Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Hochkultur und Off-Theater

Der Schauspieler Krikor Melikyan 90

  • Von Marc Hairapetian
  • Lesedauer: 2 Min.

Den schauspielerischen Ritterschlag erhielt Krikor Arakel Melikyan von höchster Stelle: An der Theaterschule Düsseldorf wurde er ab 1947 von Gustaf Gründgens (1899-1963) ausgebildet, der ihn später ans Düsseldorfer Schauspielhaus holte. Mit den Schauspielerstars jener Tage wie Horst Caspar, Antje Weisgerber oder Paul Hartmann stand er gemeinsam auf der Bühne. Es folgten Engagements an Helene Weigels Berliner Ensemble und Erwin Piscators Volksbühne. Später kamen circa 50 Kino- und Fernsehfilme sowie Synchronarbeiten dazu. Zudem schrieb der Wahlberliner und zweifache Vater Theaterstücke, Hörspiele, Rundfunkfeatures und Buchkritiken. Am 5. Oktober wird Melikyan 90 Jahre alt.

Seine Familiengeschichte ist tragisch - so wie das Schicksal vieler Armenier, die im Osmanischen Reich bereits Ende des 19. Jahrhunderts Repressalien im Sultanat erdulden mussten, noch bevor ihnen auf Anweisung des Jungtürkischen Innenministers Talaat Pascha »das Recht zu arbeiten und zu leben« gänzlich verweigert wurde. So wurden Krikor Melikyans aus der Nordtürkei stammenden Großeltern von Türken und Kurden umgebracht.

Den Krieg überlebte Melikyan, indem er sich bei der Marine meldete, »in der Hoffnung, dass die Front dadurch weiter für mich entfernt sein würde«, sagt der überzeugte Pazifist. Nach 1945 kam er über die Umwege eines Pädagogikstudiums zum Theater.

Wie aber war die erste Begegnung mit Gustaf Gründgens? »Meine Schlagfertigkeit muss ihm irgendwo imponiert haben. Als ich zur Aufnahmeprüfung erschien, fragte er: ›Was wollen Sie mit dem armenischen Namen am deutschsprachigen Theater?‹ Ich entgegnete kühn: ›Burgtheater-Direktor werden!‹ Eine Anspielung auf den Armenier Raoul Aslan, der von 1945-1948 tatsächlich Direktor dieses für mich heiligen Grals war und später Trauzeuge des unvergessenen Oskar Werner wurde. Gründgens nahm mich dann mit zwei anderen männlichen Bewerbern unter 150 weiteren an.«

Neben Engagements und Regiearbeiten in der Schweiz erinnert sich Melikyan auch gerne an seine TV-Auftritte in Straßenfegern wie »Stahlnetz« (1968) oder »Ein Mann will nach oben« (1978). Und an die Gründung des ersten Off-Theaters Westberlins: Das »Studio Diogenes« leitete er mit seinem Kollegen Günter Meisner. Noch heute trägt Melikyan Rezitationen vor und schreibt Literaturrezensionen, aber auch kritische Briefe an den türkischen Präsidenten Recep Erdogan, die »natürlich« unbeantwortet blieben.

Dafür hat ihn kürzlich der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin, dessen neuer Film »The Cut« den Völkermord an den Armeniern mit beklemmenden Bildern thematisiert, zu Hause besucht. Melikyan zitiert lächelnd Humphrey Bogart in »Casablanca«: »Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln