An die Forken!

Mit dem Fall der Mauer implodierte die DDR rasend schnell. Kurz vor ihrem Ende demonstrierten in Berlin 50 000 Bauern.

  • Von Christina Matte
  • Lesedauer: 7 Min.

In dem Bus, der am Morgen des 15. August 1990 vom brandenburgischen Neuküstrinchen aus in die Noch-Hauptstadt der DDR aufbricht, gibt es 30 Plätze. Zwei davon haben Udo und Wolfgang Nichtern aus Neurüdnitz ergattert. Die Brüder sind Mitglieder der Neurüdnitzer LPG Tierproduktion »Max Reimann« und wollen dabei sein, wenn an diesem Tag republikweit 250 000 Bauern, Gärtner und Binnenfischer gegen den drohenden Zusammenbruch der ostdeutschen Agrar- und Ernährungswirtschaft demonstrieren.

Die Lage ist ernst, sehr ernst. Am 1. Juli wurden die D-Mark eingeführt, die Preise freigegeben und die Subventionen gestrichen. Seitdem ist der Absatz von Landwirtschaftsprodukten aus der DDR brutal eingebrochen, sind die Preise auf einen Tiefpunkt gesunken. Jetzt geht es um die Existenz.

Auf dem Berliner Alexanderplatz finden sich Udo und Wolfgang Nich- tern inmitten von 50 000 Bauern wieder. Sie alle haben Zukunftsangst, sie sind wütend. Mitgebracht haben sie schwarze Fahnen, Särge, Trauergebinde und Transparente. Auf den Transparenten steht: »DDR-Bauern im Abseits?«, »Wer wird zur Schlachtbank geführt? Die Schweine oder wir?«, »Seinen Stall ausmisten, das schafft jeder alleine, den politischen Mist aus Berlin bewältigen wir nur gemeinsam. An die Forken!« Auch Udo und Wolfgang Nichtern tragen je einen Trauerflor am Arm. Udos Chef, als er später dessen Foto in der Zeitung sieht, wird sagen: »Du hast den Mund so weit aufgerissen, dass eine Milchkanne hochkant reingepasst hätte.« Udo Nichtern reißt den Mund auf. Der Zorn kocht nicht allein in ihm hoch. Als der DDR-Landwirtschaftsminister Dr. Peter Pollack ans Mikrofon tritt, fliegen Cola-Büchsen, Eier und Tomaten. Auch der von Premier Lothar de Maizière als Parlamentär geschickte Dr. Günther Krause kriegt eine Ladung Eier ab, sein neuer Anzug ist hinüber. »Du kannst dir wenigstens einen neuen kaufen, ich nicht!«, brüllt Udo Nichtern.

Am Abend sind Udo und Wolfgang Nichtern wieder zurück in Neurüdnitz. Während sie Bier trinken, wird in Berlin auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben, dass Lothar de Maizière den Landwirtschaftsminister, den Wirtschaftsminister und den Finanzminister entlassen hat. Die Ereignisse überschlagen sich. Acht Tage darauf, am 23. August 1990, beschließt die Volkskammer den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober.

*

Dieser Tage besuchten wir die Nich- tern-Brüder in ihrem Dorf. Udo ist 66 und Rentner, Wolfgang 63 und Erwerbsunfähigkeits-Rentner. Natürlich erinnern sie sich an jenen 15. August vor 24 Jahren auf dem Alex. Für Wolfgang war er der letzte Arbeitstag in der LPG. Bis dahin hatte der gelernte Rinderzüchter in der Maurerbrigade gearbeitet, Häuser von LPG-Mitgliedern ausgebaut und Stallungen instand gesetzt: »Wir erhielten vor allem die alte Substanz. Für Neubau gab es kaum Material. Wenn der Chef Zement oder Holz ›besorgte‹, hatte er selbst gemachte Würschte dabei - so lief das.« Der letzte LPG-Vorsitzende ist Bernhard Regenberg gewesen, »der beste Chef, den wir je hatten«. Sie amüsieren sich heute noch, wenn sie die Geschichte erzählen, wie Regenberg, in Arbeitsklamotten auf seiner Schwalbe, von der »Parteigarde vom Kreistag«, die nach Neurüdnitz gekommen war, angehalten und gefragt wurde, wo sie denn den Vorsitzenden fände - und wie er sie in die Pampa schickte: »So war er, der Regenberg. Nach der Wende hat er sein Parteibuch im Schmiedefeuer verbrannt.«

