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Netanjahu kündigt Kurs der harten Hand an

Nach tödlichem Anschlag auf eine Synagoge will israelische Regierung drastische Sicherheitsmaßnahmen ergreifen

  • Von Oliver Eberhardt, Jerusalem
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Jerusalem sind am Dienstag vier Menschen getötet worden; die beiden Attentäter wurden erschossen. Israels Regierung will nun die Gangart verschärfen.

Das Morgengebet in der Kehilat-Bnei Torah-Synagoge hatte gerade begonnen, als die beiden Attentäter in den Raum stürmten. Mit Fleischermessern und Äxten gingen die beiden Palästinenser aus dem Ostteil Jerusalems auf die gut 30 Gläubigen los; Schüsse fielen; vier Menschen, allesamt Einwanderer aus dem angelsächsischen Raum, starben. Die beiden Attentäter, Cousins, wurden kurz darauf von der Polizei erschossen. »Es ist ein Bild des Grauens«, sagt ein Sanitäter, der bereits am Ort des Geschehens eintraf, als sich die Täter noch im Gebäude befanden: »In Gebetsschals gehüllte Menschen lagen mit klaffenden Wunden am Boden, Leute haben das jüdische Totengebet aufgesagt.« Er weint, sagt, nie zuvor habe er so viel Wut verspürt. Auf Arabisch. Der Sanitäter ist Araber.

Der Anschlag am Dienstagmorgen hat viele, Israelis und Palästinenser, gleichermaßen schockiert: Neben einer Reihe von Jubeldemonstrationen häuften sich im Internet die Kommentare von Palästinensern, die die Tat kritisierten: Man könne nicht gegen die Zerstörung von Moscheen durch Israels Militär sein, und Anschläge auf Synagogen gutheißen, so der Tenor. Denn nicht nur wurde ein Ort der Religionsausübung angegriffen. Hier, im Stadtteil Har Nof in der Nähe der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem, wohnen überwiegend ultra-orthodoxe Juden, viele von ihnen aus dem angelsächsischen Raum, die an diesen Ort gezogen sind, weil sie Zion, dem Zentrum des Judentums nahe sein wollen. Dem Zionismus steht man hier überwiegend kritisch, manchmal auch ablehnend gegenüber.

Und so mochte sich bis zum Nachmittag auch keine militante palästinensische Gruppierung offen zu der Tat bekennen. Mehrere Funktionäre der Hamas und ihres militärischen Flügels lobten die Tat als »heroisch« und »angemessene Reaktion auf die Verbrechen der Besatzung«, und auch die PFLP, eine kleinere, bislang eher unauffällige Gruppe, äußerte sich zustimmend. Beide nannten den Tod eines palästinensischen Busfahrers, der Anfang der Woche erhängt aufgefunden worden war, als Auslöser für die Tat. Viele Palästinenser sind der Ansicht, er sei von ultra-nationalistischen Israelis ermordet worden. Genährt wird diese Theorie vom palästinensischen Chef-Gerichtsmediziner Saber Aloul, der bei der Obduktion dabei war, und die Ansicht vertritt, der Leichnam weise Hinweise auf eine vor dem Tod erfolgte Einwirkung durch Dritte auf. Auch einer der israelischen Gerichtsmediziner wertet den Tod als »verdächtig«.

Israels Regierung kündigte nach einem Treffen des Sicherheitskabinetts scharfe Maßnahmen an: »Wir werden mit harter Hand auf diesen brutalen Mord an Juden reagieren«, sagte Regierungschef Benjamin Netanjahu, und machte Palästinas Präsidenten Mahmud Abbas für die Tat mitverantwortlich: Er habe sich wiederholt der Aufwiegelung zur Gewalt schuldig gemacht. Kurz darauf wurden die Häuser der Täter in Ost-Jerusalem von Sondereinheiten der Polizei gestürmt; Familienmitglieder festgenommen. Erste Straßensperren wurden errichtet. In den kommenden Tagen sollen es sehr viel mehr werden. Außerdem möchte die Regierung nun die Hauszerstörungen, die erst vor kurzem nach Jahre langer Pause erstmals wieder angeordnet worden waren, nun auch umsetzen. Bislang wird das vom Obersten Gerichtshof blockiert. Doch bereits in wenigen Wochen soll es ein neues Gesetz erlauben, Urteile durch eine Parlamentsmehrheit zu überstimmen.

Abbas erklärte, er verurteile die Tötung von Gläubigen in einer Synagoge, und »jegliche Gewalt, ganz gleich, aus welcher Quelle sie stammt.« Gleichzeitig beschuldigte er, ohne Namen zu nennen, »israelische Minister« der Aufstachelung zur Gewalt und forderte ein Ende der »Angriffe und Provokationen von Siedlern gegen die Al-Aksa-Moschee« auf dem Tempelberg.

Unterstützung bekam der Präsident am Nachmittag von Joram Cohen, dem Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Beth: Vor einem Parlamentsausschuss habe er erklärt, Abbas rufe keinesfalls zur Gewalt auf, auch wenn manche seiner Statements so interpretiert werden könnten. Er befinde sich in einer schwierigen Lage, in der auch ihm die Kontrolle zu entgleiten drohe.

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