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Schiffe versenken? Schätze heben!

Sewan Latchinians neues Volkstheater Rostock startet mit einem »Stapellauf« in die Saison

Lauter lebende Skelette, ehemalige Passagiere und Besatzungsmitglieder, die sich und andere bis zum Schluss über ihre wahre Situation betrügen. So beginnt die Oper von Wilhelm Dieter Siebert »Der Untergang der Titanic« von 1979 auf dem Theatervorplatz. Ein ambitioniertes Stück moderner Musik - und Latchinians erste Opernregie. Hier wird das ganze Haus bespielt, denn irgendwann müssen die Zuschauer natürlich vom sinkenden Schiff. Das ist furios, das hat Witz und Tempo. »Ich wollte gleich am Anfang zeigen, welche Möglichkeiten das Musiktheater hat, welche Schätze es hier noch zu heben gilt«, so Latchinian.

Doch immer wieder drängelt sich die Politik vor die Kultur. Wie eine neidische Gouvernante, die der jungen hübschen und vielversprechenden Schutzbefohlenen die Aufmerksamkeit nicht gönnt. In Mecklenburg-Vorpommern ist dieses Drama der Missachtung längst zur politischen Posse geworden, über die man stillschweigend hinweggehen könnte (und sollte), wenn nicht soviel Herzblut derer daran hinge, die dennoch beharrlich versuchen, etwas im Lande zu erhalten, von dem sich die Politik längst dabei ist zu verabschieden.

Mitten in die ersten schweren Wochen des Neustarts am Volkstheater platzen wieder neue Kürzungsforderungen, die tags darauf modifiziert, dementiert, bekräftigt oder noch einmal verschärft werden! Landes- und Stadtpolitik haben sich anscheinend an dieses Spiel mit politischer Erpressung in den letzten beiden Jahrzehnten (!) so gewöhnt, dass sie damit nicht aufhören können, nicht einmal, um dem Theater die Atempause zu gönnen, die es braucht, um seine Existenzberechtigung in der Hansestadt zu beweisen: mit künstlerischen Mitteln.

Wie soll man es nennen, wenn Rostocks Oberbürgermeister Meth- ling zur umjubelten »Stapellauf«-Premiere ins Volkstheater kommt, mitjubelt und nur wenige Tage später fordert, das Haus müsse in den kommenden Jahren zwei Sparten (Musiktheater und Tanz) einsparen? Und das nur, um so der Zielvorgabe der Landespolitik gerecht zu werden, an der wiederum Zuschüsse hängen, die nicht voll ausgezahlt werden, solange sich die Stadt dagegen sperrt. Das meint vor allem eine Fusion mit dem Staatstheater in Schwerin. Was ist Ziel von Theater? Einsparungen, Fusionen?

Das perfide Spiel um Minister Brodkorbs »Theaterreform« also geht weiter. Am 2. Oktober titelte die Ostseezeitung: »Bürgerschaft stimmt für Spartenabbau.« Wenn das Theater künftig statt mit 16,6 Millionen Euro (immer noch unterfinanziert) gar künftig mit nur 12 Millionen auskommen soll, dann scheint das allerdings unvermeidlich. Der neue Intendant Sewan Latchinian aber will sich dieser Schwarzmalerei nicht anschließen. Für ihn bleibt die Rostocker Bürgerschaft ein wichtiger - der einzige? - Partner, wenn es um den angestrebten Erhalt des Vierspartenhauses geht. In einer Hausmitteilung des Volkstheaters werden die Bürgerschaftsbeschlüsse vom 1. Oktober sogar »vorsichtig optimistisch« bewertet. Immerhin, dem Haustarifvertrag mit der Norddeutschen Philharmonie sei zugestimmt worden (das bringt dem Theater ein Plus von 12 Millionen Euro), und wenn das Land seine Zahlungen tatsächlich noch in diesem Jahr kürzen sollte, dann würde der Fehlbetrag von der Stadt übernommen werden.

Im Übrigen sei die Ziel-Diskussion offen, das Vierspartenhaus will seine Existenzberechtigung in den nächsten zwei Jahren beweisen. Diese Atempause habe man jetzt, so Latchinian. Und in dem reichlich schizophren wirkendem Verhalten des Oberbürgermeisters sieht er jene zwei Seelen am Werk, die einen spaltbreit Hoffnung lassen. Wenn das Theater mit allen Sparten seine Strahlkraft wiedererlange, dann werde man auch Wege finden, diese zu erhalten, da ist sich Latchinian sicher. Und mehr Zuschauer, das heißt auch höhere Eigeneinnahmen.

Bislang erdrückten solcherart fortgesetzt unerfreuliche Finanzierungsdiskussionen jedes zarte Pflänzchen, das sich künstlerisch am Volkstheater zu regen begann. Aber mit einem ebenso notorisch optimistischen wie klug diplomatischen Kraftgenie wie Latchinian ist diese dumpfe Decke der Provinzialität, die auf dem Volkstheater lastete, plötzlich wie weggezogen. Die hässlichen, die Kunst missachtenden Stimmen sind zwar immer noch vernehmbar, aber sie wirken plötzlich für jeden, der aus einer Vorstellung des Rostocker Volkstheaters kommt, nur noch auf abstruse Weise an jenen neuen Realitäten vorbeigehend, die das Theater hier mit einem hinreißend lustvollen und klugen Spielzeitbeginn geschaffen hat.

