Strukturelles Einkratzen

Sportpolitik ist auch Weltpolitik: In 17 Tagen wählt das IOC einen neuen Präsidenten

Der Countdown läuft: In knapp zwei Wochen beginnt die 125. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees in Buenos Aires. Wichtige Abstimmungen stehen an: Die Kür der Olympiastadt

Ausgerechnet dort, wo die beseelende Kraft des Sports das Alltägliche überstrahlen soll, wird besonders gern Politik gemacht: bei Olympischen Spielen. Auch 2013 wird nach Boykott gerufen - die Universalität, die weltweite Aufmerksamkeit, macht die Spiele zu einer perfekten Bühne für Politik, für so berechtigte Forderungen wie die nach der Gleichbehandlung von Homosexuellen, wie auch für so unsportliche Demonstrationen wie die Weigerung iranischer Sportler, im Wettstreit gegen Israelis anzutreten.

Bei Olympia lässt sich mittlerweile nicht nur utopisch viel Geld verdienen, es wird stets auch etwas Weltpolitik gemacht, so auch ab 6. September 2013, wenn sich in Buenos Aires bei der 125. IOC-Session die Granden des Weltsports zu ihrer alljährlichen Vollversammlung treffen. Als eine IOC-Session zum letzten Mal in einer deutschen Stadt abgehalten wurde, 1985 in Berlin, Hauptstadt der DDR, erhielt der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker von IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch den Olympischen Orden in Gold überreicht. Gleichzeitig soll er dem Spanier in die Hand versprochen haben, die Sommerspiele in Seoul 1988 keinesfalls zu boykottieren. Als Kuba 1988 anregte, aus Solidarität mit der Koreanischen Demokratischen Volksrepublik im Norden den Spielen von Seoul fernzubleiben, sagte die DDR ihre Olympiateilnahme 1988 zu, noch vor der Perestroika-Sowjetunion.

Derlei weitreichende Beschlüsse wie anno '85 stehen in Buenos Aires nicht an: Immerhin ist es ein Politikum, ob Istanbul den Vorzug vor den Mitbewerbern um Sommerolympia 2020, Tokio und Madrid, bekommt - angesichts der Proteste in der Türkei. Andererseits: In derlei Hinsicht hat sich das IOC selten schwer getan, eher ins Gewicht fallen dürften wohl die sich häufenden Dopingfälle bei türkischen Sportlern, die der senegalesische Leichathletik-Weltverbandspräsident Lamine Diack, IOC-Mitglied, vor der WM in Moskau deutlich kritisiert hatte.

Nicht nur mit Lamine Diack wird sich der deutsche Kandidat Thomas Bach unterhalten müssen, wenn er gegen Ende der kommenden Woche in Buenos Aires angelandet ist. 104 aktive Mitglieder hat das IOC derzeit, die es allesamt per Kooptierung ins Komitee geschafft haben - also hinzugewählt von den Altmitgliedern. Die Mitgliedschaft im IOC beginnt für neue Mitglieder stets damit, dass man die Herzen, zumindest aber die Stimmen der Alten für sich gewonnen haben muss. Strukturelles Einkratzen: Wer das Strippenziehen nicht beherrscht, hat hier keine Chance - was schon der Baron Pierre de Coubertin so gewollt hatte. Selbstrekrutierung sollte die Olympische Bewegung unangreifbar machen.

Bis am 10. September der neue Präsident gewählt wird, dessen erste Amtszeit acht Jahre währen soll, werden nun alle sechs Kandidaten noch einmal Lobbyarbeit leisten - worin jeder Einzelne seine Übung hat. Bevorzugt präsentieren sich die Kandidaten dieser Tage in Gegenwart bedeutsamer Menschen, Thomas Bach zuletzt in Moskau, wo er gerne verriet, dass der Olympiaboykott 1980 sein Einstieg in die Sportpolitik gewesen sei. Zur Debatte um die Antihomosexuellen-Gesetzgebung in Russland hingegen schwieg er, will er in ein paar Monaten doch lieber in Sotschi sagen: »Ich erkläre die Spiele für eröffnet.«

Neun Präsidenten hatte das IOC seit seiner Gründung 1894, einen davon kommissarisch - bis auf Avery Brundage (1952 bis 1972) allesamt Europäer. Für den Puertoricaner Richard Carrion, Ng Ser Miang (Indonesien) und Außenseiter Wu Ching Kuo (Taiwan) womöglich ein Pluspunkt. Carrion ist Bankdirektor und Chef der IOC-Finanzkommission. Er mehrte den Reichtum des IOC in den vergangenen Jahren unter anderem durch den gewinnbringenden Verkauf der Fernsehrechte. Dass er außerdem erwägt, die Altersgrenze von 70 Jahren wieder anzuheben, könnte ihm im Altherrenklub IOC zusätzlich Stimmen bringen. Ng Ser Miang, Singapurs Botschafter in Norwegen, zielt mit seinem Programm ganz auf die Jugend ab. So will er beispielsweise die Altersgrenze bei Jugendolympia, dessen Premiere in Singapur er 2010 ausrichtete, deutlich absenken.

Den beiden Europäern neben dem deutschen Kandidaten Bach wird allgemein wenig zugetraut. Ex-Stabhochspringer Sergej Bubka aus Donezk gilt schlicht als zu jung und zu wenig vernetzt, Dennis Oswald will hingegen im Olympiaprogramm Platz für vier, fünf neue Sportarten schaffen, dafür sollen andere Sportarten Disziplinen reduzieren. Ob ihm das Freunde im IOC verschafft? Wenn der Schweizer morgen die Ruder-WM in Südkorea eröffnet, leistet ihm immerhin UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Gesellschaft. Den IOC-Mitgliedern wird das nicht entgehen.

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