Werbung

Zeitreise

Vom Kreml ins ZK – eine Fahrt mit Heinz Vietze und seinem Kraftfahrer. 25 Jahre danach.

  • Von Gabriele Oertel
  • Lesedauer: 7 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Zeitreisen gibt es nur in Science-Fiction-Filmen. Wir versuchen es trotzdem. Hauptdarsteller unserer Reise in die Vergangenheit ist Heinz Vietze, eine nicht unwichtige Nebenrolle spielt Willi Rohmann. Wir fahren von Potsdam nach Berlin. Wiederholen nach 25 Jahren jene für beide Männer unvergessliche Autofahrt vom 1. Dezember 1989, als sich Vietze, der gerade seit zwei Wochen im Amt und mit 42 Jahren einer der jüngsten 1. Sekretäre einer SED-Bezirksleitung war, mit seinem Kraftfahrer in die DDR-Hauptstadt aufmachte, um den Nachfolger von Erich Honecker, Egon Krenz, zum Rücktritt zu drängen. Ganze sechs Wochen hatte Krenz an der Spitze des SED-Politbüros gestanden - und diese Zeit auch nach Vietzes Meinung nicht genutzt, um auf die sich in der kleinen deutschen Republik überstürzenden Ereignisse angemessen zu reagieren.

Los geht die Fahrt in Potsdam an jenem einst von den Nazis als Heeresarchiv genutzten Riesengebäude auf dem Brauhausberg. Das haben die Potsdamer jahrzehntelang Kreml genannt, weil es die SED beherbergte - der stilisierte Händedruck des Parteiabzeichens ist bis heute zu ahnen. Kreml hieß das Gebäude übrigens auch noch, als im einig Vaterland der Landtag Brandenburg hier tagte. Willi Rohmann zeigt, wo die Kraftfahrer der SED-Bezirksleitung sich aufhielten und weist auf die majestätische Treppe, auf der die führenden Genossen hinauf oder hinunter eilten. Jene Reise zum »Königsmord« am 1. Dezember 1989 hat er übrigens nicht zum ersten Mal gemacht. Als Vietzes Vorgänger Günther Jahn am 12. Oktober 1989 zu ihm in den Wagen stieg und an der nächsten Kreuzung erklärte, heute fahre man nach Berlin, »um Erich Honecker zu stürzen«, hat er fast eine Vollbremsung hingelegt. Und während des Aufenthalts in der Hauptstadt mit seinem Chef, den er als »loyal, korrekt, freundlich-distanziert« in Erinnerung hat, gebangt - derweil er mit den Kollegen von der fahrenden Zunft rätselte, wie das weitergehen soll in der von Protesten und Massendemos erschütterten DDR. Dass der »ziemlich kranke« Jahn »ziemlich einsam« auf der Sitzung des Politbüros mit den Bezirksparteichefs geblieben war, als er Honeckers Rücktritt forderte, konnte Rohmann damals nicht wissen. Wohl aber ahnen, als er nachts den bleichen Jahn zurück nach Potsdam brachte. Jedenfalls hat er sich gesorgt - um den Mann im Auto, das Land, die Familie und seine eigene berufliche Zukunft.

»Wir haben Jahn gedrängt, endlich diese Erstarrung zu lösen«, erinnert sich Vietze. Im Kreml haben sie auf den Ersten gewartet - und »einen um Jahre gealterten Mann« aus dem Auto steigen sehen. Erst ein Anruf von Krenz mit dem Dank für den Mut habe dem wieder Leben eingehaucht.

Doch weder Mut noch Hoffnung hatten eine große Haltbarkeit. Am 15. November 1989 war Rohmann seinen alten Chef los. Jahn hatte zum damaligen Potsdamer Kreissekretär gesagt: »Heinz nun musst Du das machen« - und Vietze übernahm. »Ja, ich habe mir zugetraut, noch alles herumreißen zu können, auch wenn ich mir das, was nach den Blumen kam, anders vorgestellt hatte«, erinnert der sich. Und sein Kraftfahrer sagt: »Er war der einzige, der das kann, waren wir alle uns einig.« Aber auch Vietze holte die Wirklichkeit schnell ein. Runde Tische, Aktivtagungen, Kundgebungen - und jeden Morgen 1000 Unterschriften unter die neuen Parteidokumente, die gerade in Umlauf gebracht werden sollten. »So, wie frühmorgens die Waschkörbe mit den roten Büchern rausgingen, kamen abends volle Waschkörbe zurück, weil viele Genossen sie nicht mehr wollten«, sagt Vietze lakonisch.

