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Die Araberin und der Jude

Lian Najami und Daniel Mordechay aus Haifa in Israel diskutierten in Erfurt über interkulturelles Dasein

  • Von Esther Goldberg
  • Lesedauer: 3 Min.

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Eine Araberin und ein Jude aus Haifa waren ein Tag lang zu Gast in Erfurt. Bei einer Diskussion in der Kleinen Synagogen sprachen sie über Ängste und Hoffnungen und die Zukunft ihrer Heimat.

Verblüffend spannende Stunden erlebten Gäste der Begegnungsstätte Kleine Synagoge in der Erfurter Altstadt. Dorthin hatten die Landtagsfraktion der LINKEN, die Deutsch-Israelische Gesellschaft und das Evangelische Ratsgymnasium eingeladen. Zu Gast waren die 19jährige Araberin Lian Najami und der 17jährige Jude Daniel Mordechay. Begleitet wurden sie von Stefanie Horn, der Leiterin der Deutschen Abteilung des Leo-Baeck-Zentrums, das in Haifa beheimatet ist.

Die israelischen Gäste hatten einen Dokumentarfilm über die Hintergründe des 2012 aufgeführten Musicals »Step by Step Schauwa Schauwa« mitgebracht. Dieses Musical entstand während eines Projektes des Baeck-Zentrums, an dem 40 jüdische und arabische Israelis beteiligt waren. Sie alle leben in Haifa. Der Film beschreibt Vorurteile der Jungendlichen gegenüber den anderen, die Kamera hält auf die Gesichter, wenn sie »von denen« reden. Das ist Rassismus pur von beiden Seiten. Der Blick darauf geschieht schonungslos und zeigt zum Schluss doch so etwas wie eine vorsichtige Freundschaft.

»Wenn man sich kennt, gehen die Vorurteile«, heißt es dort. Dass ein solches Miteinander nicht ohne Reibung funktioniert, wurde ebenso schnell klar wie die Unterschiede in den Kulturen. »Dennoch ist Haifa eine Stadt, in der religiöse Toleranz gelebt wird«, beschrieb Thüringens LINKEN-Fraktionschef Bodo Ramelow seine Erlebnisse in Israel. Er war der Moderator des Abends.

Spannend gestaltete sich eine Frage am Rande der Veranstaltung: Kann die Zwei-Staaten-Lösung den Frieden bringen? »Das ist derzeit nicht möglich, im Symbol der Hamas ist die Karte von Palästina ohne Israel eingezeichnet«, erklärt der junge Jude. Und seine arabische Gesprächspartnerin ergänzt: »Es gäbe keine gute Lösung, wenn israelische Soldaten sich aus der Westbank zurückziehen würden. Sofort käme die Hamas an die Macht.«

Dennoch hoffen beide auf ein Miteinander. »Vor 100 Jahren gab es in Deutschland noch nicht einmal das Wahlrecht für die Frauen, heute steht hier eine Frau an der Spitze«, begründet Daniel Mordechay seine Hoffnung. Die beiden Jugendlichen engagieren sich im Leo-Baeck-Zentrum, das 1938 in Haifa als Kindergarten für jüdische Flüchtlingskinder aus Deutschland gegründet wurde. Leo Baeck war ein Rabbiner, der interkulturelle Religiösität und Humanität besonders förderte. Inzwischen betreibt das Baeck-Zentrum acht soziale Projekte für Juden und Araber und Drusen, Sportgruppen, Kindergarten und Schule. Die Deutsche Abteilung dieses Zentrums, die bereits in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegründet wurde, hat seit diesem Jahr erstmals ein Büro in Deutschland - in Berlin. »Wir wollen noch mehr Kommunikation mit Deutschland, damit das Israel-Bild nicht so einseitig bleibt«, so Leiterin Stefanie Horn. Sie war am Sonntag auf der großen Demonstration gegen Antisemitismus dabei. Die beiden Jugendlichen hingegen mussten bereits wieder nach Hause fahren. Aber auch sie sehen mit Besorgnis wachsenden Antisemitismus in Deutschland. »Ich denke, viele Menschen in Europa haben lange den vorhandenen Antisemitismus ignoriert«, erklärt sich Daniel Mordechay die zunehmenden Ausschreitungen. »Zudem glaube ich, dass er auch deshalb wächst, weil zunehmend mehr Menschen aus dem arabischen Raum nach Deutschland kommen«, fürchtet Lian Najami.

Lian Najami und Daniel Mordechay begegneten in Erfurt viel Neugier. Für die junge Araberin, die gerade ihr Politik-Studium abschließt, hielt Erfurt auch noch eine unerwartete Wiederbegegnung bereit: Am Bahnsteig stand Elke Germerodt. Die 62-Jährige lebt in Eisenach und hatte im Frühjahr während ihrer Israel-Reise Lian Najami kennen gelernt. Seither sind sie über facebook in Kontakt. »Was sie und ihr Freund von ihrem Leben mit Vorurteilen und dem langsamen Schwinden der gegenseitigen Angst erzählen, ist eine besondere Geschichtsstunde«, so das Resümee der Eisenacherin.

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