Und darüber vor allem wird nun in Rostock geredet. Die Sehnsucht des Publikums, sich endlich wieder begeistern zu können bei dem, woran es in diesen acht Stunden dauernden »Stapellauf«-Eröffnungsmarathon teilhat, ist mit Händen zu greifen. Die Lethargie ist vorbei, Latchinian ist in Rostock angekommen.

Drei abendfüllende Stücke hintereinander, sämtlich in der Regie des Intendanten, das ist das Spektakel-Programm, das Latchinian in Senftenberg bereits erprobt hatte. Dazwischen je zwei einstündige Pausen, in denen man essen, trinken und reden kann. Das Theater als Begegnungsraum, auch das ist Teil des neuen Volkstheaters.

Das letzte Spektakel in Senftenberg hatte einen Flughafen zur zentralen Metapher genommen, hier in Rostock muss es - natürlich - ein maritimes Symbol sein. Ein Schiff! Aber eines, das gerade vom Stapel läuft und das nicht das Schicksal der »Georg Büchner« treffen soll, die bis ins vergangene Jahr im Rostocker Stadthafen lag und dann auf dem Wege zur Verschrottung unter merkwürdigen Umständen sank. Auch weil der Kapitän des Schleppers auffällig scharfe Kurven fuhr, die dem nicht seetauglichen Schiff den Rest gaben, so dass es in der Ostsee versank.

Die Drohung eines solches Untergangs also ist allgegenwärtig. Vor allem, wenn der Kapitän schlecht steuert oder sich von Leuten reinreden lässt, denen es nur immer ums Geld geht. Jedoch, so lautet hier das trotzige Motto: »Die Titanic geht unter, das Volkstheater lebt!«

Am Ende geht es dann also doch um die Kunst und ihren Zauber, der einen das eigene Leben auf eine bislang ungewohnte Weise anschauen lässt. Erinnern, aber so, dass im Vergangenen auch etwas Zukünftiges aufscheint! Ein literarischer Schatz, eng mit Rostock verbunden, wird im zweiten Teil des Abends gehoben: Uwe Johnsons »Ingrid Babendererde« in der gelungenen Stückfassung von Holger Teschke. Eine Abfolge von Szenen über eine Oberschulklasse Anfang der 50er Jahre zwischen FDJ und Junger Gemeinde. In Auf- und Abblenden wird die Geschichte jener Ingrid Babendererde erzählt, die in kein Schema passt. Lebenshungrig schiebt sie ihre erogenen Zonen mit dem naiven Mut des Lebensanfängers bis über jene Grenzen hinaus, die die Gesellschaft dem Einzelnen setzt. Wie erzählt man eine solche Lebensgeschichte, die zugleich Teil einer Jahrhundertgeschichte ist? Johnson: »Ich bin sicher, es gibt Geschichten, die man so einfach erzählen kann, wie sie zu sein scheinen. Ich kenne keine.« Ja, es sind komplizierte, schwierige Geschichten über Hoffnung und Zweifel, Treue und Verrat, Aufbruch und Untergang. Aber das Theater kann sie erzählen. Zumal mit solchen großartigen Schauspielern wie hier. Die aus Warnemünde stammende Inga Wolff (schon in Senftenberg herausragend) als Ingrid Babendererde ist bereits jenes Urbild der Gesine Cressphal, die Johnson bis nach New York gehen lässt - um sich auch dort noch an Mecklenburg zu erinnern.

Johnson ist ein Autor, der offenkundig nur Frauen eine Seele zutraut, die jungen Männer im Stück (Till Demuth, Bernd Färber und Johannes Moss als Mitschüler) aber kreisen sämtlich immer um nur Ideologie, Macht und Erfolg. Ihre Skrupel, irgendwo mitzulaufen, sind meist von kurzer Dauer; wenn sie keine Fanatiker sind, dann Opportunisten. Beides interessiert Johnson nur mäßig.

Im letzten Teil des Abends, »Wie im Himmel« von Kay Pollak, versucht Latchinian diesen negativen Befund Johnsons zu korrigieren. Ein todkranker berühmter Dirigent kehrt zu seinen Wurzeln zurück. Worum geht es eigentlich in der Musik? Das will er mit einem kleinen Kirchenchor seines Heimatdorfes herausfinden. Eine schmerzhaft-beglückende Reise zu sich selbst, formal mutig im Verzicht auf naturalistische Ausmalungen umgesetzt.

Auf einer solchen Reise ist nun auch das Volkstheater, das nun wieder mitspielt, wenn es um die wichtigen Dinge des Lebens geht. Nicht endender Jubel lange nach Mitternacht.

»Stapellauf« am Volkstheater noch einmal am 11., 18. und 25. Oktober jeweils um 16 Uhr

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