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Seid umschlungen, Millionen - ein Ausflug ins Luftschloss

Irmtraud Gutschke über ihren 4. November 1989

Das war ein rosaroter Augenblick, sagte ich am Montag zu meinen Kollegen, so was kommt nie wieder. Etwas Künstlerisches ins Leben gebracht - der Aufruf kam ja von Berliner Theaterschaffenden, hinter denen, das denkt man heute, schon irgendeine Kraft stehen musste, sonst hätte das ND nicht (fast triumphierend) das Wort »Protestdemonstration« auf die Titelseite gesetzt. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass es vorher in der Redaktion irgendeinen Zuspruch gab, da mitzutun. Privatsache: Da mischte sich die Sehnsucht »Es muss anders werden« mit einer Art Pflichtgefühl, in diesem wichtigen Moment nicht abseits zu stehen - und auch mit einer gewissen Furcht, was passieren würde. Ein Hubschrauber über unseren Köpfen. Beimischungen des Unbehagens im Hochgefühl.

Das Hochgefühl: Hier wird Geschichte gemacht, und du bist dabei. Hier kommt das zur Sprache, was du dir schon lange gewünscht hast in deiner Faszination für Gorbatschows Glasnost und Perestroika (und deiner Unwissenheit über die wirtschaftlichen Probleme in der UdSSR). Zu spät? Besser jetzt als nie! Meinungsfreiheit, eine lebendige Öffentlichkeit - das wäre mir schon genug gewesen. Demokratie, wie ich sie noch nicht kannte. Reisefreiheit - welche Verheißung, aber woher wollten sie die Valuta nehmen und was würden sie machen, wenn die Leute im Westen blieben?

»Sie«: Inmitten dieser 500 000 machte ich mir doch Gedanken um staatliche Macht, die sich nicht mehr in Erich Honecker konzentrierte, aber Egon Krenz konnte sich noch so sehr mühen, ihm fehlte die Akzeptanz. Entsprechende Plakate waren nicht zu übersehen. Ich verstand, und es schmerzte mich. Es war eine Stimmung, in der es für Übergangslösungen keine Einsicht mehr gab. Freigelassene Phantasie der Massen - wie erhebend! Aber wie sollten sich die hochfliegenden Wünsche in eine gesellschaftliche Struktur umsetzen lassen? Die Forderungen auf dem Alexanderplatz suggerierten ja schon ein Versprechen, über dessen Verwirklichung offenbar keiner der Redner nachgedacht hatte. Bis auf Markus Wolf und Günter Schabowski möglicherweise, aber die ernteten Pfiffe. »Lasst uns lernen zu regieren!«, rief Stefan Heym. Niemand sprach von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in denen das Land offensichtlich steckte. Und Heiner Müller, der schon weit voraussah und sich für Arbeiterinteressen stark machte, wurde, auch von mir, nicht verstanden.

Indes: Welche Ermutigung des Eigenen in diesen Stunden! Wie schön, dabei inmitten so vieler Menschen zu sein. Seid umschlungen, Millionen - die Illusion des Einklangs sollte bald zerbrechen und war wohl meiner Naivität geschuldet. Auch im Luftschloss war schon nicht mehr für alle Platz. Dieser wurde in den Vordergrund, jener beiseite geschoben. Das würde sich im Folgenden noch verstärken. Ein Lehrstück im Nachhinein für individuelles Verhalten in Umbruchzeiten und für die Paradoxien des eigenen: in Spannung und Neugier befangen zu sein.

Dieser Artikel ist Teil des Wende-nd:

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