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Eine »warme, kindgemäße Architektur« tut not

Oskar Negt plädiert in seiner neuen Streitschrift leidenschaftlich für eine neue Schule

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

Ganz aus der Mode gekommen wirkt sie, die Rede vom »aufrechten Gang«, die der heute leider kaum mehr wahrgenommene marxistische Philosoph Ernst Bloch popularisierte. Gemeint hatte er sie als Gegensatz zum erniedrigten und geknechteten Wesen, zu dem der Mensch im Kapitalismus reduziert ist. Bloch schwebte »kein gekrümmter Rücken vor Königsthronen« vor, sondern das Bild vom »Menschen als einem nicht kriecherischen, vielmehr einem mit hoch erhobenem Kopf«. Der Letzte, der sich dieser Sentenz ernsthaft annahm, war Blochs Lieblingsschüler Rudi Dutschke. Und der ist seit 35 Jahren tot.

Nun schickt sich Oskar Negt an, mit einer neuen Streitschrift »das Gehäuse der Hörigkeit aufzusprengen«. Sein Thema ist die wohl wichtigste Disziplinaranstalt unserer Tage: die Schule. Er wähnt diese »in einem erbarmungswürdigen Zustand«; sei sie doch zunehmend einem zweckrationalen Bildungsbegriff unterworfen: »Was vorher weitgehend anerkannt war - spielen, Freundschaften schließen, phantasieren, sich zwanglos sprachlich verständigen -, wird plötzlich, sobald es nicht in das Raster objektivierbarer Leistungen passt, stigmatisiert zur Störung.«

Parallel werde noch immer das Märchen vom potenziell jedem offen stehenden Bildungsaufstieg erzählt, das in der Bundesrepublik bis heute nicht ansatzweise wahr geworden ist. Damit sich daran endlich etwas ändert, appelliert Negt - darin ist er ganz Sozialdemokrat - an die Vernunft der Politik. Er erklärt das sich Bildungssystem nennende Desaster über einen vermeintlichen Kompetenzmangel der Mandatsträger, statt es als Resultat bestehender Herrschaftsinteressen und damit innerhalb kapitalistischer Eigentumsverhältnisse bestenfalls graduell veränderbar zu interpretieren. Negts Ablehnung jeglicher Notengebung, seine Charakterisierung der Grundschule als Mittelklassekinder privilegierende und Arbeiterkinder systematisch benachteiligende »Klassenschule«, seine Forderung, die Schule sei stattdessen »so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche angstfrei Probleme austragen können«, all das ist gewiss nicht neu. Bemerkenswert sind seine Einlassungen trotzdem. Wirkt es zunächst unglaubwürdig, wenn sich jemand gegen Leistungsdruck ausspricht, der vor einigen Jahren die Hartz-IV-Gesetze als »teilweise sinnvoll« bezeichnete, weist Negt doch nach, dass er zumindest in Sachen Schulpolitik nicht nur ein akademischer Dampfplauderer ist, sondern selbst handelt.

Er ist Mitgründer der »Glocksee-Schule« in Hannover, die als einzige staatlich finanzierte alternativpädagogische Gesamtschule eine utopische Insel im deutschen Bildungswesen darstellt. Diese sei ein Versuch, herrschaftsfreie Pädagogik inmitten einer von Drill und Zwang geprägten Schullandschaft zu etablieren. Eine »warme, kindgemäße Architektur« verbindet sich darin mit Projekten zur Selbstregulierung der Kinder jenseits starrer Lehrpläne, der Förderung exemplarischen Lernens und dem eigenständigen Austragen von Konflikten. Die Schulpolitik, so Negt, müsse solche Prinzipien zum Ausgangspunkt nehmen, diese Institution als »Kinderstube der Demokratie« zu begreifen und »Urteilskraft und Wissen bewusst aus den ungenutzten Befreiungspotenzialen der Menschen« zu gewinnen. Es ist dies aus linker Sicht sicher nicht das Schlechteste: Ein kluger Reformist propagiert den »aufrechten Gang« und liefert damit wichtige Impulse für fundamentale, dringend gebotene Umwälzungen.

Oskar Negt: Philosophie des aufrechten Gangs. Streitschrift für eine neue Schule. Steidl Verlag, Göttingen 2014. 128 S., geb., 18 €.

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