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Das Kreuz mit den Kreuzen

Martin Hatzius über die »Umwidmung« der Gedenkkreuze für die Berliner Mauertoten zu Mahnmalen für die Opfer einer verfehlten europäischen Flüchtlingspolitik

Ein Toter kann sich gar nichts vorstellen, er ist tot. Aber solange die Lebenden sich vorstellen, wofür dieser Mensch gestorben ist, wofür er gelebt hat, relativiert das die absolute Sinnlosigkeit des Todes. Hoffentlich. Wenn einem Toten etwas Endgültigeres passieren könnte als der Tod, dann wäre es das Vergessen, die Gleichgültigkeit. Das Erinnern an ihn ändert nichts für den Toten. Erinnert wird allein aus dem Grund, etwas in uns zu ändern, die wir leben. Deshalb gibt es Grabsteine, Gedenktafeln, Trauerkränze – als Symbole der Mahnung.

Die weißen Kreuze, die am Berliner Spreeufer vor dem Reichstagsgebäude aufgestellt waren, um an die Mauertoten zu erinnern, sind verschwunden – oder, wie es das »Zentrum für Politische Schönheit« formuliert: »geflüchtet«. Das Bündnis von Aktionskünstlern bekennt sich dazu, sie entfernt zu haben und zeigt auf seiner Website Fotos, die die Kreuze (oder sehr echt wirkende Kopien) in anderem Zusammenhang vorstellen: an Stacheldrahtzäunen in Griechenland, Bulgarien oder Rumänien. In den Händen afrikanischer Flüchtlinge, die vor der abgeschotteten spanischen Exklave Melilla in Nordafrika gestrandet sind.

»Die Mauertoten«, heißt es in der Erklärung, seien nun »an den EU-Außengrenzen. Sie sind bei ihren Brüdern und Schwestern in den marokkanischen Waldbergen von Gourougou (vor Melilla). Unter Menschen also, deren Leben durch die EU-Außenmauern derzeit akut gefährdet ist.« Das Entfernen der Kreuze – der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt wegen besonders schweren Diebstahls – ist der Auftakt einer Aktion, die um den 9. November herum den »Ersten Europäischen Mauerfall« herbeiführen soll. Eine symbolische Tat, um das Gedenken an 1989 in ein aktives Denken an heutige Opfer lebensvernichtender Grenzanlagen umzuwidmen.

Die Empörung über das Vorgehen des »Zentrums für Politische Schönheit« ließ nicht auf sich warten – und sie ist nachvollziehbar, auch wenn man davon ausgeht, dass hier keine Grabmale geschändet, sondern symbolpolitische Objekte in einen neuen Zusammenhang gestellt wurden. Vom Direktor der Stiftung Berliner Mauer über die Verbände der Opfer des Stalinismus und der kommunistischen Gewaltherrschaft bis hin zu ranghohen Berliner CDU-Politikern wird der Missbrauch des Andenkens Verstorbener beklagt, die Verletzung der Würde des Gedenkens an einzelne Menschen verurteilt und eine »Instrumentalisierung« der Mauerkreuze kritisiert, »um Medienaufmerksamkeit zu erlangen«.

Aufmerksamkeit. Das ist der Punkt. Man kann den Aktivisten einiges vorwerfen, jedoch nicht, dass sie ihr Ziel verfehlt hätten: die Aufmerksamkeit auf neue Todesstreifen zu richten. Nebenbei ist ihnen aber etwas gelungen, das sie vielleicht gar nicht beabsichtigt haben, und das ihre Kritiker ihnen danken könnten: wieder Aufmerksamkeit zu richten auf die Menschen, die an der Berliner Mauer starben. Das Verschwinden der weißen Kreuze vom Spreeufer war nämlich niemandem aufgefallen – bis das »Zentrum für Politische Schönheit« seine Aktion öffentlich machte. Etwas Schlimmeres als Desinteresse kann keinem Toten widerfahren. Und erst recht keinem, der sein Leben hinter Mauern fristet.

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