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Das türkische Militär in martialischer Pose

Der massierte Aufmarsch von alten Panzern an der Grenze bei Kobane kann nur Laien beeindrucken - doch Ankaras Militär wäre zweifellos in der Lage, die IS in die Schranken zu weisen

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 5 Min.
Seit das türkische Parlament im Oktober die Regierung ermächtigt hat, in Syrien und im Irak militärisch zu intervenieren, hat Ankara medienwirksam Kampfpanzer im offenen Gelände gegenüber der umkämpften syrischen Stadt Kobane auffahren lassen. Die rücksichtslos angreifenden IS-Terroristen haben sich von der Panzer-Armada nicht weiter irritieren lassen, und auch den bedrängten Kurden brachten sie keine Entlastung.

Berlin. Das Bild der in Reih und Glied auf den Hügeln aufgestellten Stahlkolosse, deren Geschützrohre in Richtung des Kampfgebiets jenseits der Grenze zeigen, ist in sich so widersprüchlich, wie das gesamte Agieren der Türkei in dem vielschichtigen Konflikt in ihrer Nachbarschaft. Seien es der blutige Bürgerkrieg zwischen Präsident Assad und seinen Todfeinden in Syrien, die inneren Auseinandersetzungen im Irak oder ganz besonders der verheerende Feldzug der Milizen des Islamischen Staats (IS) und der Überlebenskampf der Kurden – Ankara verweigert jede klare Stellungnahme und entzieht sich bislang jedem direkten militärischen Eingreifen ohne internationales Mandat. Dass die türkische Führung dabei vor allem machtpolitisch handelt, steht außer Zweifel – liegt doch weder ein Überleben des Assad-Regimes noch ein weiteres Erstarken kurdischer Eigenständigkeit in ihrem Interesse.

Just als die Forderungen aus dem Westen, Ankara möge mit Bodentruppen zugunsten der Kurden in Kobane intervenieren, immer drängender wurden, tauchten in verschiedenen Medien plötzlich Zweifel am Kampfwert der türkischen Armee auf. Auffällig war es schon, dass die nach den US-Streitkräften nominell zweitstärkste westliche Armee ausschließlich zweitklassiges Kriegsgerät auffahren ließ. Es handelt sich um jene betagten, wenn auch modernisierten M60-Kampfpanzer aus den 1960er Jahren, die beispielsweise die US-Army schon nach dem Golfkrieg von 1993 ausgemustert hatte. »Das Panzer-Problem der Türkei im Kampf gegen die IS« titelte beispielsweise »DIE WELT« und argumentierte, dass die türkische Armee es womöglich allein schon waffentechnisch nicht recht mit den IS-Milizionären, die modernstes (westliches) Gerät im Irak erbeutet hätten, aufnehmen könne.

Unter dem Schutz der Luftwaffe kein unlösbares Problem

Doch selbst wenn die IS bei ihrem Zug durch die Kasernen der geflüchteten irakischen Regierungsarmee oder auch im Kampf gegen syrische Truppen einige Dutzend Panzer sowie moderne Transporter, Raketenwerfer, Nachtsichtgeräte und Schützenwaffen, ja sogar einige stehengelassene verwahrloste MiG-Jagdflugzeuge erbeutet haben, wäre das für die Türkei auch mit ihrem vorhandenen zahlenmäßigen Übergewicht und unter dem Schutz der eigenen und der alliierten Luftwaffe kein unlösbares Problem. Zumal die wichtigsten Waffen im Arsenal der nach Guerilla-Taktiken handelnden Terrorkrieger eher Überraschung, Schnelligkeit, Entschlossenheit und brutale Rücksichtslosigkeit sind. Die fanatischen Glaubenskämpfer sind unberechenbar, und sie lähmen ihre Gegner, indem sie Angst und Schrecken verbreiten.Der IS eilt der Nimbus der »mächtigsten Miliz der Welt« voraus. Schätzungen gehen von 10 000 bis 50 000 IS-Kämpfern aus. Geschult und geführt werden sie von erfahrenen Dschihadisten, die ihre Kriegsrfahrung in Afghanistan, Tschetschenien oder Nahost erworben haben. In ihrem Arsenal findet sich, wie die »Huffington Post« dieser Tage schrieb, ein Sammelsurium von Waffen und Ausrüstungen, das aus etwa 20 Ländern stammt – ein Albtraum für jeden Logistiker.

Die türkischen Streitkräfte, seit 1952 in die NATO-Strukturen integriert, sind eine klassische Wehrpfllichtigenarmee mit 718.000 gut ausgebildeten Soldaten in ihren Reihen. In den Depots stehen insgesamt 3650 Kampfpanzer und tausende gepanzerte Tranporter, die Luftstreikräfte halten mehrere Hundert Kampfflugzeuge einsatzbereit, darunter rund 250 moderne F-16-Jets. Insbesondere die Luftüberlegenheit deklassiert jeden potenziellen Gegner in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Und auch wenn ein erstaunlich hoher Prozentsatz dieses Geräts ursprünglich aus den 1950er und 1960er Jahren stammt und unter anderem zuvor bei der Bundeswehr im Dienst stand, ist die Türkei auch im Besitz modernster Militärtechnologie und stellt diese auch selbst in wachsendem Umfang her. Das türkische Heer kann auch 350 Leopard 2-Paner aufbieten und ist derzeit dabei, den modernsten südkoreanischen Kampfpanzer »Altay« - den derzeit teuersten Panzer der Welt - in Lizenz zu produzieren. Und die Streitkräfte der Türkei haben in den vergangenen Jahrzehnten Einsatzerfahrungen in unzähligen Auslandsmissionen erworben. In der Region sind sie ein scharfes Schwert - jedenfalls in den Händen einer zum Handeln entschlossenen Führung.

Eine typische Streitmacht aus der Zeit des Kalten Krieges

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die türkischen Streitkräfte im Grunde eine Armee einer vergangenen Epoche sind. Mit ihrem hohen Personalbestand an nur kurzzeitig dienenden Wehrpflichtigen, ihrer riesigen Armada schwerer Kampfpanzer und der großen Zahl an spezialisierten Kampfflugzeugen sind sie noch eine typische Streitmacht aus der Zeit des Kalten Krieges. Die türkische Armee ist eine der letzten NATO-Armeen alten Zuschnitts, wenig flexibel und unglaublich teuer im Unterhalt.

Doch der riesige Reformstau wird nur allmählich abgetragen. Erst im April 2012 hatte der damalige Staatspräsident Abdullah Gül vor Vertretern des Militär und der Politik an der Kriegsakademie in Istanbul erstmals die Umstrukturierung und Modernisierung der türkischen Streitkräfte gefordert. Die Türkei befinde sich am Rande einer der konfliktreichsten Regionen der Welt; es sei überfällig, darauf eine Antwort zu finden, hatte er damals erklärt. Dazu gezählt hatte er die Schaffung einer Berufsarmee und die Verbesserung der Gefechtsfähigkeit. Gül hatte eine Arbeitsgruppe eingesetzt, deren Abschlussbericht er kurz vor Ablauf seiner Dienstzeit im August 2014 entgegen genommen hatte. Darin wird die Abschaffung der Wehrpflicht, die Verkleinerung der Streitkräfte, die Erhöhung ihrer Mobilität und die Aufstockung der Zahl ihrer Kampfeinheiten vorgeschlagen. Ein Kampfeinsatz würde die Armee derzeit in einer komplizierten Phase ereilen.

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