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Gar nicht so »cool«

Finnlands Literatur ist, anders als das Motto der Frankfurter Buchmesse meinen lässt, nicht kühl und distanziert, sondern gefühlvoll, besinnlich und fesselnd

Die finnische Literaturwelt ist verglichen mit denen anderer Länder relativ klein, viele Geschichten von Autorinnen und Autoren aus dem hohen Norden Europas sind aber deshalb nicht minder lesenswert. Im Gegenteil, oft sogar sind sie fesselnd. Das liegt nicht so sehr an den Gedanken, die sie behandeln - Liebe, Familie, Krieg, Tod und Lebensträume sind genauso Thema wie überall sonst auf der Welt. Außergewöhnlich sind die schriftstellerischen Eigenheiten und die Umgebung, in der sie zum Tragen kommen. Eine oft melancholische bis entrückte Grundstimmung in Romanen und Erzählungen paart sich mit den extremen Gegebenheiten der nordischen Natur: Kälte, Dunkelheit, aber auch viel Licht, Weite und Urwüchsigkeit im Land der Seen und Wälder.

So führt Leena Parkkinen auf die finnischen Schären. Der deutsche Titel ihres Romans lässt an den Bestseller von Jonas Jonasson denken: »Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand«. »Die alte Dame, die ihren Hut nahm und untertauchte« meint die 83-jährige Karen. Die kehrt zurück in ihre Heimat, auf eine kleine Insel, die ihren Namen von den gelben Farbtupfern eines Grases hat. Doch wegen der Schönheit dieses Erdenfleckchens zieht es sie nicht wieder dorthin. Sie flieht vielmehr in die Vergangenheit, zurück in ihre Jugend, um einen noch immer ungelösten Mordfall aufzuklären. Er hat ihr die Freundin Kersti genommen, und, was sie bis an ihr Lebensende nicht verwinden wird, auch den Bruder Sebastian. Der nämlich galt rasch als einziger Verdächtiger, nachdem Kerstis Leiche mit Würgemalen am Hals in der Bucht Naavalahti angeschwemmt wurde und sich herausstellte, dass sie schwanger war. Sebastian wurde festgenommen und beging bald darauf im Gefängnis Selbstmord.

Karen will nun, 65 Jahre nach den Ereignissen, endlich Gewissheit, wer Kersti getötet hat. Dabei hilft ihr die 17-jährige Azar, eine hochschwangere junge Frau, die aus Iran stammt. Karen bewahrt sie davor, eine große Dummheit zu begehen. Die beiden könnten unterschiedlicher nicht sein, doch nun eint sie dieser Fall.

In vielen Rückblenden erzählt Parkkinen die Kindheit und Jugend von Karen in der Zeit der Weltkriege. So ergibt sich mit den Jahren ein detailliertes Bild von Sebastian und seinen Geheimnissen, die ihn von der Insel und so auch von Karen entfernten.

Die Leser erfahren auch Azars Biografie. Ihre erste Beziehung hat sie gleich in andere Umstände gebracht. Ob sie den Vater ihres Kindes noch einmal sehen wird, bleibt offen. Wie Karen verlor Azar ihre Mutter früh. Sie ging zurück nach Iran, ließ Tochter und Ehemann zurück. Kein Wunder also, dass Azar, wie Karen, gut allein zurechtkommt.

Parkkinens erster Erwachsenenroman lebt nicht nur von der Mordgeschichte. Die junge Autorin versteht es, witzige Dialoge zu formulieren und vor allem eindringlich die Gefühlswelt der Frauen zu beschreiben. Da kann der Leser auch viel über die finnische Gesellschaft erfahren, über Toleranz und die Möglichkeit von Integration. Am Ende von Karens und Azars Reise in die Vergangenheit ist die Frage nach dem Täter nicht mehr so wichtig.

Um Frauen geht es auch in den Erzählungen von Raija Siekkinen. Sie sind nicht immer so stark wie Azar und Karen. Aber das können sie auch nicht sein. Alle stehen an einem Scheideweg in ihrem Leben. Fundamentale Fragen stellt die Autorin in Alltagssituationen, so wie sie sich oft in unsere Realität drängen.

In der Titelerzählung »Wie Liebe entsteht« etwa plagt ein gleichnamiges Lied eine Frau einen ganzen Tag lang. Jahre sind vergangen, seit ihr Mann sie betrogen hat, die andere Frau sogar ein Kind von ihm erwartete. Doch an jenem Tag, bei der Arbeit in der Telefonzentrale eines Krankenhauses, wird dieser Ehefrau bewusst, dass sie den Schmerz der Affäre nie vergessen hatte. Das »Ich liebe Dich« ihres Mannes beendet noch am selben Abend ihre Beziehung.

Trauer ist jedoch nicht das Hauptmotiv von Siekkinens Geschichten. Eine gewisse Melancholie liegt zwar in ihrem Erzählstil, der gleichzeitig mit seinen kurzen, aber nicht abgehackt wirkenden Sätzen sehr klar ist. »Sollen wir nicht doch heiraten?« Der Titel dieser Geschichte bringt auf den Punkt, wie sich ein Paar um die Entscheidung windet, weiterhin das Leben zu teilen.

Die stärkste Kraft, die von Siekkinens Erzählungen ausgeht, ist jene, in den Lesern selbst Geschichten auszulösen. Sie beschreibt Situationen, die jede und jeder kennt, weckt Assoziationen an eigene Erlebnisse und fordert ein Nachdenken darüber heraus, wie man selbst reagieren würde. Für ihre Werke erhielt die bereits 2004 auf tragische Weise verstorbene Autorin zahlreiche Literaturpreise. Mit »Wie Liebe entsteht« erscheint erstmals ein Buch von ihr in deutscher Übersetzung - weil Finnland Gastland der Frankfurter Buchmesse ist.

Ein ganz anderer Klassiker der finnischen Literatur, bereits aus dem Jahr 1919, lohnt jetzt, wiedergelesen zu werden. »Frommes Elend« von Finnlands erstem und bisher einzigem Literaturnobelpreisträger Frans Eemil Sillanpää erscheint dieser Tage in einer Neuübersetzung.

Der realistische Roman bringt uns nicht nur das Schicksal vom Protagonisten Jussi nahe. Er legt auch Zeugnis vom Leben im bäuerlichen Finnland um 1900 ab.

Jussi, der im Laufe der Jahre nicht einmal seinen Namen behält, steht sinnbildlich für ein wahrhaft elendes Leben in den finnischen Hungerjahren bis zum Ersten Weltkrieg und zum Bürgerkrieg. Er ist Landarbeiter, lebt in einer Hütte mit Frau und Kindern. Hunger und Armut erschweren ihr Dasein. Sillanpää beschreibt haargenau und anteilnehmend die auslaugenden Tage, aus denen schnell Jahre und Jahrzehnte werden. Man erlebt, wie Jussi in die Wirren der Kämpfe zwischen »Weißen« und »Roten« gerät und ihnen schließlich zum Opfer fällt.

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