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Die guten und die bösen Deutschen

»Der Untergang der Nibelungen« am Gorki-Theater - Eine große Chance, grandios vertan

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Einsam sitzt er auf dem Stuhl, vergraben in der schwarzen Jacke mit glänzender Satin-Optik. Mit in immer tiefere Verzweiflung abdriftender Stimme appelliert er an seine Kontrahenten, doch noch zum Kampf anzutreten. Aber sie wollen einfach nicht. So reiht Hagen Tronje (Dmitrij Schaad) nurmehr konfuse Textteile zur teutonischen Dominanz aneinander und schwadroniert über Fußball (»7:1, das war ein historischer Sieg!«) und Merkel (»Wir werden stärker aus der Krise herauskommen, als wir hineingegangen sind«).

Stärker könnte kein Schlussbild für das alte, das autochthone, das aggressive, das sich allen anderen überlegen fühlende Deutschland stehen. Es hätte aber auch leider wenig noch gründlicher schief gehen können als die auf zweieinhalb Stunden eingedampfte Fassung von Hebbels »Nibelungen«, die zu diesem Ende hinführt. Die Weigerung der für das neue, das sozialpädagogisch wertvolle, das (post-) migrantische Deutschland stehenden Heunen rund um Kriemhild (Sesede Terziyan), sich mit den Burgunden bis zum Tod zu bekämpfen, soll als gesellschaftskritischer Clou erscheinen. Doch ist die Pointe wirklich subversiv? Schließlich gab das Team um Regisseur Sebastian Nübling und Dramaturg Jens Hillje vorab vollmundig zum Besten, man wolle den Nibelungen-Stoff endlich der piefigen deutschen Heldengeschichtsschreibung entreißen.

Da selbst Reclam-Heftchen heilighaltenden Deutschlehrern die Story bisweilen entfällt, hier das grobe Geschehen im Schnelldurchlauf: Burgunderkönig Gunther (Tim Porath) begehrt Brunhild (Till Wonka), die stärkste Frau der Welt. Gefügig machen kann er sie nur mit Hilfe des heroischen Drachentöters Siegfried (Taner Şahintürk), der mit dessen Schwester Kriemhild liiert ist. Brunhild erfährt dies und fordert die Ermordung Siegfrieds, die Gunthers Onkel (Hagen Tronje) nur zu gerne besorgt. Kriemhild kommt ihnen auf die Schliche, ehelicht Heunenkönig Etzel (Nora Abdel-Maksoud) und nimmt mit ihm Rache an den Burgunden, wozu auch ihre Brüder Giselher (Mehmet Ateşçi) und Gerenot (Aram Tafreshian) gehören.

In Nüblings Inszenierung reicht als Bühnenbild allein eine verunfallt-zerknautschte Mercedes S-Klasse. Das Kennzeichen »B-RD 8914« stellt klar, dass es um das Hier und Jetzt geht. Die Burgunden kommen als Techno-Gang daher, Kriemhild gibt die Kiez-Göre, Brunhild ist eine Drag-Queen, Etzel eine Frau und Giselher schwul. Welch veritables Dekonstruktionstheater, das fundamentale Kritik in ein einfaches Gut-Böse-Schema presst, welches bestehende Klischees zu zertrümmern trachtet, indem es diese ausgiebig zitiert.

So erzählt der erste Teil, wie die Burgunder-Boys Kriemhild und Brunhild in die Arme zweier unsympathischer Typen drängen. Siegfried ist jener Muster-Proll in dollarzeichenbeflaggter Jogginghose, der Brunhild vergewaltigt, damit Gunther sie für sich haben und seine offensichtliche Homosexualität weiterhin verbergen kann. Homophob, wie man sich diese geistlose Unterschicht halt vorstellt, windet sich Siegfried nach der Tat vor Ekel. Viel lieber macht er sich an die freche Kriemhild ran. Seine spätere Ermordung findet nicht, wie im Original, bei der Jagd im Wald statt, sondern inmitten einer Orgie im Swinger-Club. Wie man sich halt den typischen Feierabend dieser dekadenten Oberschicht imaginiert.

Der zerbeulte Mercedes wird nach der Pause an den hinteren Bühnenrand geschoben. Denn Kriemhild und die ihr gehorchenden Heunen übernehmen nun das Zepter in jenem Part, der im Untertitel der Stückversion unter dem boulevardesken Label »The Beauty of Revenge« firmiert. Die Rache-Engel erscheinen mit extravaganten Frisuren und in extraterrestrisch anmutenden schwarz-weißen Kostümen, um dem alten Deutschland kichernd den Stinkefinger hinzuhalten. Ahnend, welches Gemetzel ihnen bevorsteht, erreicht die Gunther-Hagen-Bande den Heunen-Hof.

Und darin verweigern die guten Deutschen den bösen Deutschen die Schlacht. Stattdessen erleiden die bestürzten Burgunder-Recken einen bunten Ulk, den die Heunen effektvoll veranstalten, indem sie etwa ein Kind an die Front schicken, das vergnügt aus dem mittelalterlichen Nibelungenlied zitiert. Das brutale Erwürgen desselbigen durch den blutrünstigen Hagen bringt nichts, denn schon trottet das nächste Balg heran und fährt munter fort. Konsterniert müssen die Burgunden erkennen: Während wir hier brav Hebbels martialischen Text aufsagen, wollen diese Migranten sich einfach nicht mit uns bekriegen. Und so siegt auf der Bühne das wohlig-weltläufige Kuschel-Germany über das gewalttätig-chauvinistische Scheiß-Deutschland.

Zugegeben, ein wundervolles Szenario. Die Abschaffung dieses Massenelend erzeugenden Deutschland-Konstruktes durch eine klamaukige Kampfabsage ist letztlich aber nicht stimmig, sondern naiv. Verkennt sie doch, dass der deutsche Nationalismus in erster Linie eine Frage des Klassenkrieges ist, den Reich gegen Arm führt. Und der spielt hier keine Rolle, so dass die Inszenierung kaum mehr ist als eine unpolitische Klischee-Jonglage, die in ihrer Totalität derart platt gerät, dass sie zwangsläufig jede Wirkung verfehlen muss. Es ist seichte Kost, die wirkt, als hätte man ein Drehbuch von Quentin Tarantino durch Rosamunde Pilcher umschreiben lassen und unter der Regie von Fatih Akin verfilmt.

Nächste Vorstellungen: 30.10, 31.10., 19.11., 28.11., jeweils um 19.30 Uhr.

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