner Linken jedoch ins ewige Feuer schicken werde.

Wertungen dieser Art spiegeln sich auch in der Etymologie wider. Das Adverb »rechts« ist der erstarrte Genitiv des Adjektivs »recht«, welches so viel bedeutet wie richtig bzw. rechtens. Im Gegensatz dazu steht das Wort »link« synonym für unbeholfen oder ungeschickt. Und wer jemanden »linkt«, tut umgangssprachlich bekanntlich nichts anderes als jemanden zu betrügen.

Linkshändigkeit galt mithin lange Zeit als Makel. Oder, wie es im 19. Jahrhundert der italienische Kriminologe Cesare Lombroso ausdrückte: »Linkshändigkeit ist ein Merkmal der Degeneration.« Noch drastischer äußerte sich 1937 der britische Psychologe Cyril Burt: »Linkshändige Kinder schielen, stottern, schlurfen und taumeln. Sie sind linkisch im Haus und ungeschickt in ihren Spielen, Tölpel und Pfuscher auf der ganzen Linie.«
Angesichts solch haarsträubender Urteile nimmt es nicht Wunder, dass in den Schulen lange der Grundsatz galt: Linkshändige Kinder sollten so früh wie möglich zu Rechtshändern umgepolt werden. Viele Eltern unterstützten diese Bemühungen, da sie glaubten, umerzogene Linkshänder hätten es in einer von Rechtshändern dominierten Welt leichter. Ein fataler Irrtum. Zwar werde durch die erzwungene Umpolung von Linkshändern nicht deren Intelligenz beeinträchtigt, sagt die Münchner Psychologin Johanna Barbara Sattler, dennoch hätten die Betroffenen häufig mit motorischer Unruhe, Gedächtnisproblemen, Konzentrationsschwäche und anderen psychischen Problemen zu kämpfen. Ohnehin lassen sich Linkshänder nicht vollständig in Rechtshänder umwandeln, wie aus einer im »Journal of Neuroscience« (Bd. 27, S. 7847) veröffentlichten Studie hervorgeht. Allein die motorische Steuerung der Handbewegung wird in jene Hirnhälfte bzw. Hemisphäre verlagert, die bei Rechtshändigkeit dominant ist. Dagegen bleiben die übergeordneten Regionen, die an der Planung und Kontrolle von Bewegungen mitwirken, zeitlebens am selben Ort.

Bei rund 95 Prozent der Rechtshänder wird die linke Hirnhälfte als dominant angesehen. Dort befindet sich das sogenannte Broca-Areal, ein Sprachzentrum, das unter anderem die Motorik des Sprechens und die Lautbildung steuert. Im Gehirn von Linkshändern sei hingegen alles spiegelverkehrt, hört man oft. Auch das stimmt so nicht. »Bei Linkshändern zeigen sich die gleichen Asymmetrien wie bei Rechtshändern«, erklärt der Bochumer Hirnforscher Onur Güntürkün, »sie sind nur ein wenig abgeschwächter, das ist eigentlich alles.« In Zahlen ausgedrückt: Etwa 70 Prozent der Linkshänder haben – nicht anders als Rechtshänder – das Sprachzentrum in der linken Hemisphäre. Nur bei 15 Prozent erfolgt die Sprachkontrolle im rechten Hirn; die übrigen Linkshänder nutzen beim Sprechen sowohl die rechte als auch die linke Hirnhälfte.

Was die Diskussion über Linkshändigkeit besonders belebt, ist die Tatsache, dass die Motorik der linken Hand von der rechten Hirnhälfte kontrolliert wird. Denn die rechte Hirnhälfte gilt gemeinhin als der Ort, an dem sich das ganzheitliche und intuitive Denken des Menschen entfaltet. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass Linkshänder von Hause aus schöpferischer und einfallsreicher seien als Rechtshänder. Deren linkshemisphärisch geprägtes Denken verlaufe eher in logischen und abstrakten Bahnen, heißt es, was in diesem Zusammenhang nicht als Kompliment gemeint ist.

