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Idylle mit Ablaufdatum

Wie Aktivisten in Leipzig versuchen, trotz des »Hypezig«-Booms Freiräume in der Stadt zu erhalten.

  • Von Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 7 Min.

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Die Idylle ist kaum ein halbes Jahr alt. Im vorigen Sommer wucherten auf der Brachfläche, die zwischen Mietshäusern abseits der Eisenbahnstraße in Leipzigs Osten liegt, noch Unkraut und Gestrüpp. Nun ragen Sonnenblumen zwischen Hochbeeten auf, in denen Kürbisse leuchten; prächtige Tomatenpflanzen recken sich im Gewächshaus. Nicht nur Gärtner haben ihre Freude. Im schattigen Grün gibt es einen Lehmbackofen und eine Bar; zwischen Bäumen ist eine Leinwand gespannt, über die an Sommerabenden Filme flimmern. Und sollte einer nur träumen wollen, kann er auf einem Sofa lümmeln, das komplett mit Gras bewachsen ist.

Die Idylle hat indes ein Ablaufdatum. »Drei Jahre können wir die Fläche nutzen«, sagt Luise Schöpflin von der Initiative »Querbeet«. Die hat für das Grundstück, das zu je einem Teil zwei Investoren aus Süddeutschland und aus Belgien gehört, Verträge zur Zwischennutzung erhalten. Zweimal noch Kartoffeln legen und Zwiebeln ernten, zwei Sommer lang Konzerte, Vorträge und kleine Festivals. Sollten die Investoren die Baulücken schneller füllen wollen, wäre früher Schluss - notfalls binnen zwei Wochen.

Immerhin: Noch gibt es den Garten von »Querbeet«, einer Initiative, die im grauen November 2011 mit dem Ziel ins Leben gerufen wurde, grüne Freiräume in Leipzig zu erobern. Aus Flächen, die gerade nicht für andere Zwecke genutzt werden, sollen »Ideenspielplätze« werden, wie Schöpflin formuliert. Was das heißt, ließ sich ab März 2012 auf einer ersten, 5500 Quadratmeter großen Fläche besichtigen. In den Hochbeeten, deren Holz aus der Heeresbäckerei einer alten Kaserne stammt, buddelten junge Eltern und ihre Kinder, Anwohner und Migranten. Vereine und Kindergärten konnten Patenschaften für Beete übernehmen. So wurde der Garten zum Treffpunkt im Viertel. Als er nach der zweiten Saison einer Kita weichen musste, wanderte man mit der Idee auf die neue Fläche. Schon im ersten Sommer gab es hier den »Flimmergarten«, ein Festival für Dokumentarfilme; dazu Workshops über Solarenergie. Im nächsten Jahr, sagt »Querbeet«-Mitgründer Richard Oertel, geht es dann um Färberpflanzen oder um selbst gebrautes Bier.

Gärten wie die von »Querbeet« sind ein Beispiel dafür, wie es Graswurzelinitiativen und nicht kommerziellen Projekten in Leipzig gelingt, Brachen, leer stehende Häuser und verlassene Fabrikgebäude zu nutzen - Flächen und Gebäude, für die sich im Verwertungskreislauf des Kapitals zumindest bis vor kurzem kaum jemand interessierte. Es gab in Leipzig schlicht zu viele davon. Die Stadt, die zeitweise mehr als 700 000 Einwohner zählte und als Industriestadt galt, verlor nach 1990 viele Betriebe und Bürger; in Stadtteilen wie Lindenau oder dem Leipziger Osten gab es reihenweise leer stehende Mietshäuser aus der Gründerzeit, dazu Fabrikgelände, die zuwucherten. Weil die Zahl der Wohnungen ungleich größer war als die potenzieller Mieter, hatten Eigentümer wenig Interesse, Häuser zu sanieren oder Brachen zu bebauen.

Von Szenevierteln wie Connewitz und der Südvorstadt oder dem Waldstraßenviertel abgesehen, gab es viel Verfall - und damit viel Platz für nichtkommerzielle Initiativen. »Eigentümer sind an Wertsteigerung im kapitalistischen Sinne interessiert«, sagt Richard Oertel von »Querbeet«: »Wir betreiben Aufwertung in einem anderen Sinn.« In den Gärten geht es um Kultur, Gemeinschaft, Austausch, Debatten - kurz: um eine lebendige Stadtgesellschaft. Das ist besonders wichtig in einem Quartier wie dem an der Eisenbahnstraße, in dem 17 Prozent Migranten wohnen und das bei Ordnungspolitikern und Polizei deshalb als »Gefahrenbereich« gilt.

Dass sich in Leipzig die Interessen von Eigentümern und Initiativen jenseits des Kommerzes zeitweise sogar trafen, dafür ist nicht nur »Querbeet« mit seiner vom Grundbesitzer geduldeten Zwischennutzung der Flächen ein Beispiel. Auch für Häuser wurden zeitweise händeringend solche Interimsnutzer gesucht. Bekannt wurde etwa die Idee der »Wächterhäuser«. Interessenten sollten Gebäude vor Verfall und Vandalismus bewahren, indem sie in den Räumen wohnten und sie heizten. Kreative und handwerklich Begabte konnten so für wenig Geld Wohnungen und Läden nutzen. Zugleich wurden das Stadtbild prägende Mietshäuser erhalten und Stadtteile wie Lindenau, deren Ruf am Boden war, wieder belebt.

