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Der letzte vernünftige Mensch

»Die Schönheit von Ost-Berlin«: Eine Collage aus Texten des Schriftstellers Ronald M. Schernikau am »Deutschen Theater«

Jener ältere Herr, der im Theater neben ihm gesessen sei, so teilt mir ein amüsierter Premierenbesucher nach der Vorstellung mit, sei bei einzelnen Sätzen, die an dem Abend auf der Bühne gefallen sind, wiederholt heftig zusammengezuckt. Es müssen Sätze wie dieser gewesen sein: »Falls Sie vorhaben, ein großer Dichter zu werden, müssen Sie in die DDR gehen.« (Peter Hacks an Ronald M. Schernikau) Oder der sich ebenfalls auf die DDR beziehende Satz: »Es war einmal ein junger Mann, der fuhr in das schönste Land der Welt.« Am Vorabend der Feiern zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls mögen Sätze wie diese in den Ohren vieler wie Hohn klingen. Dabei bewahren sie, erklingen sie heute, die Utopie, dass es noch etwas anderes geben müsse als die Allgegenwart spätkapitalistischer Ökonomie und die ewige Dreieinigkeit aus Helene-Fischer-Konzerten, Jobcenter-Tristesse und neonerleuchteten Shopping Malls.

Im Frühjahr 1990 konnte man unter anderen diesen Satz auf dem DDR-Schriftstellerkongress hören: »Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinanderzusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?« Ausgesprochen hat ihn der junge Schriftsteller Ronald M. Schernikau. Sein Werk fand bis heute keine große Verbreitung, und auch dass es die Anerkennung genießt, die es verdient, kann man nicht behaupten: Schernikau, 1960 in Magdeburg geboren, als Kind im Kofferraum eines Autos mit der Mutter in den Westen geflüchtet, in der bundesrepublikanischen Provinz aufgewachsen, als junger Mann nach Westberlin gezogen, ab 1986 Studium als erster Westdeutscher am Leipziger Literaturinstitut und 1989 schließlich Emigration in die DDR, wo er 1991 an den Folgen von Aids starb, war überzeugter Kommunist und schwul.

Im September 1989, zu einer Zeit, als Bürgerinnen und Bürger der DDR in Scharen das Land verließen, verließ der Dichter Schernikau die »Insel« Westberlin, auf der er lebte, und zog nach Hellersdorf, Berlin-Ost, Hauptstadt der DDR. Das hat seinerzeit logischerweise kaum einen interessiert. Dabei könnte Schernikaus Übersiedelung in den nominell sozialistischen deutschen Staat, verstanden als Akt eines Dissidenten, als still verrichtete Überzeugungstat, kaum imposanter sein: Das unbefangene Gehen in die entgegengesetzte Richtung als letzter Notwehrversuch gegen die soeben im Siegen begriffene, alles überflutende »konterrevolutionäre Scheiße« und den endgültigen Triumph des Kapitals. Eine Auswanderung, die auch dann als richtig empfunden wird, wenn sich herausstellt, dass der Sozialismus fürchterlich trostlose Seiten hat, dass »die DDR nervt« bzw. sie ganz gewiss nicht »das schönste Land der Welt« ist. »Die Dummheit der Kommunisten halte ich für kein Argument gegen den Kommunismus.« Noch so ein Schernikau-Satz, der an diesem Abend fällt und den man sich gerahmt über den Schreibtisch hängen könnte. Peter Hacks nannte Schernikau den »letzten vernünftigen Menschen in diesem Jahrtausend«.

Die in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zu hörende Text-Collage »Die Schönheit von Ost-Berlin«, aus der auch die oben zitierten Passagen stammen, ist zu großen Teilen aus Tagebüchern, Notizen, Interviews, Briefen und Prosa des Dichters montiert. Sie unternimmt gleichermaßen den Versuch, dessen Werdegang in Ausschnitten nachzuerzählen wie einen Einblick in sein Denken zu geben. Im Mittelpunkt der Bühne steht eine hölzerne Drehscheibe, eine kleine Plattform, auf der diverse Möbel und Artefakte aus Schernikaus prekärem Künstler- und Bohèmeleben turmartig aufgeschichtet sind: das Heck und der Kofferraum eines Autos, ein Pissoir, ein Bett, eine Couch, ein Radio, ein kleiner Küchentisch, ein Stuhl, ein Bücherregal, ein Schreibtisch, Stöckelschuhe, eine Marx-Büste, ein Koffer, eine Schreibmaschine, eine Grenzschranke.

Auf der Plattform, auf der all das zusammengedrängt ist und die wie eine kleine Drehbühne funktioniert, agieren eine Schauspielerin und drei Schauspieler, vier nahezu identisch ausstaffierte Impersonationen Schernikaus: divenhafte Figuren mit langen, dunklen Haaren und Brille, schwarz gekleidet, elegant, rastlos und geschmeidig sich über den kleinen Bühnenaufbau bewegend und dabei Mono- und Dialoge sprechend: Schernikau über Schernikau, über die Homophobie auf dem Schulhof der westdeutschen Provinz, über die Kunst, die Schönheit und die Utopie, über das Nachtleben der schwulen Subkultur Westberlins, Schernikau am Küchentisch der linken Kreuzberger Wohngemeinschaft, als Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins, als Übersiedler in die DDR, auf dem DDR-Schriftstellerkongress, Schernikau und sein zeitweiliger Mentor Peter Hacks, Schernikau krank im Sterbebett.

Es ist der Versuch, an eine in ihrer Zeit singuläre Figur zu erinnern, die ein unmögliches Leben führen wollte: zwischen Disko und Lenin-Lektüre, zwischen Ficken und dialektischem Materialismus, Schlagermusik und Kunst, Glamour und orthodoxem Kommunismus. Im Bühnenhintergrund, auf eine Wand projiziert: Bunte Bilder aus westlicher und östlicher Popkultur, aus Illustrierten der 70er und 80er Jahre, Bruce Lee und Che Guevara, Triviales aus der Kitsch- und Schlagerwelt, zu der Schernikau sich hingezogen fühlte, aber auch Titelseiten des alten »Neuen Deutschland« und FDJ-Propaganda.

Die Inszenierung geht erfreulicherweise nicht in die Falle, die bei der Beschäftigung mit Personen wie ihm nahe läge: den politischen Schriftsteller Schernikau zu entpolitisieren, ihn zum kauzigen Exoten oder schrillen schwulen Paradiesvogel zu trivialisieren.

Regisseur Bastian Kraft und Dramaturg John von Düffel wollen ihre Inszenierung, wie sie mitteilen, als eine »gegen die Erinnerungsseligkeit des 25. Mauerfalljubiläums« gerichtete verstanden wissen. Es ist dies nicht die schlechteste Aufgabe eines Theaters der Gegenwart: andere Stimmen sprechen zu lassen in Zeiten, wo alle wie ein einziger großer Chor klingen. Schernikau ist so eine. Einige Sätze, die er im März 1990 auf dem DDR-Schriftstellerkongress sprach, lauten: »Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muss Neger verhungern lassen.«

Nächste Vorstellungen: 18. und 27.11.; 06.,16. und 28.12.

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