Werbung

Fiktives Tagebuch, wahre Geschichte

Mit einem Kunstprojekt wird in Berlin an die Leidensgeschichte eines jüdischen Paares erinnert

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Es hat sich nichts geändert in den letzten siebzig Jahren«, so lautet die bittere Bilanz, die die Auschwitz-Überlebende Eva Fahidi zur Situation der Juden in ihrem Heimatland Ungarn zieht. Sie meint die Haltung ihrer Landsleute gegenüber den Juden, den unveränderten Hass, der es vor siebzig Jahren den Nazis ermöglichte, innerhalb weniger Wochen fast eine halbe Million ungarischer Juden nach Auschwitz zu deportieren und die meisten von ihnen ebenso schnell zu ermorden.

Anlass zu dieser Aussage war die szenische Lesung eines fiktiven Tagebuchs des jüdischen deutsch-polnischen Künstlerpaars Felka Platek und Felix Nussbaum, die mit einem der letzten Transporte am 2. August 1944 nach Auschwitz-Birkenau kamen und dort ermordet wurden. Dazu hatten am vergangenen Donnerstag die Landesvertretung von Niedersachsen und das Internationale Auschwitz-Komitee (IAK) eingeladen.

Das Tagebuch, so erläuterte der Autor und Vizepräsident des IAK, Christoph Heubner, war Teil eines Gesamtprojekts: zu Beginn hatten Auszubildende von VW während ihres Aufenthalts in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim sich mit der Geschichte des Künstlerpaars auseinandergesetzt und dann die großflächigen Reproduktionen von Gemälden der beiden gefertigt, die am Zaun der niedersächsischen Landesvertretung gezeigt wurden.

Dann die Veröffentlichung des Tagebuchs im Internet und schließlich diese Lesung mit Eva-Maria Kurz als Felka und Gerd Grasse als Felix, die wiederum einen Beginn bedeutete: gezeigt wurden als Dias Illustrationen zum Tagebuch von Petra Rosemann, dieses Projekt ist noch nicht abgeschlossen.

Sehr gut könne sie sich in Felka Platek und Felix Nussbaum hineinversetzen, so Eva Fahidi. Als die beiden nach Auschwitz kamen, waren sie Mitte vierzig, so alt wie Fahidis Eltern damals, die auch in Auschwitz ermordet wurden. »Wir alle wussten doch, dass der Krieg für die Deutschen verloren war. Ich kann mir vorstellen, wie sie wieder Hoffnung geschöpft haben, noch ein paar Wochen oder Monate lang, aber die Deutschen waren noch stark genug, den ungarischen Holocaust durchzuführen.«

Christoph Heubner beschreibt die Kindheit der beiden Protagonisten des Projekts in Warschau und Osnabrück ohne Voyeurismus, geht auf ihre Liebe zur Kunst und den unbedingten Willen beider zu malen ein, auf die Abnabelung von den traditionellen Vorstellungen der Elternhäuser, die beide schließlich nach Berlin führte, wo sie sich in einer privaten Kunstschule in der Kantstraße kennen und lieben lernten. Das klingt zuerst so heiter wie die Namen der beiden: die Glücklichen. Aber langsam zieht das Grauen auf, etwa wenn Felka schreibt, sie habe sich als »geschützte Minderheit« porträtiert und das Bild beschriftet: »bitte leben lassen. Aber niemand hat gelacht.«

Schon früh sind die beiden auf der Flucht vor den Nazis. Sie kehren von einem Italienaufenthalt nicht zurück, als am 30. Januar 1933 Felix’ Atelier und darin all seine Gemälde verbrennen. Ihr weiteres Leben ist von Angst geprägt, Angst um die Familie, um ihr Überleben und von dem brennenden Willen, das erlebte in ihnen Bildern zu dokumentieren. Als Belgien von den Nazis überrollt wird, müssen sich Felka und Felix verstecken, schließlich werden sie bei einer Razzia entdeckt und nach Auschwitz deportiert.

Für die letzte fiktive Tagebucheintragung benutzt der Autor Beschreibungen, wie sie aus Berichten von vielen Überlebenden bekannt sind: die Enge, der Gestank, die Leichen derjenigen, die schon im Zug gestorben sind. »Sie öffnen die Tür, das Licht tut weh in den Augen. Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen.«

www.find-felka-find-felix.info

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen