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Was bleibt?

Saskia Hennig v. Lange: Was die Seele bewegt

Ein Mann schleicht durch das ehemalige Haus der Boxlegende Max Schmeling, mitten im Wald. Ein Sachbearbeiter: Er soll entscheiden, was damit passiert. Die Möbel, die Pokale, alles ist noch da. Vielleicht sogar Schmelings berühmter Bademantel. Der Mann heißt ebenfalls Max. Mit dem einstigen Profisportler verbindet ihn mehr als nur der Name. Inmitten der Dinge, mit denen das Haus angefüllt ist, nehmen beide Abschied von allem, was sie kannten. Und lernen, den Tod anzublicken.

Der Roman »Zurück zum Feuer« von Saskia Hennig von Lange verdichtet die Gedankenströme dreier Menschen zu einem Mosaik mit einem gemeinsamen Motiv: Befreiung als großer Zusammenbruch.


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* Saskia Hennig von Lange: Zurück zum Feuer. Roman. Jung und Jung. 218 S., geb., 19,90 €.


Der fast 100-jährige Schmeling liegt sterbend in seinem Bett. Der einzige Mensch, der ihm bleibt, ist die ihn pflegende Krankenschwester, die ihm weniger nah ist als die Gegenstände um ihn herum, die angefüllt sind mit seinen Erinnerungen. Er beschließt, ein Verzeichnis der Dinge anzulegen, die er besitzt und die ihm etwas bedeuten.

Jahre später flüchtet Max, der Sachbearbeiter, in das Haus und verbringt dort eine Nacht, in der er sich immer mehr aus seiner inneren Erstarrung löst und die Ereignisse außer Kontrolle geraten. Parallel dazu ringt seine Frau Inge in der gemeinsamen Wohnung auf ganz andere Weise um einen Neuanfang. Max und Inge haben ihren Sohn bei einem Unfall verloren. Der Riss, den dieser Verlust schafft, ist der rote Faden für die Erzählung.

An ihm entlang entspinnt sich eine Reflexion über das In-der-Welt-Sein und das Loslassen. Die drei Menschen des Romans sind verbunden in ihrem Alleinsein. Jeder ist auf sich zurückgeworfen. Dadurch entsteht ein tiefes Gewahrwerden mit Raum für Kleinigkeiten: Die Handbewegung beim Anziehen des Bademantels, die plötzlich bewusst wird. Das Gefühl, wenn das Kartenfach des Portemonnaies schwer in die Hand klappt. Der Anblick von Hautschuppen im Teppich.

Überall steckt Anlass zur philosophischen Selbstbetrachtung. Man schaut den Figuren beim Denken zu. Der alte Schmeling etwa denkt, dass er oft Sätze sagte, die ihm selbst fremd waren. »Vorgefertigte Worte, hinter denen er versteckte, was ihn eigentlich antrieb: die Sehnsucht nach einer ursprünglichen Erfahrung, die er im Kampf suchte. Und auch dieser Satz hier, denkt er, beschreibt nicht die Sehnsucht und das Ungehörige, das in ihr steckt.«

Saskia Hennig von Lange tastet sich in konzentrierter Sprache an das heran, was die Seele bewegt. Ihre Kettensätze dehnen sich eindringlich in die Länge, sind dabei schlicht und treffend. Sie unterstreichen den Versuch, etwas zu fassen zu bekommen, das ungreifbar ist. »Ich sehe mich, wie ich ihre Hand loslasse, wie ich meine Hand aus ihrer Hand löse, wie ich sie abschüttle, Inges Hand, und auf diesen Tisch zugehe und auf das, was darauf liegt, in dem ich meinen Sohn erkenne und auch wieder nicht.«

Es ist der zweite Roman der Autorin. Ihr Debüt »Alles, was draußen ist« erhielt den Rauriser Literaturpreis 2014 und wurde unter anderem für seine Sprache gelobt.

Auch »Zurück zum Feuer« entwickelt von Anfang an einen Sog. Der Kopf, umspült vom Rhythmus der Worte, ist lange Zeit damit beschäftigt, das, was passiert, in einen Zusammenhang zu bringen. Die inneren Veränderungen der Figuren werden erst nach und nach in äußeren Handlungen sichtbar. Mehr sollte hier nicht verraten werden. Und am Ende steht die große Frage: Was bleibt?

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