In der SED waren Nichterns nie. Den Mund aufgerissen, dass eine Milchkanne hochkant hineingepasst hätte, haben sie schon immer. Aber auf die D-Mark hätten sie verzichtet, sie sagen: »Wir wollten Freiheit.« Dass die LPG in der Freiheit kaputt gehen würde, damit hatten sie nicht gerechnet. Udo glaubt: »Wer heute behauptet, den LPG-Bauern ging es schlecht, der lügt. Klar, bei denen, die zwangskollektiviert worden waren, hielt sich noch lange das Gefühl, in der LPG seien sie wieder Knechte: Sie mussten machen, was ihnen der Bengel, der gerade vom Studium gekommen war, vorschrieb. Aber Mitte der 1960er Jahre hatte sich das Gefühl gelegt.« »Nein, schlecht ging’s uns nicht«, bekräftigt Wolfgang Nichtern und erzählt von seinem Polier, »der jeden Tag zwei Betonmischungen« mit nach Hause nahm: »Der Honecker hatte ja gesagt, aus unseren Betrieben ist noch mehr rauszuholen. Viele haben das wörtlich genommen.«

Udos und Wolfgangs Eltern sind keine Bauern gewesen. Zur Zeit der Kollektivierung war ihr Vater Fritz noch Bergarbeiter bei der Wismut. Nach einem Unglück hatten ihm Ärzte geraten, mal vier Wochen aufs Land zu fahren und frische Luft zu schnappen. Er fuhr für immer. Die Familie mit ihren neun Kindern zog nach Mecklenburg, blieb schließlich im Oderbruch. Land besaß sie natürlich nicht. »Wer kein Land besaß, erhielt symbolisch zwei Morgen«, erinnern sich Udo und Wolfgang Nichtern, »die waren zwar kein Eigentum, doch als Äquivalent bekam man Futterweizen, Kartoffeln und Rüben.« Nebenbei hätten die meisten LPG-Bauern Vieh gehalten. »Es gab hier Leute, die hatten 20 Schweine im Stall, das kleinste Auto, das sie fuhren, war der Dacia.« Was so ein Schwein brachte? Udo weiß noch, dass er 1982 zwei Schweine und einen Bullen abgeliefert hat, für 8000 DDR-Mark. Wolfgang erzählt, dass er immer 10 bis 15 Schafe hielt - für das Kilo Wolle habe man ihm 88 DDR-Mark gezahlt. Heute sei Wolle nichts mehr wert. Für die letzten 20 Kilo habe er sieben D-Mark bekommen.

Die Brüder reden sich in Fahrt. Was der eine vergessen hat, kann der andere beisteuern. Weißt du noch? Unser Dorfsheriff? Wie die Schüler und Lehrlinge morgens mit ihren Fahrrädern zum Bahnhof fuhren und sie dort abstellten? Wie er die Lampen kon- trollierte? Wie er, wenn sie nicht funktionierten, die Luft aus den Reifen ließ und die Ventile einkassierte? Die Jugend, die war aber nicht doof. Als sie das geschnallt hatte, hat sie die Ventile selbst eingesteckt und mitgenommen. Weißt du noch?

