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Stolpern als Bewegungsform

Angelika Klüssendorf protokolliert den Sturz einer jungen Frau ins Leben

Vor drei Jahren hat Angelika Klüssendorf den Deutschen Buchpreis nicht erhalten. Damals stand sie mit ihrem verstörenden Roman »Das Mädchen« auf der Shortlist, der in nüchterner Sprache erzählten Geschichte eines seiner Unbeschwertheit beraubten Kindes, dessen Vater im Alkohol ersäuft und dessen Mutter Worte ausspuckt wie Giftpfeile. Gedemütigt, misshandelt, im Keller eingesperrt, gelingt dem Mädchen am Ende des Buches die Flucht in ein Heim. Die Handlung ist im Leipzig der Siebziger angesiedelt, aber das ist nicht essenziell. Es ist ein ortloses Buch, das auch anderswo spielen könnte.

Klüssendorfs neuer Roman, »April«, abermals für den Preis nominiert, knüpft an »Das Mädchen« an. Er setzt an jenem Punkt ein, da die nunmehr 18-Jährige an der Wohnungstür einer alten Jungfer klingelt, die ihr ein Zimmer vermieten wird. An der Seite von April - den Namen hat sie sich selbst gegeben, nach einem Deep-Purple-Song - steht ein Mann von der Jugendhilfe. Als sie klingelt, bleibt die Tür verschlossen. Erst Aprils Fürsorge-Begleiter öffnet das verhärmte »Frl. Jungnickel«, dessen einzige Liebe ein Ziervogel ist. Schon der erste Schritt ins Leben, in das April hier entlassen wird, scheitert also. Und mit Rückschlägen, Niederlagen, Abstürzen geht es nahtlos weiter. Angelika Klüssendorf hat einen Entwicklungsroman geschrieben, dessen Bewegungsform das Stolpern ist.

Eine Fortsetzung des »Mädchen«-Buchs sei ursprünglich nicht geplant gewesen, verriet die Autorin der »Zeit«. Beide Romane seien eigenständig. Das stimmt nicht ganz. Denn ohne Kenntnis der Vorgeschichte, die in »April« lediglich angedeutet ist - etwa durch halb versöhnliche Wiederbegegnungen mit den Eltern -, erschließen sich die Beweggründe, die Stolperursachen, die psychischen Zusammenbrüche der Protagonistin kaum. Warum der Selbstmordversuch? Wovor die Flucht in den Westen? Wieso diese Herz- und Verantwortungslosigkeit gegenüber dem eigenen Sohn, den sie bekommt, wie man eine Krankheit bekommt? Das Fremdeln des Lesers mit dieser jungen Frau wächst von Seite zu Seite. Man begreift einfach nicht, woher all ihre Zerstörungsimpulse gegenüber sich selbst und andere nur kommen mögen.

Anfangs wirkt es noch rührend naiv, wenn April beispielsweise ihren schwelenden Koffer, den sie auf dem bollernden Kohleofen abgestellt hatte, schlaftrunken in Fräulein Jungnickels Flur wirft, wo er eine mittelschwere Brandkatastrophe verursacht, während sie einfach weiterschläft. Aber nach und nach merkt man, dass solche Vorfälle kein Zufall sind. Irgendeine dunkle Kraft scheint April - die Monatsmetaphorik setzt sich übrigens fort im Namen ihres Sohnes: Julius, und ihrer Punk-Liebschaft August - aus jedem Nest, das ihr Halt bieten könnte, in ein weiteres Delirium, in ein neues Gedankentief, in ein noch abgründigeres Seelenloch zu werfen. Und in die Arme wechselnder Männer, in deren geistiger Umklammerung sie sich schon nach kurzer Zeit unwohl fühlt, deren körperliche Nähe sie mehr erleidet als genießt, deren übermächtiger Schatten sie sprachlos macht. (Einem mischt sie gar Rattengift in den Zucker.)

Es ist nicht zuletzt Angelika Klüssendorfs kalte, protokollierende, Satz an Satz kettende Sprache - »Dienstags bleibt das Fräulein bis spätabends in der Fabrik, Toilettendienst. April plant, sich an diesem Tag umzubringen.« -, die jede Empathie mit den Figuren, jedes Verständnis für ihre Motive zerstückelt, sobald sie noch zu wachsen beginnen. Im Grunde genommen verfährt die Autorin mit den Erwartungen ihrer Leser nicht anders als April mit Menschen, die ihr Angst machen: Um sich zu schützen, zerlegt sie sie vor ihrem inneren Auge mit dem Seziermesser in Einzelteile. Das mag als psychotherapeutische Strategie gegen tief verwurzelte Angststörungen das Schlimmste verhindern. Zum Aufbau haltbarer Beziehungen - sei es zwischen April und ihren Bekanntschaften, sei es zwischen Leser und Stoff - eignet sich dieses Verfahren aber kaum.

Therapeutisches Schreiben ist gut - meist weniger für die Literatur, mehr für die Schreibenden. Insofern ist man erleichtert darüber, dass April, die den größten Halt im Lesen und im eigenen Schreiben findet, am Ende des Buches ein Literaturstipendium bewilligt bekommt. Schon einmal, noch in Leipzig, war sie zur Zulassungsprüfung am staatstragenden Literaturinstitut eingeladen worden. Aber da hatte sie nichts als leere Blätter abgeben können.

Angelika Klüssendorf: April. Kiepenheuer & Witsch, 220 S., geb., 18,99 €.

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