Säle bersten, Tränen fließen

Die große Cecilia Bartoli sang im Konzerthaus Berlin

Cecilia Bartoli und das musikalische Barockzeitalter. Dies gab den Rahmen im voll besetzten Großen Saal des Konzerthauses. Bartolis Bewunderer wissen es: halsbrecherische Koloraturen, Fiorituren der verwegensten Art, die ganze Palette barocker Verzierungstechniken und Nuancierungskünste, gepaart mit einer Hingabe, die ganz selten zu erleben ist - all das beherrscht sie wie keine andere und weiß darüber der Musik die innigsten wie kräftigsten Farben zu entlocken. Begleitet von den »I Barocchisti« unter dem glatzköpfigen Diego Fasolis - mit teils alten Instrumenten musizierte die Gruppe auch Intraden, Märsche und Sinfionien - sang sie Arien von Barockmeistern wie Raupach, Araia, Madonis, Manfredini, Hasse, Porpora und anderen. Dass ein jeder von ihnen irgendwann sein Brot in zaristischen Diensten verdiente, berücksichtig das Programm nicht von ungefähr.

Wo immer der Weltstar seine Stimme brillieren lässt, die Säle bersten. Die Menschen sind hingerissen. Tränen fließen nicht selten, als sei jene Glückseligkeit, die Sängerin erleben zu dürfen, eine Segnung des Himmels. Das Netzwerk der Kritik, es umspinnt das singenden Wunder weltweit, ist närrisch. Es lässt aus guten Gründen alle Sachlichkeit über Bord gehen. Was seine Vertreter sich entringen, ist pure Verzückung. Phantastisch, einmalig, unübertroffen, wahnsinnig, übermenschlich, göttlich und dergleichen Vokabeln heften sie den Bartolischen Gestaltungskünsten an. Wer dieser Schreiberlinge erstarrte nicht in Pose, betritt die kräftige, selbstbewusste Dame nur die Bühne. Das muss wie ein Blitz wirken. Und was erst, rollt die Vollblutitalienerin mit den Augen und hebt die Brüste?

Alles Papperlapapp. Die Dinge laufen anders. Eine höher dotierte Künstlerin als die Protagonistin dürfte es derzeit nicht geben. Bartoli läßt sich die Butter nicht vom Brot nehmen. Die Höhe ihrer Gagen? Schert das jemand? Wo doch ihr vokalitärer Esprit übersinnlich dünkt? Die Durchschnittskarte im Konzerthaus kostete 150 Euro. Vorab ist eine CD des Programms durch DECCA aufgenommen worden, die Start-CD für das neu einstudierte Programm. Da kann der Besserverdiende schon mal zulangen. Im übrigen eine Reverenz über Grenzen hinweg. Mit dem Riesenrenommée der Künstlerin und jenen begleitenden Elementen kann die Reise losgehen. St. Petersburg ist anvisiert. Auf dem Cover ist der Superstar in weißer Pelzkleidung á la russe abgebildet, gleichsam als »Anna Karenina«, was sich in St. Petersburg als eine tolle Geschäftsidee erweisen dürfte. Die »russische Seele« mit all dem Kitsch, den sie mitschleift, floriert dort. Das Edeltum der Zarenfamilien wie die Kultur der privilegierten Klassen im vorrevolutionären Russland stehen hoch im Kurs. Balsam, ideal für das ungeschlachte, sich kulturvoll gebenden neurussische Bürgertum, für deren ausbeuterische Seite der große Tolstoi nur Verachtung übrig hatte. Dass die übergroße Cecilia im letzten Drittel des Abends mit diesen Winterplünnen am Leib auftraf, ließ die eigene Begeisterung dahinschmelzen. Die letzte Zugabe, eine der auswechselbaren italienischen Barockarien, perlend wiedergegeben, sang sie auf Russisch - was sympathisch wirkte, den geschäftlichen Impuls freilich nicht verbergen konnte.

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