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»Ich werde mich erinnern ...«

Der Lebensbericht einer Résistancekämpferin und Ravensbrückerin

Der Titel des Buches klingt wie ein Groschenroman. Doch auf ein Happy End, wo sich Liebende nach Umwegen und Ungemach endlich finden, wartet der Leser vergeblich. Die Französin Micheline Maurel hat an die Liebe geglaubt und ist bitter enttäuscht worden. Sie war 26 Jahre alt, als sie sich, heftig verliebt, dem polnischen Flieger Tadek, der nach dem Überfall Deutschlands auf seine Heimat nach Frankreich geflüchtet war, anschloss und an seiner Seite im Widerstand gegen die Wehrmacht kämpfte. Nach Verhaftung und Folter durch die Gestapo und einem misslungenen Befreiungsversuch ihrer Freunde wurde sie in das Frauen-KZ Ravensbrück verschleppt und dann in das Außenkommando nach Neubrandenburg gebracht, das sie nur mit allerletzter Kraft überlebte.


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* Micheline Maurel: Die Liebe besiegt alles. Bericht aus einem Frauen-KZ.
Ingo Koch Verlag. 192 S., br., 7,70 €.


Groß war ihre Enttäuschung, als sie erfuhr, dass Tadek in der Zwischenzeit eine andere geheiratet hatte. Doch auch Micheline verliebte sich neu, in einen Schweizer Arzt, der sie jedoch später, während ihrer Schwangerschaft, betäubte und gegen ihren Willen eine Abtreibung vornahm. Doch damit nicht genug ihres Leids. Ihre Adoptivtochter nahm sich das Leben. Und ein Verkehrsunfall entstellte Micheline Maurel für immer. Kann ein einziges Leben so viel Unglück fassen? Die tapfere Frau wurde beachtliche 93 Jahre alt.

Im Mittelpunkt der Erinnerungen der Micheline Maurel steht der Mikrokosmos im Lager der deutschen Faschisten. Sie erlebte Brutalität, Sadismus und Entsolidarisierung. Zusammen mit 150 anderen Französinnen schuftete sie in Neubrandenburg in einem Rüstungsbetrieb - bis zur Befreiung durch die Rote Armee. Micheline Maurel schildert in allen Einzelheiten den KZ-Alltag. Übermächtiger Hunger nahm alle Sinne in Anspruch. Ums Brot kreisten alle Gedanken und belasteten zwischenmenschliche Beziehungen. Essschüsseln wurden gestohlen. Einlösen konnte man sie nur, wenn man der Diebin seinen eigenen kleinen Kanten Brot abgab. Micheline schrieb Gedichte, um nicht zu resignieren und sich ihrer Gefühle bewusst zu werden: »Ich wage nicht mehr zu sagen: Ich liebe Dich.« Und: »Ich träume nur noch von warmen Betten und fettiger Nahrung.« An eine glückliche Heimkehr glaubte sie nicht mehr. Und sie fürchtete sich, Tadek würde sie mit »der Stirn einer Alten und einem Totenblick« nicht wiedererkennen, nicht mehr mögen. An ihren Beinen klafften offene Wunden; diese schützten sie indes vor Vergewaltigungen, wie sie ihre Kameradinnen erlitten.

Auch nach der Befreiung fand sie lange keine Ruhe, fragte sich immer wieder, warum gerade sie überlebt habe. »Ich werde mich später an diese fürchterliche Zeit erinnern müssen, kalt, schwer, ohne Hass, aufrichtig jedoch.« Das tat Micheline Maurel schließlich. Den Titel für ihren Bericht hat ihr eine alte Zeitung eingegeben, die Brandflecken auf einer Werkbank bedeckte, an der sie als Zwangsarbeiterin gestanden hatte. Dort hatte sie gelesen: »Die Liebe besiegt alles.« Ja, das war auch ihre Erfahrung. Sie war aus Liebe zu Tadek und ihrer Heimat zur Résistance gegangen. Und die magischen Worte hatten ihr auch in Ravensbrück immer wieder Mut gemacht.

Die Erinnerungen der 2009 verstorbenen Micheline Maurel, die für die WHO und UNO gearbeitet hatte und als Zeitzeugin oft vor Schulklassen sprach, hat deren Neffe Olivier Maurel neu herausgegeben.

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