Von Tom Mustroph

Geschichte unter den Füßen

»Rosemarie« - ein performativer Erinnerungsspaziergang im Volkspark Prenzlauer Berg

Der alte Alex ist nicht mehr am Alex. Mehrere Millionen Kubikmeter Schutt vom Alexanderplatz - die Angaben schwanken von drei bis fünfzehn Millionen Kubikmetern - bilden die Grundlage des Trümmerbergs im Volkspark Prenzlauer Berg. Die Kargheit dieser Art von Informationen verwandelt sich beim performativ geführten Spaziergang »Rosemarie« über eben diese künstliche Anhöhe in eine sinnliche Erfahrung. Zum einen wird man wieder einmal mit den Füßen auf die Geschichte gestoßen, auf deren Sedimenten wir Heutigen unser Leben verbringen.

Die bildende Künstlerin Sonya Schönberger ist seit Jahren fasziniert von den Fragmenten alten Lebens, aus denen die künstlich erweiterte Endmoränenlandschaft Berlins besteht. Sie hat bereits Ausstellungen aus den Scherben, zu denen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zerborstene Haushaltsgegenstände zerhäckselt wurden, gestaltet. »Man muss danach gar nicht graben. Trümmerberge sind dynamische Gebilde. Erosion legt immer wieder neue Bestandteile frei«, erzählt sie. Manche Scherben ließ sie in den letzten Jahren von Kuratoren des Werkbundarchivs bestimmen.

Beim aktuellen Projekt reichert sie das Geschichtsfragment Trümmerberg mit biografischen Erinnerungen an. Etwa 70 Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs interviewte sie dafür. Deutsche und polnische Juden sind darunter, die sich unter meist sehr abenteuerlichen Umständen im nationalsozialistischen Reich versteckten. Andere erzählen Fluchtgeschichten durch halb Europa. Wieder andere, Nichtjuden jetzt, erlebten die letzten Kriegsjahre als Abfolge von Evakuierungen und Flucht vor den Frontlinien.

Schönberger konzipiert diese biografischen Erzählungen als 1:1-Situationen von jeweils einem Schauspieler und einem Zuschauer. Zahlreiche Zweierpärchen stapfen durch den Park. Sie werden beobachtet von Obdachlosen, die im Park einen Rückzugsraum gefunden haben. Sie kreuzen die Wege von Joggern, die über die grasüberwachsenen Trümmerscherben federn.

Die Geschichten, die sie hören, verbinden sich auf subtile Art mit dem unmittelbaren Umfeld. Wenn von der Flucht des jüdischen Teenagers Richard aus dem von den Deutschen besetzten Polen nach Ungarn berichtet wird und man sich auf kleinen Pfaden durch das Dickicht schlägt, fühlt man sich für einen Moment sinnlich und körperlich in die Fluchtsituation versetzt. Steigt man im Park Treppen und erfährt dabei vom Erschlagen zweier jüdischer Frauen, die von einem SS-Kommando ein Treppenhaus hinunter gejagt wurden, dann steht vor dem inneren Auge auf jeder Treppenstufe hier im Park ein schwarz Uniformierter, und man meint, die Schläge auf dem eigenen Rücken zu verspüren. Steht man auf dem Gipfel des Trümmerbergs, dann verschmilzt der sichtbare Horizont mit den Fluchtzielen Syrien und Palästina oder den Pyrenäen, die vor der Abfahrt nach Amerika lagen.

Die von Schönberger aufgezeichneten und von ihrem Ensemble memorierten Erinnerungen mäandern durch Landschaften und durch die Zeiten. Von den frühen 30er Jahren erfolgt ein Sprung in die 40er, von dort zurück in die Erlebnisse der Eltern- und Großelterngeneration der Protagonisten vor dem Ersten Weltkrieg und währenddessen. Ereignisorte wechseln in schneller Folge. Eine deutsche Migrationsgeschichte wird sichtbar, die es an Verwicklungen, Entbehrungen und Kreuzwegen durchaus mit den aktuellen türkischen, arabischen und afrikanischen Migrationserzählungen aufnehmen kann.

Es gibt Augenzeugenberichte vom Sommer 1939, als die Truppenmassierungen beiderseits der deutsch-polnischen Grenze den damaligen Bewohnern den Kriegsausbruch bereits als gewiss erscheinen ließen. Parallelen zur Ukraine heute stellen sich ganz von allein ein. Schönberger präsentiert »Geschichte von unten«, die den Linien der »großen« Geschichte zwar folgt, sie aber auch um überraschende Details bereichert. Über das Alltagsleben untergetauchter Juden in Deutschland etwa, über Abenteuer mit der Bürokratie, wenn es um das Ausstellen von Dokumenten ging, die etwas mehr Bewegungsfreiheit - und in der Endkonsequenz Überleben - ermöglichten.

Am Ende, zurückgekehrt zum Ausgangsort, kann man sich dann mit anderen Zuschauern über die Biografien, in die sie getaucht sind, austauschen. Ein wenig Enttäuschung bleibt freilich auch zurück, weil man eben nie alles erfahren kann, was parallel erzählt wurde. Gleichzeitig wird aber wieder deutlich, wie klein die Tropfen unseres Wissens aus dem Meer der Erfahrungen der Menschen, die vorher über diesen Erdball tappten, doch ist. Ein Spaziergang, der Empathie und Demut produziert; das sind durchaus keine schlechten Effekte.

Rosemarie, 13., 14., 20., 21.9. jeweils 14.30, 16, 17.30 und 19 Uhr, Treffpunkt Eingang Volkspark Prenzlauer Berg, Judith-Auer-Straße, Karten und Info über Ballhaus Ost, Tel.: (030) 44 04 92 50

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