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Alle Menschen werden prüder

Sex als Lifestyle-Produkt: Das Mainstream-Kino gibt sich unverkrampft und arbeitet dennoch an einer neuen Spießigkeit

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 6 Min.

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Das Kino, meint der Philosoph Slavoj Zizek, gibt uns nicht, was wir wünschen: Es sagt uns überhaupt erst, was wir begehren sollen. Ein ideologiekritisches Verständnis des Kinematographentheaters, das aus der Mode gekommen scheint. Und doch trifft der slowenische Stardenker damit einen wahren Punkt. Immer unverblümter teilt uns die schöne neue Kinowelt von Hollywood bis Babelsberg derzeit mit: Sex ist nicht etwa das leidenschaftliche Ausleben von Lust- und Liebesgefühlen gegenüber einem anderen Menschen, sondern ein egozentriertes Lifestyle-Produkt; dazu geeignet, das Image als beruflich wie privat in die Mehrheitsgesellschaft integrierter Individualist gehörig aufzupolieren.

In diesem die Intimsphäre zunehmend auflösenden Spiel gerät der koitale Akt derart ins voyeuristische Zentrum aller Aufmerksamkeit, dass es fast schon schnurzegal scheint, wer eigentlich die Person ist, mit der man sich da gerade vergnügt. Wichtiger ist, ausgefallene Orte für »Quickies« zu finden und jede der möglichst wenigen Arbeitspausen für möglichst unromantischen Sex zu nutzen. Sei es nun, in der öffentlichen Leihbücherei heftig kopulierend die Regale zum Wackeln zu bringen oder aber gebotene Stellungswechsel streng mechanisch den hippsten Sex-Ratgebern zu entnehmen.

Genau so geschieht es in dem Film »Sex Tape«, der seit Wochen in den deutschen Kino-Charts weit oben steht. Cameron Diaz und Jason Segel spielen darin ein Ehepaar, dem seit der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes das brünftige Begehren abhandengekommen ist. Nostalgisch schwelgen sie in Erinnerungen: »Wir waren wie Shaquille O’Neal und LeBron James. Wir waren Weltklasse!« Heute fehlt ihnen der Kick, weil sie - welch Schande! - nur noch in den eigenen vier Wänden und ohne »Dirty Talk« den Beischlaf vollziehen. Um neues Feuer in den Lenden zu entfachen, filmen sie sich kurzerhand beim Geschlechtsverkehr - und flugs ist der alte Schwung zurück. Allein der Gedanke, dass ihnen da potenziell jemand zuschauen könnte, erregt die beiden. Nicht das Sich-Einlassen auf die andere Person, sondern die Inszenierung des Selbst ist das Ziel. Beim Sex, so lernen wir, kommt es vor allem darauf an, eine vorzeigbare Performance hinzulegen.

Natürlich wollen sie nicht wirklich beobachtet werden, unbewusst scheint ihre Bedürfnisstruktur dennoch primär auf die perfekte Außenwirkung gerichtet. Blöderweise gerät das wilde Treiben durch eine Synchronisierung in der Cloud dann aber doch auf die I-Pads von Freunden und Familienmitgliedern. Eine hektische Jagd nach den Geräten entbrennt, die in der Erkenntnis mündet, dass selbige ja doch vergeblich sei. Arbeiten wir nicht ohnehin alle gemeinsam schon an der Auflösung der Privatsphäre? Eine Erkenntnis, die nur konsequent ist in einer Liebeswelt, die zunehmend eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen offenbart: Einerseits schleudert Segel seiner Partnerin Diaz im Film ein »Du zauberst mir einen Blitzständer, du Sexbombe« entgegen, andererseits scheuen sich Hollywood-Produktionen noch immer, primäre oder sekundäre Geschlechtsorgane zu zeigen. Einerseits werden Nacktfotos von Prominenten zum Skandal stilisiert, andererseits erfordert der freie Konsum harter Pornografie nur zwei Klicks im Internet. Einerseits bricht »Sex Tape« durch plattesten Humor mit der verklemmten Norm, keine schmutzigen Worte verwenden zu dürfen, zugleich jedoch illustriert der Film anhand seiner mitten im Leben stehenden Protagonisten, dass der erfolgreiche junge Großstädter von heute jegliche Erotik aus seinem Beziehungsleben suspendieren muss zugunsten einer Anpassung des Privaten an die Erfordernisse der kapitalistischen Leistungsgesellschaft.

Dazu gehört notwendig die im Film als Clou vorgeführte Kapitulation vor dem Ende der Intimsphäre. Wir haben keinerlei Grenzen mehr, dokumentieren jede Sekunde unseres Alltags in sozialen Netzwerken, von Fotos des Abendessens über Urlaubserlebnisse bis hin zum momentanen Beziehungsstatus ist alles öffentlich zu machen, um sich als erfolgreicher Mensch präsentieren zu können. Auch innerhalb einer Liebesbeziehung sollen keine Geheimnisse mehr existieren; wir dürfen sogar keine Skrupel mehr haben, den Partner beim Verrichten der Morgentoilette zu begutachten, wie mit »Immer Ärger mit 40« ein anderer jüngerer US-Blockbuster vorführt. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist der ästhetische Glanz des Erotischen, der doch gerade erst durch Auslassungen und Andeutungen, durch das Vage und das knisternd Spannende entstehen kann. Eine die Liebe verhandelnde Filmkunst, die sich keinerlei Mühe mehr gibt, die Fantasie des Betrachters anzuregen, ist weder witzig noch romantisch, weder spannend noch erotisch, sie ist nur noch pornografisch.

