Von Niklas Franzen, São Paulo

Moinho kämpft weiter

An der letzten Favela im Zentrum von São Paulo gehen die Präsidentschaftswahlen vorbei

In Brasilien kommt es zur Stichwahl um die Präsidentschaft zwischen Dilma Rousseff und Aécio Neves. Die Kämpfe der Bewohner der Favela Moinho gegen die Räumung sind davon unberührt.

Ein steiler Weg führt mitten in São Paulo hinab zu den Gleisen. Unmittelbar hinter dem Bahnübergang befindet sich der Eingang der Favela. »Moinho wehrt sich«, begrüßt ein Schild die Besucher. Über 2000 Menschen leben in selbstgebauten Hütten zwischen den Gleisen der S-Bahnlinie CPTM. Die Züge rattern dicht an den Häusern der Bewohner vorbei.

Josefa Flor da Silva, genannt Dona Zefa, wohnt seit 13 Jahren in Moinho. Damals kam die quirlige 63-Jährige aus dem nordöstlichen Bundesstaat Paraíba nach São Paulo. »Als ich hierher kam, wusste ich noch nicht einmal, was ein Bankkonto ist«, erinnert sie sich. Ihre Hütte befindet sich im Herzen der Gemeinde, direkt neben dem Fußballplatz. »Meine Kinder und Enkelkinder sind hier aufgewachsen. Trotz aller Probleme liebe ich mein Viertel. Ich will hier nicht weg.«

Moinho ist die letzte Favela im Zentrum von São Paulo. Vor 26 Jahren besetzten arme Migranten aus dem Nordosten Brasiliens das Gelände unterhalb der Avenida Rio Branco, welche die Innenstadt mit dem Norden der Metropole verbindet. Obwohl die Gemeinde seit über einem Vierteljahrhundert besteht, bleibt ihre Zukunft ungewiss. Seit mehreren Jahren wehren sich die Bewohner gegen Räumungsversuche und kämpfen für die Legalisierung ihres Viertels.

Im Jahre 2007 versuchte die Stadtverwaltung erstmals, die Bewohner zu vertreiben. Damals lebten über 5000 Menschen in Moinho. Am 22. Dezember 2011 brach in der Favela ein Feuer aus. Bei dem Brand wurde ein Drittel der Gemeinde zerstört, fast 2000 Menschen verloren ihre Häuser. Damals starben über 30 Menschen. Unmittelbar nach der Katastrophe ließ Gilberto Kassab, damaliger Bürgermeister der Mitte-rechts-Partei PSB, eine Mauer um den zerstörten Teil von Moinho errichten. Die Bewohner fühlten sich um ihr Gebiet betrogen. Auch beklagten sie, dass im Falle eines erneuten Brandes Notausgänge blockiert seien.

Und es brannte erneut. Am 17. September 2012 zerstörte ein Feuer im vorderen Teil der Favela 80 Hütten. 300 Personen wurden auf einen Schlag obdachlos, ein Mensch starb. Wiederum errichtete die Stadtverwaltung eine Mauer.

Kassab bot den Familien eine Zahlung von rund 150 Euro an. Im Gegenzug sollten sie Moinho verlassen. »Sie haben uns das Geld angeboten und gesagt, dass wir außerhalb des Zentrums ein neues Zuhause finden werden«, erzählt Ivonete Pinheiro, die ihr Haus bei dem Brand verlor. Fast alle lehnten das Angebot ab. »Die Angebote waren der Versuch, uns endgültig zu vertreiben. Mit dem Geld hätte man nirgendwo die Miete zahlen können«, erklärt Humberto José Marques Rocha, Vorsitzender des Bewohnervereins.

Das Interesse an der Region ist hoch, seit Stadtverwaltung und private Investoren vor einigen Jahren mit der »Revitalisierung« der Innenstadt begonnen haben. Laut dem Statistikinstitut Fipe ist die Miete in der Gegend allein zwischen 2008 und 2011 um 182,9 Prozent gestiegen. Auf dem Gelände der Favela soll ein Park entstehen. Für die Armen ist in dieser Logik kein Platz.

Mit der Wahl von Fernando Haddad zum Bürgermeister erhofften sich die Bewohner von Moinho endlich eine Verbesserung ihrer Lage. Der Politiker der Arbeiterpartei PT hatte während seines Wahlkampfes eine Legalisierung von Moinho versprochen und ließ sogar ein Wahlkampfvideo in der Favela drehen. »Haddad hat uns zugesichert, dass wir bleiben dürfen und auch das Gelände zurückbekommen, das beim Brand zerstört wurde. Bislang ist aber nichts passiert«, sagt Dona Zefa.

Haddad wurde im Oktober 2012 zum Bürgermeister gewählt. Auch die versprochenen Infrastrukturmaßnahmen sind bislang ausgeblieben. Die Strom- und Wasserversorgung ist mangelhaft, das Abflusssystem verläuft oberirdisch, und keine Straße in der ganzen Favela ist asphaltiert. Die Pläne, in der Nähe Sozialwohnungen zu bauen, sind im Sande verlaufen. Das städtische Sekretariat für Wohnungsbau ließ jüngst verlautbaren, dass alle Bewohner entgegen den vorher getätigten Zusagen das Gebiet zu verlassen haben.

In den letzten Monaten kam es zudem wiederholt zu gewalttätigen Polizeieinsätzen. Mit der steigenden Repression wächst jedoch auch der Widerstand des Viertels. Im August 2013 rissen die Bewohner von Moinho gemeinschaftlich die »Mauer der Schande« ein. Seit 2013 organisieren sie zusammen mit sozialen Bewegungen regelmäßig Demonstrationen und kulturelle Aktivitäten.

»Während des Wahlkampfes hat uns Haddad die Klärung der Besitzverhältnisse und die Aufwertung unseres Viertels versprochen. Bisher hat er nichts eingehalten. Wir werden an seiner Tür klopfen, um ihn an seine Versprechen zu erinnern«, sagt Humberto vor einem Marsch durch die Innenstadt São Paulos zum Rathaus. Unterstützung bekommen die Demonstranten dabei vom Rapper Ducorra, der den Protest musikalisch begleitet.

Die lautstarke Demonstration endet vor der Stadtverwaltung. Hier hat sich eine Gruppe Fahrradfahrer positioniert, um ihre Unterstützung für ein Projekt von Bürgermeister Haddad kundzutun. Dieser war unlängst zum Helden der intellektuellen Mittelschicht avanciert, nachdem er den Bau von mehreren Fahrradwegen für die Auto geplagte Megametropole angekündigt hatte. Mehrere Fernsehteams drängen sich um die Radfahrer, während sich Alessandra Moja, Aktivistin und Bewohnerin von Moinho, spontan das Mikrofon des Lautsprecherwagens schnappt: »Hey Haddad, wenn du uns vertreibst, ziehen wir halt auf deine Fahrradwege.«

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