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Ich bin ich

Im Ballhaus Ost vergibt Choreograf Christoph Winkler eine »Hauptrolle«

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.

Er war damals die Sensation: Arthur Mitchell, Ende der 1950er erster dunkelhäutiger Solist im ansonsten »blütenweißen« New York City Ballet. Der Mord an Martin Luther King bewog ihn, eine Compagnie aus nur schwarzen Tänzern zu gründen, Debüt 1971, bis heute aktiv und der schlagende Beweis dafür, dass Schwarze nicht nur Jazzdance können, dass der klassische Tanz keine Domäne einer bestimmten Hautfarbe ist.

Damit alles in bester Ordnung? Nein, sagt Christoph Winkler und beruft sich auf den offenen Brief eines in Bonn geborenen dunkelhäutigen Akteurs, der klagt, wie schwer es für Menschen wie ihn sei, im heutigen Theaterbetrieb an eine Hauptrolle zu gelangen. »Hauptrolle« nennt Winkler, der politische Seismograf unter Berlins zeitgenössischen Choreografen, sein neues Stück und beruft den Tänzerchoreografen Ahmed Soura zum Solisten. Diese Chance nutzt er weidlich und überaus eindrucksvoll.

Durch den knallroten Vorhang betritt er scheu die Szene, beginnt zu schuhplatteln und erzählt auf Französisch die Geschichte eines jungen Mannes aus Burkina Faso, der nach seiner Ausbildung daheim in einer Produktion von Christoph Schlingensief Europa bereist und seitdem im Spagat zwischen den Kontinenten lebt. Doch wo immer er hier auftauchte, sei er der einzige Schwarze gewesen. Was ist los in deutschen Theatern?, spitzt er seinen Eindruck zu. Und gibt den Siegfried, den deutschesten aller Parts. »Schmiede, mein Hammer« tönt dazu Wagners Held, und doch bleibt Soura im Tanz bei sich, etwas pathetisch in der Armgestik. Er repetiert auf der Bühne die Siegfried-Geschichte zu Afro-Gesang und mit afrikanischer Bewegungssprache, intensiv, raumgreifend, erdverbunden, geschmeidig, körperplastisch. Auch was er zu Alphorn-Klang erfindet, Dreher und Tippschritte, ist gut anzuschauen und geht nahtlos in den Faust über. Aus dem mit Echo versehenen Monolog wird ein Rap auf Margarete mit HipHop-Elementen.

Dann der Sprung ins gänzlich andere Fach: »Woyzeck«, zu Büchners 200. Todestag eben frisch verfilmt. Ein Interview vom Band mit den Machern, dümmlicher kaum vorstellbar. Gedreht in Berlin, wo Armut und Unbildung am größten seien, mit einem Moslem als Tambourmajor, einer Kiezgröße! Da ist er, der Vorbehalt gegen Akteure mit migrantischem Hintergrund. Soura kontert mit seiner ureigenen Geschichte: Geboren in einem Dorf als Spross von Edelleuten, aufgewachsen in einer großen Familie und mit dem Verbot zu tanzen. Erst nach dem Tod aller Verwandten darf er den Wunsch ausleben - der Tanz wird seine neue »Familie«. Das berichtet und gestaltet er vorm Plakat eines brüllenden, von weißen Kunstpalmen flankierten Löwen, im provokanten Gestus, wie Weiße sich einen »Eingeborenen« vorstellten.

Dann verfällt er depressiv in einen Text von Heiner Müller: Ich bin nicht Hamlet, spiele keine Rolle mehr, bin nur ich. Soura wird zum Roboter Hamlet-Maschine. Wo er nicht hineinkommt, kreischt er gegen Ende, zitiert Thomas Bernhardt: Es brauche künftig ein Theater, das es noch nie gegeben habe. Ein Abend für einen wandlungsfähigen, agilen Tänzerdarsteller, der seine grazilen Hände auf eine Wunde legt. Welche Folgen das haben könnte, das bleibt abzuwarten.

Nochmals 27. und 28.9., 20 Uhr, Ballhaus Ost, Pappelallee 1, Prenzlauer Berg, Tel.: (030) 44 03 91 68, www.ballhausost.de

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