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Retten? Nein, danke

Melissa Gira Grant über Huren, Schlampen und Wegsperrfeministinnen

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 4 Min.

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Schöne Wörter kann es nicht genug geben: »Wegsperrfeminismus« ist eines, das man nach der Lektüre von Melissa Gira Grants Buch »Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit« sicher im Kopf behält, auch wenn die Autorin es von der Soziologin Elizabeth Bernstein übernommen hat. Treffender lässt sich kaum die Einstellung jener beschreiben, die zuletzt etwa mit ihrem »Appell gegen Prostitution« von sich reden machten und ihrem so genannten Feminismus, »der es der staatlichen Ordnungsmacht überlässt, Geschlechtergerechtigkeit herbeizuführen«.

Es ist vor allem der sympathische Groll der US-amerikanischen Autorin gegenüber der »Rettungsindustrie« aus Publizistinnen, Wissenschaftlerinnen und Sozialarbeiterinnen, die meinen, für Prostituierte sprechen und handeln zu können, der das Buch angenehm belebt. »Wenn Sexarbeiter_innen von Anti-Prostitutions-Aktivist_innen ›gerettet‹ werden, heißt das, dass sie diszipliniert und wieder ihrer eigentlichen Rolle als ›gute Frauen‹ zugeführt wurden.« Grant regt sich herrlich auf über ein Projekt, das sich angeblich darüber finanziert, dass ehemalige Prostituierte Kerzen verkaufen, »aber ohne die ›geretteten‹ Arbeiterinnen hätten sie keine billigen Arbeitskräfte zur Verfügung, sie könnten keine Kerzen verkaufen und die Retter_innen hätten kein Projekt, das sie leiten könnten«.


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* Melissa Gira Grant: Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit. A. d. Engl. v. Georg Felix Harsch. Edition Nautilus. 192 S., br., 14,90 €.


Da, wo das Buch sehr ins Detail geht, ist es für deutsche Leserinnen und Leser nicht immer spannend, da die Situation in den USA eine ganz andere ist. Während Deutschland seit 2002 über eines der liberalsten Prostitutionsgesetze der Welt verfügt, ist Sexarbeit in den USA mit Ausnahme von Nevada strafbar. Aber bekanntlich bemühen sich manche Politiker und professionelle Weltverbesserer nach Kräften darum, das deutsche Gesetz wieder rückgängig zu machen. So schadet es nicht, bei Grant nachzulesen, dass es keine Zahlen gibt, die belegen, dass die Legalisierung der Prostitution Menschenhandel begünstige, und somit der gefühlte Anstieg hierzulande in den letzten Jahren vor allem einer Fülle von »Tatort«-Folgen mit Maria Furtwängler, Til Schweiger und anderen zu verdanken sein dürfte. Sehr wohl aber liefert Grant Zahlen, nach denen Prostituierte in aller Welt unter Polizeigewalt leiden - und zwar umso mehr, je restriktiver die Gesetze sind.

Als Diskussionsbeitrag ist »Hure spielen« ohnehin auch für das vermeintlich fortschrittlichere Deutschland bestens geeignet. Denn hier wie dort lautet die grundlegende Kritik von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern, dass meist über sie, aber nicht mit ihnen geredet wird. Sie wünschen sich Solidarität statt »Rettung« und verlangen, als normale Menschen anerkannt zu werden, die für ihren Lebensunterhalt einer Arbeit nachgehen, ein Privatleben haben, über einen Kopf und einen Körper verfügen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man sich selbst vorstellen kann, sein Geld mit Sexarbeit zu verdienen, oder was man von Menschen hält, die sich sexuelle Dienstleistungen kaufen. Derlei interessiert ja auch nicht, wenn es um die Rechte von Menschen geht, die im Schlachthaus, in der Fußpflege oder im Reinigungsgewerbe arbeiten.

»Sexarbeit ist nicht einfach Sex. Sexarbeit heißt, etwas aufzuführen, eine Rolle zu spielen, Fachkönnen einzusetzen und innerhalb professioneller Grenzen eine empathische Beziehung zu jemandem aufzubauen«, schreibt Grant. Es handelt sich um eine Dienstleistung, die dafür, dass sie mehrheitlich von Frauen ausgeübt wird, im Schnitt vergleichsweise gut bezahlt wird. Auch wenn Sexarbeit keine gewöhnliche Branche ist: Wie bei anderen Dienstleistungen regelt ein Vertrag oder eine mündliche Absprache, was der Kunde für sein Geld zu erwarten hat. Ein Vertragsbruch ist ein Vertragsbruch und kann eine Straftat beinhalten. Je liberaler die Gesetzgebung, je besser organisiert die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter und je selbstverständlicher die Solidarität mit ihnen, desto eher lässt sich kriminellen Handlungen vorbeugen.

Hat man das alles begriffen, schafft es Grant immer noch, dass man sich an manchen Stellen ertappt fühlt. So etwa wenn sie der SlutWalk-Bewegung die Kritik von nichtweißen Feministinnen und Sexarbeiterinnen entgegenhält, die sinngemäß fragten: Warum regt ihr euch eigentlich so darüber auf, dass euch jemand als »Schlampe« bezeichnet, weil ihr einen kurzen Rock tragt? Wo ist das Problem dabei? Oder wenn der insgeheim gehegte Gedanke, dass die Geschlechterverhältnisse vielleicht doch anders wären, wenn man Sex nicht mehr kaufen könnte, als das entlarvt wird, was er ist: dem Schema »Schlampe« vs. »normale Frau« entsprungen. Und das ist vor allem eines: überflüssig.

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