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Von der Vergangenheit eingeholt

Im Theater: »Zorn« von Joanna Murray-Smith in Potsdam

Es ist eine Grundkonstellation der jüngeren Stücke, deren Gegenstand die Scheinwelt der bürgerlichen Wohlstandsgesellschaft ist: In die scheinbare familiäre Harmonie und Wohlanständigkeit bricht unerwartet das Chaos ein. In »Der Gott des Gemetzels« von Yasmina Reza, dem Pilotstück dieser Bauart, geraten sich zwei Ehepaare zunächst verbal und dann ganz handgreiflich in die Haare, weil der Sohn des einen Paares dem des anderen zwei Zähne ausgeschlagen hat und der nun einsetzende Streit Lebenslügen der Eltern zerplatzen lässt. Auch in »Zorn« gib es den Streit der Eltern über Verfehlungen ihrer Kinder. Joe, der Sohn einer preisgekrönten Hirnforscherin und eines Erfolgsschriftstellers hat fremdenfeindliche Graffitis an eine Moschee gesprüht, assistiert von Trevor, dem Sohn eines Automechanikers.

Die gegenseitigen Vorwürfe verfehlter Erziehung sind schnell bei der Hand: der biedere Mechaniker soll nach Meinung des Schriftstellers durch seine rechtsextremen Sprüche seinen Sohn auf die schiefe Bahn gebracht haben und der so angegriffene Vater behauptet, dass die realitätsferne Harmonie des Oberschichtenhaushalts den Graffiti-Sprayer Joe zum Protest herausgefordert und zur Wahnsinnstat verführt haben soll. Zum Gemetzel kommt es nicht, weil die Hirnforscherin Alice von ihrer Vergangenheit eingeholt wird. Als Mitglied einer studentischen Anarchistengruppe war sie einst - angewidert von der saturierten Gesellschaft - an einem Bombenattentat beteiligt, dem der Vater der anwesenden Journalistin Rebecca zum Opfer gefallen ist. Die Ereignisse überschlagen sich: Joes Vater fühlt sich hintergangen und will aus der ehelichen Wohnung ausziehen, der Sohn will das verhindern, weil sein Harmoniebedürfnis wieder erwacht ist, die Mutter will den zu Unrecht bestraften Proletariersohn entschädigen und fleht am Ende in einer Aufwallung von Gerechtigkeitsgefühl um ausgewogene Verteilung von Glücksmomenten.

Nicht nur von der Geschehnisdichte sondern von der schauspielerischen Ausformung her wird die Szene um Alices Schuldeingeständnis zum Höhepunkt des Abends. Der wird getragen von Andrea Thelemann, der Darstellerin der Hirnforscherin. Sie vermag, die vom Text gleichsam unter Verschluss gehaltenen Situationen aufzubrechen. Tiefe und Dringlichkeit bestimmen nun den Spielgestus. Schon in den vorherigen Auseinandersetzungen ging etwas Unergründliches von dieser Figur aus. Im Wechsel von Selbstironie und Überlegenheitsgefühl, von schwermütiger Trauer und hektischem Aktionismus war ein Geheimnis zu vermuten. Wie sie dann die Auflösung des Geheimnisses spielt, das wird zum schauspielerischen Ereignis.

Um Vertrauen buhlend behauptet sie, von der Bombe in dem von ihr übergebenen Koffer nichts gewusst zu haben. Wenn sie dann von Sartres Theorien, von der Faszinationskraft des Barrikadenkampfes und von Jugend und Leidenschaft schwärmt, ist es, als ob sie alles noch einmal erlebt. Die Wut auf die verhasste, zur Erneuerung nicht fähigen Gesellschaft lässt sie in irrationaler Hysterie am gerade angerichteten Salat aus und wenn sie das Unentschuldbare ihrer Tat begreift, verweist sie kleinlaut und fast tonlos auf ihr geringes Lebensalter von damals.

Von ähnlicher Glaubwürdigkeit ist auch der junge Alexander Finkenwirth als Sohn Joe. Sein Spiel geht über modische jugendliche Aufmüpfigkeit hinaus. Unter dem ziellosen Protest scheint die Tragödie eines vergeblich Suchenden und Unberatenen auf. In seinen Ausbrüchen erinnert er an die ungezügelte Wut der Mutter. Mit dem Blick auf beide Figuren hat ja die Autorin in einem Interview vom »Radikalismus, der in unseren Genen verankert« sei gesprochen.

Neben den hier beschriebenen Einzelleistungen fällt jedoch ein Leistungsgefälle der Darsteller ins Auge. Axel Sichrovsky gewinnt als Lehrer kaum individuelles Profil und Denia Nironen als die Journalistin Rebecca vermag es nicht deutlich zu machen, dass ihr Interviewwunsch nicht nur beruflichem Interesse geschuldet, sondern Teil ihrer Spurensuche nach den Schuldigen am Tod ihres Vaters ist.

Regisseur Elias Perrig versucht mit unterschiedlichem Erfolg, dem sperrigen Text mit inszenatorischen Mitteln szenisches Leben einzuhauchen. Dazu gehört der kalkulierte Wechsel von laut und leise, von gesteigertem Tempo und plötzlichem Stilstand. Die gelegentliche, auf Einverständnis zielende Ansprache an das Publikum wird jedoch - weil eher zufällig ausgewählt - kaum zum überzeugenden Stilprinzip. Insgesamt ein Abend, der von einzelnen schauspielerischen Leistungen lebt, die Bühnentauglichkeit dieses Stücks aber nicht schlüssig beweisen kann.

Nächste Vorstellungen: 5.10., 22.10.

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