Die zehn Wochen als SED-Bezirkschef hat der heute 67-Jährige als »überwiegend ernüchternd« in Erinnerung. Die Leute verschwanden scharenweise in den Westen, öffentliche Ordnung, Verkehr und Krankenhäuser - überall fehlte Personal. Parteileitungen traten geschlossen zurück, führende Genossen meldeten sich krank, erste Vorwürfe über Amtsmissbrauch und Korruption machten die Runde. »Wir waren eine Partei in Auflösung«, weiß Vietze heute - auch wenn man ihn bisweilen als »Gorbatschow von Potsdam« titulierte und die Begegnung mit der Basis nicht durchgängig von Aufruhr gekennzeichnet war. »Heinz war ein Kumpel«, resümiert Rohmann die gemeinsamen Tag- und Nachtfahrten durch Brandenburg. »Aber das Volk hatte sein Urteil schon gesprochen.«

So ähnlich müssen das auch die Stahlwerker in Hennigsdorf gesehen haben. An jenem 1. Dezember war Vietze frühmorgens noch bei denen gewesen. »Heinz, wir haben nichts gegen Dich, aber die Partei hat uns so beschissen«, beschieden sie dem gelernten Maschinenbauer. Und dann haben die Kumpels mit Tränen in den Augen ihre Parteidokumente in den Siemens-Martin-Ofen geschmissen. »Das waren Helden der Arbeit, die haben sich immer für die DDR engagiert«, kämpft Vietze auch nach 25 Jahren mit seiner Erregung. Leiser gesteht er, dass es ihn fast zerrissen habe in diesem Moment und er den Stahlwerkern gegenüber ein schlechtes Gewissen gespürt habe.

Dabei hätte er sich darauf berufen können, dass er noch am Abend vor dem Besuch im Werk ein Fax nach Berlin geschickt - nicht das erste seit Amtsantritt übrigens - und gemeinsam mit allen anderen den Rücktritt des Krenz-Politbüros gefordert hat. Keine Antwort! Auf der Rückfahrt nach Potsdam hörten der Parteifunktionär und sein Fahrer vom Beschluss der Volkskammer, den Führungsanspruch der SED aus der DDR-Verfassung zu streichen. Was für eine Zeit. »Jeden Tag neue, beunruhigende Nachrichten und die in Berlin dachten, es geht alles so weiter wie bisher«, sinnierte Willi Rohmann damals am Steuer, während der Mann hinter ihm immer erregter wurde. Er sollte sich vor die Leute stellen und sagen, dass die im Politbüro nicht geantwortet haben? »Das können die mit mir nicht machen, Willi, wir fahren nach Berlin«, sagte er plötzlich.

Und so kam es, dass die beiden an jenem Abend unangemeldet - nur der für Sicherheitsfragen zuständige Wolfgang Herger wusste Bescheid - im ZK-Gebäude auftauchten. »Natürlich hatte ich Schiss, ich hatte schließlich drei kleine Kinder«, sagt Vietze heute. Sagt auch, wie wenig Spaß es ihm gemacht hat, »dass ich Krenz, der schließlich lange Jahre in der FDJ mein Chef war, auffordern musste, endlich zurückzutreten«. Aber das Gefühl der Illoyalität hatte Vietze dennoch nicht. »Wir brauchten einen konsequenten Neuanfang, sonst war die Partei verloren«, ist er bis heute sicher. »Und für Egon selbst muss es doch eher befreiend gewesen sein, auch wenn er das an jenem Abend noch nicht begriff.«

Begriffen hatte Krenz offenbar wirklich nicht, wie es in der Partei aussah. Vier Stunden ließ er Vietze und dessen Stellvertreter Jürgen Engelhardt vor der Tür sitzen. Drei davon verbrachten sie mit Alexander Schalck-Golodkowski, der im MfS für die Kommerzielle Koordinierung - die Beschaffung von Gütern im Ausland jenseits des westlichen Lieferverbots - zuständig und inzwischen zum Lieblingsbuhmann der Öffentlichkeit avanciert war. Der Mann, der sich des Rückhalts der Parteiführung versichern wollte, wurde vorgelassen, kam weinend wieder heraus und verschwand vom Politbüro allein gelassen wenig später in den Westen.

Auf Vermittlung von Ministerpräsident Hans Modrow wurden danach die Potsdamer schließlich ins Allerheiligste gebeten. Vietze trug die Aufforderung zum Rücktritt vor, es kam zu kurzem Wortgefecht und langem Kopfschütteln - beides für ihn Bestätigung, dass die meisten Mitglieder des Gremiums noch immer Lichtjahre von der Realität entfernt waren und sich weder mit der Krise auseinandersetzten, noch zu Schritten für die Stabilisierung der DDR fähig waren. Nur wenige mahnten, Vietzes Anliegen ernst zu nehmen. Das wenigstens wurde versprochen - und der unwillkommene Besuch entlassen. Nein, ohnmächtig hat das Vietze nicht gemacht. Zurück in Potsdam begann er Verbündete zu suchen. Mit Erfolg: Am 3. Dezember trat das Politbüro zurück.

Die Zeitreise ist zu Ende. Inzwischen hat Vietze tatsächlich seinen heute 62-jährigen ehemaligen Kraftfahrer ans Steuer seines Privatautos gelassen. Das war, nachdem er sich im Eifer der Erinnerung glatt verfahren hat. Noch einmal ist es so wie vor 25 Jahren. Vorn Willi Rohmann am Steuer und hinten Heinz Vietze mit einem Berg Akten auf dem Schoß. Die Frage nach dem Wetter am 1. Dezember '89 können beide nicht beantworten. »Wir haben immer nur darüber gesprochen, ob das noch hinzubekommen ist, mit der DDR«, sagt Rohmann noch. Dann sind wir zurück in der Gegenwart. Aber ein bisschen Science Fiction hat schon stattgefunden. Damals, als die Zukunft für ein paar Monate offen schien.

Dieser Artikel ist Teil des Wende-nd:

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!