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Die Integration hat ihren Preis

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Debatten zur Integration bauen meist nur auf Vorurteilen. Man stellt sich Ausländer auf ganz bestimmte Weise vor und wälzt zum Beispiel die allgemeine Bildungsverdrossenheit auf sie als Gruppe ab. Wer solche Ressentiments verfestigt, erhält dann auch noch einen Integrationspreis.
Es lief mal wieder das Radio. Eine begeisterte Stimme erzählte mir, dass der diesjährige hessische Integrationspreis an einen Verein gehe, der junge Migranten mit einem hohen Bildungsabschluss in Schulen schicke, um Kinder mit Migrationshintergrund zum Lernen zu motivieren. Auf diese Weise würden die Migrantenkinder erfahren, dass sich Bildung lohne. Die Paten hätten schon manchen schweren Fall auf Kurs gebracht. Als positives Beispiel dafür, wie es in Deutschland als Ausländerkind laufen kann, wären sie glaubhaft und entwickelten schnell einen Draht zu den Kindern.

Kann ja alles sein, dachte ich mir, aber das Vorurteil winkt trotzdem fröhlich. Die Stimme aus dem Radio klang auch ziemlich vorurteilsbeladen. Denn es ist mitnichten so, dass nur Ausländerkinder Motivation bräuchten. Bildungsverdrossenheit kommt in vielen Familien vor. Das hat viel mit dem sozialen Status zu tun und mit einem Luxus, den viele Eltern nicht mehr haben: Zeit. Der nationale oder kulturelle Ursprung ist da eher zweitrangig. Warum geht der Migrant also nicht in die Schule, um ganz generell alle Kinder, auch deutsche Kinder zu motivieren? Verstößt das gegen den guten Geschmack? Und warum erwähnte man nicht wenigstens als Fußnote, dass es Migranten auch mit hohen Bildungsabschlüssen hierzulande schwerer haben, eine gut dotierte Stelle zu finden? Das liest man immer wieder. Nicht der Bildungsstatus alleine hemmt also, sondern auch ein ausländischer Name.

Nein, was der Integrationspreis und die der Landespolitik verpflichteten Verlautbarungsorgane da konstruieren, ist nichts anderes als einen positiven Sarrazinismus. Die Ressentiments seiner Lehren übernimmt man, überwindet aber den boshaften Zwang, den Das-wird-man-doch-mal-sagen-dürfen-Moralismus, um ganz pragmatisch »Abhilfe« zu schaffen. Seit Sarrazin »wissen« wir nämlich, dass Dummheit und Faulheit in diesem Land die Angelegenheiten von Ausländern sind. Deutsche Schüler haben bestenfalls Lernschwierigkeiten, kurzfristige Bildungsausfälle, sind jedoch grundsätzlich aufgeschlossener für die Segnungen der Bildung.

Integrationspreise sind im Grunde meist das Gegenteil dessen, was sie sein wollen. Selten kriegt man das so deutlich mit, wie in diesem Fall. Man berichtet in weihevoller Stimmung, tut so, als honoriere man die Leistung und dann treten sie einem voll in den Bauch und verfestigen so die Vorurteile in den Köpfen. Kann ja sein, dass der Verein nur Migrantenkinder betreut. Das ist seine Privatsache. Ihn deswegen zu honorieren bedeutet aber auch, Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund zu größeren Problemkindern auszubauen, als die Kinder jenen autochthonen Familien, die sich um Bildung wenig scheren.

Hat dieser Verein eigentlich auch Leute, die er vor jungen Neonazis sprechen läßt, damit diese motiviert an einen Bildungsabschluss herangehen und endlich Integration erfahren? Oder sind die schon integriert? Wenn natürlich Integration bedeuten soll, ein allgemeines Phänomen wie die Bildungsmisere auf eine bestimmte Gruppe abzuwälzen, dann mag die Honorierung berechtigt sein. Ansonsten ist da auch nur so ein Angebot ausgezeichnet worden, das von Leuten betrieben wird, die die Rituale des hiesigen Integrationskults übernommen haben. Inklusive Vorurteile. Leute also, die mit vorauseilendem Gehorsam dem deutschen Lebensgefühl des dummen Ausländers entgegenkommen. Gut gemeint sicherlich. Aber nicht mehr als ein Mosaiksteinchen im allgemeinen Rechtsruck und im Gebilde des Anti-Multikulturalismus.

Wie im Grunde jeder Preis, der so tut, als müsste Integration gesondert ausgezeichnet werden. Aber ein Preis, der auf Integration macht, um Ressentiments aufzublähen, die wenig integrativ sind, das ist schon eine perfide Angelegenheit. Denn eines weiß man doch ganz sicher: Die Bildungsmisere ist multikulturell.

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