»Nein«, sagt Wolfgang, als er freigestellt wurde, habe er das keinem übelgenommen. »Arschklar« sei ihm damals gewesen, dass es in der Landwirtschaft keine Chance mehr für ihn gab. Zwei Jahre sei er auf Kurzarbeit Null gewesen, das heißt, das Arbeitsamt habe ihm 60 Prozent seines alten Lohnes gezahlt. Seine Anteile an der LPG habe man ihm in jährlichen Raten vergolten. Wolfgang Nichtern lacht: »Zehn Jahre lang 1000 D-Mark, das war mein Öl-Geld! Damit war die Heizung gesichert.«

Nach zwei Jahren auf Null-Stunden hat Wolfgang Nichtern via Mundpropaganda eine Arbeit als Kanalbauer in Berlin gefunden, bei einer westdeutschen Firma. Früh um fünf ist er mit seinem alten Trabi losgefahren, abends um sieben zurück nach Neurüdnitz. Er hat nie Westlohn gekriegt, aber »sehr gut verdient«, so dass er schon bald einen Golf 1 fuhr: »Geiles Geschoss. Leider so alt, dass es mir wegfaulte unter den Fingern«. Baustellen in Hönow und Lübars, später in Bonn, Köln, Mainz und Hamburg. Schwerste körperliche Arbeit. Neun Jahre war er in dieser Firma, die letzten vier sogar als Polier. Dann ging der Chef zurück in den Westen und setzte einen Ostler ein. Wolfgang Nichtern ist noch heute sauer: »Der hatte sich hochgedient und entließ alle, die ihn von früher kannten und keine Speichellecker waren.« Ein Jahr Arbeitslosigkeit, über 30 Bewerbungen. Am liebsten hätte Wolfgang Nichtern einen Job in Bayern gefunden, wo seine große Tochter inzwischen lebte, doch Arbeit gab es nur im Ruhrgebiet. »Ein ganz furchtbarer Chef«, sagt Nich- tern, »für den war ich ›der Halbrusse‹' oder ›honeckerverseucht‹«. Längst war Nichtern Gewerkschaftsmitglied. Als der Chef ihm nach einem Unfall das Unfallgeld verweigerte, zog er mit der Gewerkschaft vor Gericht - und gewann. Die Westkollegen waren entsetzt, wie er denn seinen Chef verklagen könne. Er antwortete: »Das ist mein Recht.«

Anders als Wolfgang hatte Udo, der Traktorist, 1990 in der LPG bleiben dürfen. Auch, als die LPG am 21. Januar 1991 von Jungbauern, die viel Land geerbt hatten, in eine Agrargenossenschaft umgewandelt worden war. Tier- und Pflanzenproduktion hatten nun wieder zusammengefunden. Udo war für das Häckseln des Futters verantwortlich, weshalb er jeden Tag, auch an den Wochenenden, früh um drei oder vier Uhr aus dem Bett musste. Er glaubt: »Weil das kein anderer machen wollte, brauchten sie mich.« Ab 1995 dann wurde nur noch Silage gefüttert und nicht mehr gehäckselt, 2000 ging Udo Nichtern 52-jährig in Rente. Schwerkrank: Ein Bypass musste gelegt werden, und endlich, nachdem er sich 19 Jahre zuvor den Oberschenkelhals gebrochen hatte, bekam er eine Schweizer Endoprothese. Wegen des Herzens hat er in jüngster Zeit öfter auf Eisbein und Rouladen verzichtet und stark abgenommen. Er sieht besser, frischer aus als auf dem Foto von 1990.

Sein Bruder Wolfgang hat die Kette, die er 1990 um den Hals trug, in einer Schublade versenkt. Wenn er zum Röntgen fährt, und er fährt oft zum Röntgen, müsste er sie jedes Mal abnehmen, das ist ihm zu umständlich. Die schwere körperliche Arbeit hat seinen Körper verschlissen: Seit 2007 musste er vier Operationen am Knie, zwei an der Hüfte, eine an der Schulter, eine am Herzen durchstehen. Nichterns jammern nicht. Ihr Urteil über das Ende der DDR: »Es hätte 20 Jahre früher, als wir noch jung waren, kommen müssen.«

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