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Konstruktive Kreativität

Hermann-Glöckner-Ausstellung zum 125. Geburtstag in der Berliner Villa Grisebach

In dem 1984 von Jürgen Böttcher (Strawalde) gedrehten Fernsehfilm »Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner« sieht man den 95-jährigen Künstler in seinem Dresdner Atelier mit sicherer Hand immer wieder Schwünge, Kurven, Kreise, Schleifen und Spiralen auf dem Zeichenpapier ziehen. Jetzt kann man verweilend im letzten Raum der Nachlass-Ausstellung in der Villa Grisebach vor diesen Kreidezeichnungen stehen. Folgen wir den Wegen der Linien, die von irgendwoher kommen und irgendwohin laufen, so wird alles zu einer sehr beredten Schrift, die in ihrem Ablauf von Anfängen und Abbrüchen, Verschlingungen und Entwirrungen, Berührungen und Abstoßungen, Annäherungen und Entfernungen berichtet. Lebenslinien, Zeichnungen im Raum. Die wie absichtslos begonnenen linearen Elemente sollen in die fließenden Gesten eines kontrollierten rhythmischen Kontinuums überführt werden. Man steht voller Ergriffenheit vor diesen fast psychographischen Mitteilungszeichen einer bewundernswerten menschlichen Existenz. Dieser Künstler hat sich der herrschenden Ideologie der Nationalsozialisten verweigert, in der DDR erfuhr er erst im hohen Alter Würdigung.

Als Nebeneinander und Durchdringung von konstruierender und informeller Gestaltung hat Werner Schmidt, Initiator der Dresdner Jubiläumsausstellung von 1989 und einer der besten Kenner Glöckners, das Werk des Künstlers auf eine prägnante Formel gebracht. Aus dem Dresdner Nachlass des 1987 in Berlin verstorbenen Künstlers werden in der Villa Grisebach mehr als 150 plastische, malerische und zeichnerische Werke gezeigt - zum Teil erstmals in der Öffentlichkeit.

In den frühen Arbeiten - Landschaften, Stillleben, (Selbst-)Bildnisse, Akte - erweist sich der Künstler als Weggefährte zeitgenössischer Kunstbestrebungen. Mit dem Expressionismus der »Brücke«-Künstler scheint er weniger in geistiger Verbindung gestanden zu haben als vielmehr von den konstruktiv-expressiven Tendenzen Kandinskys, Klees oder den organisch-konstruktiven Oskar Schlemmers im Bauhaus geprägt zu sein. Das Nebeneinander von imaginativer und konstruktiver Kreativität ist ebenso ablesbar wie der Wille zur Vereinfachung und Elementarisierung der Ausdrucksgestik, die Besinnung auf den klaren geometrischen Bildaufbau. Fungiert die Farbe schon als Handlungsträger, so haben diese Arbeiten noch eine mehr atmosphärische Funktion.

Glöckner gelangt dann zu Zusammenordnungen einfachster geometrischer Formen in den drei Grundfarben - dazu Schwarz und Weiß, die »Nichtfarben« - auf der reinen Fläche. Konzentrische Kreise werden um einen schwarzen Kern gelegt, horizontale und vertikale Achsen durchs Mittelfeld gezogen, Strahlenbündel auf farbigem Grund reflektiert, Vierecke und Rechtecke übereinandergelegt, helle Winkel über dunkle Kurven gezogen. Oder die Bildfläche verwandelt sich in ein Kontinuum von kleinen Episoden: der Farbfleck, der Spritzer und Tupfen des Pinsels, die bewegte Linie beziehen den Zufall mit ein.

In den Dorf- und Industrielandschaften, den Giebel-, Dächer- und Dreieckskonstruktionen der späteren Zeit sind Anklänge an die Realität mit einer aus gebauten Formen zusammengesetzten, geometrischen Zeichnung vermischt worden. Das Experimentieren Glöckners reicht schließlich von der Beschäftigung mit dem Wirklichkeitsabfall bis zum handwerklichen Kombinieren und Konstruieren. Die Collage, zunächst reine Improvisation, erweitert sich seit den 1960er Jahren zur Assemblage, zu raumplastischen Materialbildern. Es kommen ganz unterschiedliche Faltungen des Papiers, verbunden mit dem Einfärben der Fläche, hinzu. Kontrast und Umkehrung, bereits Prinzip seines großen konstruktivistischen Tafelwerkes, erfahren eine mannigfaltige, souveräne Gestaltung.

Obwohl Glöckner schon in den 1930er Jahren mit dreidimensionalen Gestaltungen begann, bilden sie erst seit den 1950er Jahren eine Dominante seines Schaffens. Er sah in einem flachen Brett oder einer geometrisch geschnittenen Fläche die dem Holz am besten entsprechende Form. Er ritzte, durchbohrte, bemalte oder lackierte die Holzplatte, hängte sie drehbar oder verklammerte sie zu Scheiben. Metall wurde als dünnes Blech zu sich durchdringenden Rechtecken zugeordnet, räumlich gebrochen oder gefaltet. Mit ihren offenen Formen, architektonischen Korrelationen, ihren Farbstufungen, ihrer Transparenz und Raumdurchdringung vermitteln die plastischen Gestaltungen den Eindruck von Schwerelosigkeit, ohne Masse.

Hermann Glöckner. Zum 125. Geburtstag. Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, Mo-Fr 10-18.30, Sa 11-16 Uhr, bis 1. November. Katalog.

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