Entgegen dem subversiv daherkommenden Gebrauch von Vulgärvokabeln sind diese Filme obendrein ausgesprochen prüde: Man schafft die Scham ab und bestätigt damit lediglich den gesellschaftlichen Status Quo. Was den »Eis am Stiel«-Filmen vor Jahrzehnten inmitten des miefigen Muffs noch eine umstürzlerische Komik verlieh, verkommt heute nurmehr zu einer ideologischen Waffe. Wir fühlen uns rebellisch, weil wir denken, dass es verwegen wäre, sich über Fäkalhumor schlapp zu lachen. Während explizite Gewaltdarstellungen nach wie vor beliebt sind, finden faktisch jedoch erotische Spannung und Leidenschaft im Mainstream-Kino immer weniger Platz.

Hugh Grant bekommt kaum mehr eine größere Rolle, weil die Ära der kitschigen Schmonzetten vorbei zu sein scheint. Der Weg führt allerdings nicht zu einem im wahren Wortsinne tiefer gehenden Spiel mit sinnlicher Liebe, sondern direkt in einen Narrativ, der Zärtlichkeit und Hingabe mit Ulk und Schalk zum beziehungsopportunistischen Teil des Leistungsterrors umdeutet. Auf diesem Pfad befindet sich auch der deutsche Mainstreamfilm. In »Vaterfreuden« mimt Matthias Schweighöfer einen glücklichen Single, der sich durch Samenspenden seinen Lebensunterhalt aufbessert und Sex ohne Gefühle dufte findet.

Als ihn das freche Frettchen seines Freundes nach dem missglückten Liebesspiel mit einer unbekannten Schönen in die Zeugungsunfähigkeit beißt, beginnt er nachzudenken: Was will ich eigentlich? Sein Ergebnis: ein Kind mit jener bekannten Fernsehmoderatorin, die spendenbedingt seine Leibesfrucht unter ihrem Herzen trägt. Und so stellt er der Dame nach und ergattert ihr Wohlgefallen. Schweighöfer, der auch als Regisseur fungiert, versteht es in diesem Film, hinter seiner ordinären Brachialkomik eine ungemein spießige Botschaft zu verstecken: Strebe nicht in erster Linie danach, einen Menschen aufrichtig zu lieben, sondern richte dein Liebesleben auf das Ziel einer etablierten bürgerlichen Existenz aus.

In Wahrheit, erklärt uns auch die deutsche Teenager-Komödie »Doktorspiele«, sollten wir alle gefälligst unser Selbstoptimierungspotenzial ausschöpfen. Der schüchterne Andi (Merlin Rose) hält in diesem »American Pie«-Verschnitt seinen Penis für zu klein und sich selbst damit der Angebeteten für unwürdig. Mit seinen Freuden tauscht er sich deshalb permanent über Pornos, Onanie und Intimfrisuren aus. Später taucht die alte Sandkastenliebe des 17-Jährigen wieder auf und erzeugt ein durch reihenweise vermeintliche Schmuddelwitze in Fahrt gehaltenes Gefühlschaos, bei dem eine Erkenntnis stets subtil im Raum schwebt: Erfolg bei den Mädels hat legitimerweise nur, wer sich der nach oberflächlicher Alltags-Performance verlangenden Gesellschaft gewachsen zeigt.

Wer nicht bereit ist, sich vom Freak zum Model zu wandeln, bleibt ungeküsst und kommt gar nicht erst in die Verlegenheit, von seinem Schwiegervater gefoppt zu werden wie das »Sex Tape«-Paar: »Was, ihr wollt heiraten? Das war’s dann mit dem Sex!« Während die Tabus fallen, zieht das Kino auf diese Weise die Mauern der Prüderie hoch. Einstmals riefen Filme über Sex und Liebe die wirrsten Sittenwächter im Dienste von Anstand und Moral auf den Plan. Diese Zeiten sind in unseren Gefilden weitgehend vorbei. Erschreckend aber ist, dass die ideologische Zensur heute von den Machern selbst ausgeht.

Denn immer häufiger flimmert ein Humor über die Leinwand, der unverkrampft daherkommt und doch nur die Vollendung einer manipulativen Strategie darstellt, kapitalistische Spielregeln noch radikaler zu etablieren. Schließlich funktionieren solche Filmchen lediglich über ihre derbe Porno-Sprache und den gepredigten Marsch der angepassten Gesellschaft durch die Schlafzimmertüren.

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