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Peru entdeckt Wiederverwertung

Das Recycling von Elektroschrott ist groß im Kommen

Elektroschrott landete in Peru noch vor wenigen Jahren auf wilden Müllkippen. Besserung ist in Sicht, seit das Umweltministerium mit der Privatwirtschaft zusammenarbeitet und für das Recycling wirbt.

Einmal kurz hupend lenkt Jessica Li ihren Wagen vor das schmiedeeiserne Tor des Umweltministeriums in Lima. Trotz des Verkehrs gelingt es der jungen Peruanerin chinesischer Abstammung, kurz zu halten und den bereits wartenden Raúl Roca einsteigen zu lassen. Die beiden haben es eilig, denn heute steht wieder einmal ein Ausflug zu einer Informationsveranstaltung des Umweltministeriums an. Dieses Mal geht es nach Cusco, der peruanischen Touristenmetropole und der drittgrößten Stadt des Landes. »Dort werden wir über den Sinn des Recycling von Elektrogeräten aus Haushalt und Büro informieren und über die Abgabestellen in Cusco«, erklärt Raúl Roca.

Roca ist im Umweltministerium für die Abteilung Recycling verantwortlich und bemüht sich, die Recyclingquote in Peru zu steigern. Dabei liegt ein wesentliches Augenmerk auf der Entsorgung von Elektroschrott, der in Peru immer noch zu großen Teilen in Flammen aufgeht. Vier bis fünf Kilo Elektroschrott fallen derzeit pro Kopf und Jahr in dem schnell wachsenden lateinamerikanischen Land an und der Recyclingsektor steckt noch in den Kinderschuhen. Zwar wird auf den Müllkippen des Landes Plastik, vor allem Flaschen, Konservendosen, Glas und Pappe herausgesammelt, bei Elektroschrott ist die Quote aber noch gering.

Das beginnt sich zu ändern. Das größte Unternehmen Perus in diesem Bereich heißt San Antonio Recycling. Dreißig Mitarbeiter arbeiten für die Familie Li, die ihren Betrieb in San Juan de Lurigancho aufgebaut hat. Das Areal in einem Industriegebiet am Rande des Zentrums von Lima ist aber schon wieder zu klein. Kühlschränke türmen sich auf einem Dachvorsprung, bündelweise stapeln sich Computerplatinen auf dem Gelände, während alte Bildschirme, Radios, Bügeleisen und Co. in stabilen Drahtkörben auf ihre Demontage warten.

Dafür sind ein gutes Dutzend Männer in einer offenen Halle verantwortlich. Die stehen an stabilen Tischen, worauf Akkuschrauber und Werkzeuge liegen, von der Decke hängen über einigen der Werktische Pressluftleitungen. »2005 haben wir in der Familie über die Idee uns als Recycler selbstständig zu machen, erstmals diskutiert. Mein Bruder und mein Onkel Li waren die treibenden Kräfte«, erklärt Jessica Li. Die Frau von Anfang dreißig war davon anfangs alles andere als begeistert, denn als Archäologin träumte sie schließlich davon, sich mit einer großen Ausgrabung in Peru einen Namen zu machen. Nun macht sie Schlagzeilen bei der Entsorgung von Elektroschrott.

Jessica Li ist es, die das kleine Unternehmen nach außen vertritt und für die Idee des Elektroschrott-Recycling landauf landab wirbt. »Alle zwei, drei Monate bin ich mit einem oder mehreren Mitarbeitern aus dem Umweltministerium unterwegs und stelle die neuen Richtlinien und unsere Arbeit als Unternehmen vor«, erklärt die umtriebige Frau.

Die Entsorgungsrichtlinie, die im Juni 2013 von Unternehmen wie LG, Xerox oder Whirlpool, großen Importeuren, Entsorgern wie San Antonio Recycling und den verantwortlichen Ministerien zustande kam, ist für Familie Li ein Glücksfall. »Sie sorgt dafür, dass der Elektroschrott zu uns kommt und wir ihn nicht mehr suchen und teilweise auch aufkaufen müssen«, erklärt Jessica Li. So haben die Lis nämlich angefangen und die kleine Bude, die sie angemietet hatten, wurde alsbald zu klein. Das ist auch derzeit wieder der Fall und so träumen die beiden Geschäftsführer, Antonio und Jessica Li, davon, ihr Unternehmen neu aufzustellen. Zwei Millionen US-Dollar wollen sie in ein Grundstück investieren, eine Million US-Dollar in den Bau und die noch fehlenden Spezialgeräte. Dazu gehört auch das Gerät, welches die Kühlflüssigkeit aus den Kühlschränken saugt, oder die Maschine, die vollautomatisch Kabel von ihrer Kunststoffummantelung befreit.

Die Entscheidung liegt nun bei den Banken, die das Geschäftsmodell der Lis bisher kritisch beäugen. Das hat seinen Grund, denn Recycling ist in Peru noch ein sehr junges Geschäftsmodell und Perus Banken scheuen das Risiko. Immerhin haben die Lis das Umweltministerium hinter sich und die Entsorgungsrichtlinie. Die legt fest, dass die Unternehmen und Importeure nachweisen müssen, dass sie ein Recycling-System aufbauen. Die Verordnung, die Ende 2013 implementiert wurde, sorgt dafür, dass Geräte zurückgenommen und weiter gesendet werden. Zum Beispiel zu den Lis, aber auch zu drei, vier konkurrierenden Unternehmen, die sich bisher den Recyclingmarkt in Peru teilen. Der ist noch klein. Zwar ist die Recycling-Quote bei Elektroschrott zwischen 2009 und 2011 von acht auf zwanzig Prozent, aber es fehlt noch ein gutes Stück, bis man bei Schweizer Verhältnissen ist. Dort werden 85 Prozent des Elektroschrotts recycelt. Für die Lis, die ihre Angestellten anständig bezahlen, zahlt sich das Modell schon aus. Für jede Tonne vorsortiertes Hartplastik, welches in die USA exportiert wird, erhält das Unternehmen 500 US-Dollar. Bei Computerplatinen, die meist nach Japan gehen, ist es deutlich mehr, bei Kupferkabel, die bis dahin in China vom Kunststoff befreit werden, ebenfalls. In Peru selbst wird noch kaum etwas wiederverwertet. Aber auch das soll sich in der Zukunft ändern, hoffen die Ingenieure im Umweltministerium. Die wurden von deutschen und Schweizer Experten beraten und träumen von europäischen Rücknahmequoten.

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