Dass Linkshänder all dies gern hören, wen wundert's. Doch wie so oft im Leben liegen auch hier die Dinge komplizierter. Zwar trifft es zu, dass beide Hirnhälften Informationen unterschiedlich verarbeiten und damit gewisse kognitive Präferenzen setzen. Oder anders formuliert: Manche Funktionen, zum Beispiel das analytische Denken, sind der Tendenz nach stärker links lokalisiert, andere, wie das ganzheitliche Denken, stärker rechts. Allerdings wäre es verfehlt, diese Präferenzen im Sinne separater Zuständigkeiten zu deuten. Denn beide Hirnhälften sind durch das sogenannte Corpus Callosum, ein Bündel von rund 250 Millionen Nervenfasern, eng miteinander verbunden. Da beide Hemisphären über diese »Brücke« ständig Informationen austauschten, sagt der Osnabrücker Psychologe Uwe Kanning, sei eine entsprechende Verortung bestimmter Begabungen letztlich ohne praktische Bedeutung. Selbst an der linksdominierten Sprachverarbeitung, so haben neuere Studien ergeben, hat die rechte Hirnhälfte nennenswerten Anteil.

Linkshändigkeit als Phänotyp ist eine sogenannte Normvariante, die nach Schätzungen bei etwa 10 bis 15 Prozent aller Menschen auftritt. Und die, wie archäologische Funde belegen, schon für unsere frühgeschichtlichen Vorfahren kennzeichnend war. Selbst Tiere bevorzugen eine bestimmte Körperseite, allerdings ist das Verhältnis zwischen rechts und links bei vielen Arten annähernd ausgeglichen. Angesichts der Tatsache, dass der Mensch hier eine Sonderstellung einnimmt, drängt sich die Frage auf: Wenn linkshändige Menschen tatsächlich so erhebliche Vorteile besäßen, wie manche behaupten – warum hat sich die Dominanz der Rechtshänder in der Gesamtbevölkerung dann nicht stärker abgeschwächt?

Nur in einigen Bereichen unserer Gesellschaft liegt der Linkshänder-Anteil über dem Durchschnitt und beträgt bisweilen sogar 55 Prozent. Etwa im Spitzensport und hier besonders bei Disziplinen wie Boxen, Tennis oder Fechten, bei denen die Wettkämpfer ihre Gegner genau beobachten müssen, um entsprechend reagieren zu können. Damit stoßen sie bei Linkshändern in der Regel auf größere Schwierigkeiten, denn die meisten Sportler sind auf die Bewegungsabläufe von Rechtshändern trainiert.

Auch unter Musikern findet man überdurchschnittlich viele Linkshänder. Manche sehen darin eine genuin linkshändige Begabung, andere vermuten soziale Einflüsse. Denn in einer Rechtshänderwelt sind Linkshänder gezwungen, auch ihre »schwächere« Hand stärker zu trainieren, so dass viele letztlich beide Hände gut kontrollieren können. Das dürfte ihnen namentlich beim Spielen eines Instruments einen nicht unerheblichen Vorteil verschaffen.

Im Intelligenztest erbringen Links- und Rechtshänder im Schnitt die gleichen Ergebnisse. Allerdings folgt aus verschiedenen Untersuchungen, dass bei den besten 0,1 Prozent der Getesteten der Linkshänder-Anteil bei 25 Prozent liegt. Eine ähnliche Häufung findet man ebenso bei Kindern mit Lernschwierigkeiten. Noch ist unklar, woraus diese Verteilung resultiert. Manche Forscher favorisieren genetische Ursachen. Denkbar wäre aber auch hier ein sozialer Hintergrund: Da Linkshänder in einer Rechtshänderwelt von klein auf viele Hürden überwinden müssen, steigern sie damit zusätzlich ihr intellektuelles Potenzial oder scheitern frühzeitig.

Dass Linkshänder kreativer seien als Rechtshänder, hält Onur Güntürkün für einen Mythos. Da helfe es auch wenig, zum Beleg lange Listen von linkshändigen Berühmtheiten zu erstellen: »Man müsste vielmehr beweisen, dass es überdurchschnittliche viele kreative Linkshänder gibt – und da fehlt einfach die Datengrundlage.«

Zudem besteht das Geheimnis der menschlichen Schöpferkraft gerade darin, dass sie Rationales und Intuitives, Abstraktes und Konkretes auf produktive Weise miteinander verbindet. Das heißt, wir benötigen normalerweise die Ressourcen beider Gehirnhälften, um kreativ zu sein. Diese Fähigkeit besitzen Links- und Rechtshänder gleichermaßen, wie auf beeindruckende Weise das Beispiel der Beatles zeigt, deren einzigartiger Erfolg ohne die musikalischen Ideen des »extremen« Linkshänders Paul McCartney nicht erklärbar wäre. Ebenso wenig wie ohne die kompositorischen Einflüsse des Rechtshänders John Lennon. Erst die Vereinigung der Genialität beider ebnete den Weg zu einer Revolution in der Musikgeschichte.

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