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Der Augenblick vor dem Tod

Das Ballett Magdeburg tanzt eine Hommage an Federico García Lorca

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann Magdeburgs Chefchoreograf Gonzalo Galguera auf Federico García Lorca stoßen würde. Jetzt hat der Kubaner dem verehrten, 1936 von Falangisten ermordeten spanischen Dichter ein unpathetisches tänzerisches Memorial errichtet. Trotzdem ist es ein Wagnis, eine klassisch basierte Compagnie mit dem Flamenco zu konfrontieren. Den zu erlernen, braucht zehn Jahre - und den ganzen Rest des Lebens, weshalb Flamenco-Interpreten mit zunehmendem Alter besser werden. Für Theatertänzer gilt eher das Gegenteil. Wenn Galguera dennoch das Risiko eingegangen ist, spricht das für Weitsicht in der Repertoirepolitik und in der Ensembleführung.

Für den ersten Teil des Abends griff er auf eine Choreografie zurück, die Antonio Gades nach Lorcas »Bluthochzeit« 1974 in Rom uraufgeführt hatte und die dem damals 28-Jährigen Weltruhm bescherte. Der Kommunist Gades war es, der den Flamenco für Theaterthemen in Dienst nahm und ihm so eine Tür ins nächste Jahrhundert aufstieß. Wer den eruptiven Tänzer noch selbst in der Rolle des Leonardo gesehen hat, bewahrt ein unvergessenes Erlebnis. Zur Einstudierung holte sich Galguera José Manuel Huertas, der beim Berlin-Gastspiel der Compañia Antonio Gades 1998 als José in »Carmen« auf der Bühne gestanden hatte. Auch in Magdeburg hat Huertas ganze Arbeit geleistet. Selbst wenn der Tanz bisweilen noch mehr Form ist als pure Leidenschaft: Die Geschichte von der verbotenen Liebe zwischen Leonardo und der Braut eines Rivalen hat Feuer bis zum grandiosen Endpunkt. Als der erweist sich auch in Magdeburg der Messerkampf der Kontrahenten, zerdehnt in extreme Zeitlupe und damit in seiner Tragik gesteigert zu ästhetisierter Gewalt. Leidtragende des tödlichen Gemetzels ist die Braut, der nur die Klage bleibt. »Leonardo« Galguera, Mohamed Sayed und Anastasia Gavrilenkova nähern sich dem Original an und erreichen berührende Momente, denen Emilio de Diegos Gitarrenmusik aus der Konserve leis schwelendes Kolorit unterlegt.

Frei beim Umgang mit dem Sujet ist Galguera im zweiten Teil. Seine choreografische Fantasie »Lorca« verknüpft die Person des Dichters mit zwei seiner Stückgestalten - starken Frauen, wie sie der Spanier oft thematisiert. Keine getanzte Biografie also, sondern eine Hommage an den Künstler und seine Figuren. Juan Léon hat dafür einen dezenten Bühnenraum entworfen, über dem jedoch Kaskaden von Stühlen schweben, Symbol mangelnden Behaustseins, an dem Lorca wie seine Frauen leiden. Hinter dem von Soldaten arretierten Dichter treten Yerma und Mariana hervor, unglücklich auch sie. Die eine, Yerma, weil Juan ihr den Kinderwunsch nicht erfüllt, bis sie aus Hass den herzlosen Gatten erdrosselt, was hier absinkende Stuhlstränge besorgen. Lorca, so oft er das Duo zum Trio ergänzt, kann nicht helfen, zu mächtig ist Yermas Mutterwunsch, zu abweisend ihr Mann.

Die Choreografie pendelt zwischen Flamencozitat, Ballettvokabular, freier Gestaltung und schafft in dynamischem, organischem Tanz emotionale Ballungen von Schmerz bis Wut. Wenn die Dorffrauen mit Körben hantieren, über Yerma tuscheln, resolut mit ihren Röcke wedeln, stellt sich der Eindruck echter Flamenco-Chicas ein; wenn Yerma und Juan immer wieder einander davonlaufen, verzweifelt jeder in seiner inneren Isolation, erreicht die Episode ihr choreografisches Glanzlicht.

Die andere, Mariana, Geliebte eines Freiheitskämpfers, ist es, die ihren granadischen Freunden die Binde der Blindheit löst, von Häschern gefangen und gerichtet wird. In teils parallelen Bildern wechseln Erfüllung, Frohmut, Gehetztsein, Brutalität, bis für beide, Mariana und den hilflos gebundenen Lorca, die Stunde schlägt: Ein Kreuz aus Licht kündet ihr Schicksal.

Dass Galguera nirgendwo plakativ wird, ist eine seiner wesentlichen Leistungen bei so viel verlockender Dramatik; wie viel stark stilisierenden, klar charakterisierenden Tanz er erfindet, für die Solistinnen auf Spitze, wiegt ebenso schwer. Nicht zuletzt trägt eine Musik von Gitarre über lyrische Passagen bis Techno und Elektro, überweht vom Geist des Flamenco, zum Lokalkolorit bei. Sie bietet den beiden Paaren Antaninia Maksimovich/Raul Pita Caballero und Lou Beyne/Leander Rebholz wie auch der Gruppe, zuvörderst jedoch Daniel Ojeda als Lorca, den Motor, der in Stephan Stanisics zweckdienlichen Kostümen den Tanz stetig und verschiedenfarbig in Gang hält.

Nächste Vorstellung: 11.10.

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