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Wohlgefühl auf der Schippe

Tanguy Viel gelang ein Buch, das amerikanisch und französisch ist

Ein Franzose, noch dazu einer aus der Bretagne, schreibt einen »amerikanischen Roman«. Der Untertitel des neuen Buchs von Tanguy Viel klingt nach einem neuen Genre. Es ist ein doppelt gelungener Zwitter. So gekonnt und unterhaltsam wie der 1973 in Brest geborene Autor das Typische am amerikanischen Roman auseinandernimmt, merkt der Leser erst nach einiger Zeit, dass er sich in diesem gerade auf die Schippe genommenen Stück dieses Genres wohl eingerichtet hat.

Der traurige Held des Romans ist Dwayne Koster, Nachfahre eines niederländischen Einwanderers, der einst in der Tulpenkrise bankrott gegangen war. Er ist um die fünfzig, Literaturprofessor, die Ehe scheitert, er versinkt im Alkohol. Alle Klischees der amerikanischen Middle-Class-Novel werden bedient und im verfremdenden Begleittext als solche entlarvt. Und siehe da, es funktioniert als Roman wie auch als Parodie!


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* Tanguy Viel: Das Verschwinden des Jim Sullivan. Ein amerikanischer Roman. A. d. Franz. v. Hinrich Schmidt-Henkel. Wagenbach. 120 S., geb., 16,90 €.


Dwayne beginnt eine Affäre mit einer Studentin, die es zunächst auf bessere Noten abgesehen hat. Seine Frau verliebt sich in einen Kollegen und akademischen Widersacher Dwaynes. Welche Untreue wird wohl zuerst auffliegen? Dwayne verlässt das eheliche Haus, flieht zu seinem Onkel, der im Irak-Krieg von 2003 als Kunstschmuggler Millionen macht, muss zwischenzeitlich zum Alkoholentzug in die Anstalt. Später treibt er sich vor dem Haus seiner Ex-Frau herum. Wie er auf der Suche nach Arbeit von seinem Onkel einen gefährlichen Auftrag erhält, öffnet einen neuen Spannungsbogen und ein weiteres Klischee - das Road-Movie. Das Ende ähnelt dem des frühen Pop-Musikers Jim Sullivan, der mit seinem Wagen das Hotel verließ, in die Wüste fuhr und niemals wieder auftauchte.

Literarisch virtuos und treffend übersetzt, entsteht ein Roman der Extraklasse und eine literaturgeschichtliche Abrechnung voller heimlicher Bewunderung für ein Genre, dessen Erfolg besonders Franzosen nervt.

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