Freilich: Auch das ist eine Idylle mit Ablaufdatum. Ein Vierteljahrhundert lang galt Leipzig als ein Paradies für Menschen, die viele Ideen, aber wenig Geld hatten. Ateliers, Werkstätten und Wohnungen waren für wenige Euro zu mieten. Käufer von Immobilien machten derweil einen Bogen um die Stadt, weil es dort nichts zu verdienen gab. Seit zwei, drei Jahren ändert sich das rapide. Eine Boulevardzeitung meldete kürzlich, dass Anleger den Leipziger Immobilienmarkt »stürmen«. »Der Zug«, sagt Roman Grabolle, »kommt ins Rollen.«

Grabolle, ein studierter Archäologe, arbeitet im Bündnis »Leipzig für alle«, das sich 2011 gründete und dafür sorgen will, dass in Leipzig nicht nur die bürgerliche Mittelschicht leben kann, sondern auch Alleinerziehende, Migranten oder Familien mit kleinen Einkommen eine Wohnung finden. Als das Anliegen vor drei Jahren erstmals öffentlich artikuliert wurde, erntete man verständnislose Reaktionen, sagt Grabolle: »Es hieß: Habt ihr sie noch alle?!« Phänomene wie Gentrifikation und Verdrängung schienen jenseits der Südvorstadt undenkbar; dass Wohnungen knapp und Mieten für viele Menschen zu teuer werden könnten, ebenso.

Drei Jahre später hat sich der Wind gedreht. Leipzig gilt als »Boomtown« des Ostens. Jedes Jahr ziehen 10 000 und mehr Menschen in die Stadt, die Geburtenzahlen steigen. Verstärkt zu werden scheint der Sog durch Medienberichte. Unter dem summenden Stichwort »Hypezig« wird bis in die USA über die Stadt und ihre fast unbegrenzten Möglichkeiten berichtet - was zu weiterem Zuzug animiert .

Die Folgen sind bis jetzt mehr zu ahnen als zu sehen. In Lindenau, wo Grabolle in einer Wohnung mit blanken Dielen in einem unsanierten Altbau lebt, stehen noch immer reihenweise Häuser leer. »Aber die meisten sind verkauft«, sagt er - und in vielen hat die Sanierung begonnen. Der Leerstand sei zuletzt dramatisch geschrumpft, sagt Cilia Lichtenberg, die an der Bauhausuni Weimar eine Masterarbeit über den Leipziger Wohnungsmarkt schreibt und im Bündnis mitarbeitet. »Von einst 40 000 ist er auf 23 000 gesunken«, sagt sie; in der Innenstadt liege er in manchen Vierteln bereits unter drei Prozent. Die Mieten scheinen zwar im Vergleich zu Städten wie München, Berlin oder selbst Dresden noch moderat. Allerdings beträgt auch das durchschnittliche Einkommen nur 1500 Euro - je Haushalt, betont Grabolle. Selbst eine moderat steigende Miete können viele Familien nicht verkraften.

In die beginnende Debatte, wie mit der Entwicklung umgegangen werden soll, mischt sich das Bündnis »Leipzig für alle« auf vielfältige Weise ein. Auf der Internetseite findet sich ein Papier, das man den abwiegelnden Thesen der Immobilienverbände entgegen setzte und in dem vielfältige Forderungen erhoben werden - von einer Stärkung kommunaler Vermieter bis zur Mietpreisbremse. Lichtenberg hält es auch für notwendig, dass die Stadt Grundstücke preiswert an Investoren abgibt, um Neubau zu erschwinglichen Mieten zu ermöglichen. Generell, sagt Grabolle, gehe es »um die Erhaltung und Schaffung von Freiräumen«.

Für eine in Leipzig ungewöhnlich populäre Form engagiert sich Grabolle besonders: Wohnprojekte, wie sie auch in Lindenau derzeit an mehreren Stellen entstehen. Es handelt sich um Häuser, die Gruppen im Kollektiv erwerben und zu einem guten Teil in Eigenleistung ausbauen. Die Häuser werden nicht in Eigentumswohnungen aufgeteilt, sondern bleiben in gemeinschaftlichem Besitz. 60 solcher Projekte gebe es in Leipzig, sagt Grabolle - manche als Genossenschaft, andere als Verein oder GmbH. Sie können als Gegenentwurf zum renditegetriebenen Immobilienboom gelten: Es gehe um solidarisches Miteinander, Selbsthilfe - und darum, die Sanierung an Bedürfnisse und finanzielle Möglichkeiten der Beteiligten anzupassen. Bei der »Punkvariante«, bleiben Fassaden ungeputzt und Kachelöfen erhalten; es gibt aber auch ökologisch orientierte Vorhaben. Weil auf Profit verzichtet wird, könne man indes »auch in solchen Fällen bei Mieten von drei Euro kalt landen«, sagt Grabolle, der als Mitglied im »Haus- und Wagenrat« viele der Projekte berät und betreut.

Auch hier werden jedoch die Zeiten härter. Vor fünf Jahren habe man Altbauten in passablem Zustand »für einen Apfel und ein Ei« kaufen können, sagt Grabolle; nun sind die Häuser »viel teurer - und viel kaputter«. Auch in diesem Falle entpuppt sich Leipzig als Idylle mit Ablaufdatum.

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