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Ein Plädoyer für den Tapetenwechsel

Vor einigen Wochen hat Katja Kipping ein Recht auf Urlaub für alle gefordert. Auch für Arbeitslose. Man warf ihr daraufhin Populismus und das reißerische Ausfüllen des Sommerloches vor. Möglich. Aber man sollte mal sachlich darüber nachdenken.

Ich bin wieder hier. War nur mal kurz im Urlaub. Nein, keine Angst, ich langweile jetzt nicht mit Urlaubsbildern und dergleichen. Aber dass ich mal zwei Wochen die Tapeten gewechselt habe, tat mir richtig gut.

Weg vom Job und Schreibtisch, was anderes sehen, dem Trott entfliehen – ja, das war wie Medizin für einen, der am Alltag und an eingeschliffenen Mechanismen erkrankt war. Es tat kurz gesagt einfach nur gut, mal der Tretmühle zu entkommen. Es stärkt und macht den Kopf frei, lässt Kraft sammeln und mal den Geist von den werktäglichen Grautönen distanzieren. Ich gebe zu: Diese Erkenntnisse sind Allgemeinplätze. Wenn ich jetzt noch schreibe »mal die Seele baumeln lassen«, dann ist das Maß wohl voll. Aber all das trifft nun mal zu.

Gemeinhin findet man ja, dass derjenige, der das ganze Jahr arbeitet, auch mal eine schöne Zeit haben soll. Man gönnt ihm dem Urlaub, weil er »ihn sich verdient hat«. Auch so eine Einstellung, die sich aus der hiesigen Arbeitsmoral rekrutiert. Wer fleißig ist, der kann seinen Tapetenwechsel moralisch rechtfertigen. Aber wer nicht arbeitet, der hat ja quasi gar kein Motiv für einen Urlaub. Von was will sich denn ein Arbeitsloser bitteschön erholen? Der erholt sich doch ohnehin jeden Tag. Während andere aufstehen, schläft er noch. Und wenn sie an ihrer Arbeitsstelle schuften, hockt er auf der Couch oder dem Balkon und kratzt sich den Bauch. So will es jedenfalls das übliche Narrativ vom Arbeitslosen.

Daher konnte die bürgerliche Weltauffassung mit Kippings Vorschlag gar nichts anfangen. Für die Vertreter dieser Ideologie ist Urlaub ja Belohnung, eine Art »Recht des Arbeitenden« und nicht etwas, das jeder Mensch mal früher oder später nötig hätte. In den Urlaub zu fahren ist für sie eine moralische Angelegenheit – keine, die jedem Mensch körperliche und seelische Genesung von den Symptomen des stupiden Trotts verspricht. Wie immer, macht das Bürgertum aus jeder Frage eine moralische Affäre. Und wer die Konventionen dieser Moral umstößt, wer »Urlaub für alle« fordert, der disqualifiziert sich endgültig. Der kann ja nur ein Populist sein.

Kipping lag aber nicht falsch. Offenbar hatte sie ein Gespür dafür, dass eine Flucht aus dem Alltag jedem Menschen gut tut. Auch Arbeitslosen. Oder vielleicht auch gerade ihnen. Ich meine, ich kenne deren Situation gut. Schließlich war ich selbst einige Jahre arbeitslos. Diese Tretmühle, die sich so gut wie nur noch daheim abspielt, weil man im Laufe der Arbeitslosigkeit in soziale Isolation gerät, sie desillusioniert. Dass man nicht das Geld hat, um dieser Situation für einen Augenblick zu entfliehen, raubt einem jede Hoffnung. Das ist die sprichwörtliche Decke, die einem auf den Kopf fällt. Ja, wieder so ein Allgemeinplatz, tut mir leid. Aber so ist es nun mal.

Andere können es sich erlauben, unter ihrer Decke hervorzukriechen. Nicht so Arbeitslose oder Niedrigentlohnte. Sie stecken fest im Trott, können nicht raus, müssen weitermachen, immer weitermachen und werden darüber bestimmt nicht einsatzfähiger oder hoffnungsfroher. Diese Gefangenschaft in seinen Strukturen ist der Beginn der Abstumpfung. Hier mündet man in Monotonie ein, die ganz bestimmt nicht förderlich für die Konstitution eines jeden Menschen sein kann. Darüber geht Kreativität und wacher Geist verloren. Wie soll ein Mensch, den die Eintönigkeit im Griff hat, denn jemals den Elan aufbringen, den man zum Finden eines Arbeitsplatzes benötigt? Man wird so grau im Gesicht wie es dieser nie endende Alltag ist.

So gesehen kann die Diskussion über einen »Urlaub für alle« keine moralische sein. Nüchtern betrachtet ist sie eine zweckorientierte. Lasst die Leute öfter mal die Tapeten wechseln! Das entlässt aus der Verdrossenheit und holt sie aus der Isolation heraus. Und das schadet uns als Gesamtgesellschaft ganz sicher nicht. Schadet nicht der Demokratie und dem Arbeitsmarkt.

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