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Militärisch inneffizient und ethisch verwerflich

Richard Overy beschreibt den Bombenkrieg in Europa 1939 bis 1945

Bei diesem Titel muss man an Olaf Groehler denken, den 1995 viel zu früh verstorbenen Bombenkriegsexperten der DDR. Und siehe da, der britische Historiker Richard Overy stützt sich in seinem neuen Buch auf dessen Forschungen, nennt in seinem Literaturverzeichnis zwei Bücher Groehlers: »Bombenkrieg gegen Deutschland« und »Geschichte des Luftkrieges«. Das ist man von bundesdeutschen Historikern nicht gewöhnt.

Overy, der übrigens ein Schwager des Bestsellerautors Ken Follett ist, konzentriert sich in seiner monumentalen, kritischen Monografie auf die deutsche Luftwaffe, die britische Royal Air Force und die US Air Force. Er beschränkt sich nicht auf die bekanntesten Kriegsschauplätze England und Deutschland, sondern beschreibt auch systematisch die deutschen Bombardements sowjetischer Städte sowie die Luftangriffe der Westmächte auf französische Hafenstädte wie Brest, die als Basen für deutsche U-Boote dienten. Ein oft vergessener, marginal erscheinender Aspekt wird am Anfang erinnert: Ein Bulgare hatte die Fliegerbombe erfunden; und am Beispiel Sofia beschreibt Overy, in welch bedenklicher Weise Churchill das Flächenbombardement einer Großstadt als politisches Kampfmittel einsetzte - etwa, um Bulgarien aus dem Bündnis mit den Achsenmächten zu zwingen.


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* Richard Overy: Der Bombenkrieg. Europa 1939 – 1945. A. d. Engl. v. Hainer Kober. Rowohlt Berlin. 1052 S., geb., 39,95 €.


Militärstrategische Überlegungen nehmen naturgemäß besonders großen Raum in diesem Buch ein. In allen beteiligten Staaten gab es Rivalitäten zwischen den drei Teilstreitkräften Heer, Marine und Luftwaffe. Und überall konkurrierende Auffassungen, ob Flugzeuge lediglich zur Unterstützung der Land- und Seestreitkräfte eingesetzt werden sollten oder ihnen eigene kriegsentscheidende Angriffe gegen die Wirtschaft und die Bevölkerung des Gegners zukämen.

Overy schildert den Luftkrieg vor allem auch aus Sicht der betroffenen Zivilisten und macht dabei auf im Krieg weiter fortbestehende soziale Unterschiede aufmerksam. Am 14. September 1940 führte Phil Piratin, ein britischer Kommunist aus Stepney, 70 Menschen aus seinem armen Stadtteil in das wohlhabende Londoner West End, um sich in dem feudalen Luftschutzkeller unter dem Savoy-Hotel einzuquartieren: »Die Gruppe ließ sich in die Sessel fallen und weigerte sich zu gehen, als die Polizei herbeigerufen wurde. Mitleidige Kellner servierten Brot, Butter und Tee auf Silbertabletts. Als der Bombenangriff vorüber war, führte Piratin seine Leute wieder hinaus.«

Nach Overys eher zurückhaltender Schätzung beklagte Europa im Zweiten Weltkrieg 600 000 Bombentote und weit mehr als eine Million Schwerverletzte. Den Bombenkrieg nennt er militärisch ineffizient und rechtlich wie ethisch nicht vertretbar. Die Moral der bombardierten Bevölkerungen konnte entgegen den Erwartungen der führenden Militärs weder in Großbritannien, Deutschland, Polen oder der Sowjetunion gebrochen werden. Die Beschädigung der kriegswirtschaftlich wichtigen Industrien war nicht kriegsentscheidend. Dies belegt Overy an den Beispielen der alliierten Bombardements gegen Hamburg, Kassel, das Ruhrgebiet, Lübeck, Dresden und Berlin. Als am 17. August 1943 die Kugellagerfabriken in Schweinfurt und die Fertigungsstätten der Me-109 in Regensburg von der 8. Amerikanischen Luftflotte mit der bis dahin größten konzertierten Aktion von 367 Bombern angegriffen wurden, waren die Schäden an den Fabriken irrelevant im Vergleich zu den Verlusten der Angreifer. Sie bombardierten die stark geschützte kriegswichtige Industriebetriebe dann nicht mehr. Der Bombenterror wandte sich fortan wieder hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung. Die Rüstungsproduktion in Deutschland boomte trotz der massiven Bombardements im Sommer 1944. Ebenso konnten die Bomben der deutschen Luftwaffe weder in England noch in der Sowjetunion entscheidende Lücken in die Kriegswirtschaft schlagen.

Einige der im und auch noch nach dem Krieg erhobenen gegenseitigen Anschuldigungen verweist Overy in den Bereich der Gräuelpropaganda. Er bestätigt aber, dass Churchill von Anfang an das Flächenbombardement deutscher Städte für gerechtfertigt hielt und Hitler sich die Anordnung von Terrorangriffen lange persönlich vorbehielt.

Overys Buch ist eine historiographische Glanzleistung und ein Buch gegen den Krieg.

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