Aus Langeweile zum Weltruhm

Von Juristen, wilden Tieren und der Magie der Farben

Er war der älteste Sohn eines Drogisten und damit traditionell dazu berufen, einmal das Geschäft seiner Eltern zu übernehmen. Weil er einer solchen Perspektive aber wenig abgewinnen konnte, entschied er sich nach dem Besuch des Gymnasiums für einen anderen Berufsweg. Er begann ein Studium der Rechtswissenschaften, das er bereits nach zwei Jahren beendete. Danach arbeitete er als Anwaltsgehilfe und besuchte in seiner Freizeit mehrere Zeichenkurse.

Mit 21 Jahren wurde er krank und musste für längere Zeit das Bett hüten. Dabei fing er aus Langeweile an zu malen. Er fand daran so großen Gefallen, dass er sich ein Leben ohne diese künstlerische Betätigung nicht mehr vorstellen konnte. Also gab er seine juristische Karriere auf und bewarb sich an einer renommierten Kunsthochschule, wo er zu seiner großen Enttäuschung durch die Aufnahmeprüfung fiel. Anschließend besuchte er, um sich zu qualifizieren, eine Kunstgewerbeschule und wurde Vater einer Tochter. Seine Geliebte, die er zugleich als Modell beschäftigte, war die Freundin eines Kollegen, der deshalb mit ihm brach. Einige Jahre darauf heiratete er eine Modistin, die ihm zwei Söhne schenkte, von denen einer ein bekannter Kunsthändler wurde. Aber auch seine Tochter fand Aufnahme in der Familie.

Noch vor seiner Heirat hatte der von uns Gesuchte die Aufnahmeprüfung im zweiten Anlauf bestanden und damit begonnen, Kunst zu studieren. Während er zunächst mit Vorliebe alte Meister kopierte, ging er als freier Künstler immer mehr dazu über, Eigenes zu schaffen. Er setzte sich dabei vor allem mit dem Neoimpressionismus auseinander und gab seinen Bildern eine so ungestüme Farbigkeit, dass er und einige seiner Kollegen von der Kritik als »wilde Tiere« bezeichnet wurden.

Nach drei erfolglosen Ausstellungen geriet er in beträchtliche Geldschwierigkeiten. Denn auch das Geschäft seiner Frau lief nicht wie gewünscht. Er sah sich daher gezwungen, vorübergehend als Dekorationsmaler zu arbeiten. Nach zwei Jahren hatte er die Krise überwunden. Was folgte, war eine von künstlerischen und finanziellen Erfolgen geprägte Zeit. Er lernte Pablo Picasso kennen und schätzen und unternahm mehrere ausgedehnte Reisen, die ihn unter anderem nach Algerien und Marokko führten. Außerdem gründete er mit Unterstützung wohlmeinender Freunde eine private Malschule, an der während ihres Bestehens über hundert Schüler aus dem In- und Ausland unterrichtet wurden.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig an die Front, doch sein Gesuch wurde abgelehnt. Da er oft kränkelte, ließ er sich auf ärztliches Anraten am Meer nieder - in einer Stadt, die ihn so faszinierte, dass sie für ihn zur neuen Heimat wurde. Nach dem Krieg entwarf er unter anderem Kostüme und Bühnenbilder und betätigte sich als Bildhauer.

Außerdem erhielt er den Auftrag für ein großes Wandgemälde. Bei dessen Realisierung wurde er von einer 22-jährigen russischen Emigrantin unterstützt. Seine Frau stellte ihn daraufhin vor die Wahl: »Entweder sie oder ich.« Und obwohl er seine Assistentin entließ, trennte sich seine Frau nach 31 Ehejahren von ihm. Nach der Scheidung erkrankte er schwer. Er musste sich einer Darmoperation unterziehen und war längere Zeit ans Bett gefesselt. Dennoch dachte er nicht daran, mit dem Arbeiten aufzuhören. Da ihm das Stehen schwer fiel, malte er bisweilen im Liegen und beschäftigte sich alternativ mit Scherenschnitt- und Collagen-Techniken. Mittlerweile hatte er auch seine vordem entlassene Assistentin wieder eingestellt, die ihm künstlerisch zur Hand ging und sich um seinen Haushalt kümmerte.

Für den Höhepunkt seines Schaffens hielt er selbst die Ausgestaltung einer Klosterkapelle, für die er auch die Glasfenstermotive entworfen hatte. Drei Jahre nach Vollendung dieses Werkes erlitt er einen Herzanfall, an dessen Folgen er starb. Er wurde 84 Jahre alt.

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