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Eine Stimme im Chor des Nachgesangs

Andreas H. Apelt führt mit »Pappelallee« in die Endzeit der DDR

  • Von Ralph Grüneberger
  • Lesedauer: 3 Min.

Politiker reden viel, wenn der Tag lang ist, heißt es. Prosaautoren, die jedes Wort auf die Sprachwaage legen, ist dies eher nicht eigen. Andreas H. Apelt, der neben einem Packen Publizistik und einer von ihm mit herausgegebenen Hiddensee-Anthologie seinen fünften Roman vorlegt, ist beides: Politiker und Schriftsteller. Vielleicht ist er deshalb einer, der Geschehen erfindet, aber die Buchstaben nicht halten kann, so dass sie zum Wortschwall geraten. Und auch die Wiederholung des bereits Gesagten, eine nicht minder typische Politikereigenschaft, bildet seinen Stil. So erfahren wir wieder und wieder dasselbe, als ändere sich Woche für Woche nur, wer die Hausordnung und die Treppe zu kehren hat. Dabei hat die Kiez-Geschichte von der »Pappelallee«, die Apelt erzählt, viele schöne Momente. Er findet Zeilen wie diese: »Prenzlauer Berg! Hier gehen die Uhren anders … Die Zeit verkriecht sich in den Hinterhöfen der Mietskasernen. Nur um stillzustehen. Denn da findet weder die Sonne noch der Fortschritt hin.«


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* Andreas H. Apelt: Pappelallee. Roman. Mitteldeutscher Verlag.
304 S., geb., 17,95 €.


Es ist die Endzeit der DDR, geschrieben wird das Jahr 1989. Apelts alter Ego, der literarische Anfänger Hans Hülsmann, wie Apelt seinerzeit Kulissenschieber an der Berliner Volksbühne, steht im Zentrum des Romans. Ihm stellt der Autor viele Mit- und einige Gegenspieler zur Seite. Wir lernen die Hausgemeinschaft aus der Gethsemanestraße 5 als Leidensgemeinschaft kennen. Da sind der Oppositionelle und der Antragsteller, der Grübler, der alles aufschreibt, die Frau mit Kind, die auf den in Westberlin verbliebenen Mann wartet. Da sind der Gutmensch von den Evangelischen, die vernachlässigte Frau des Fernfahrers, der Hausbuchführer, der am 1. Mai die geflaggten Fahnen zählt, die bettlägerige Frau, die in einer Bombennacht beide Beine verlor und im Hinterhaus keinen Sonnenplatz hat.

Das von Apel geschilderte Leben im Prenzlauer Berg spielt sich im Wesentlichen zwischen den Lokalitäten »WC« (»Wiener Café«) und »Luftikus« ab. Im »WC« trifft Hülsmann Katharina, sein »Schneewittchen«, dessen karriereorientierter Vater sich der Liebe in den Weg stellt. Im »Luftikus« heißt der Magnet Angie, die Kellnerin mit den großen »Kulleraugen« und dem kurzen Rock, deren Rundungen den Männern die Augen übergehen lassen. Der Mann am Tresen, der seine ihm in die Haut gestochene vollbusige Nixe im Spülbecken badet, hat im Kopf eine Affäre mit ihr. Eine Randerscheinung - wie die meisten Apelt-Figuren - bleibt auch der Besitzer der Kneipe, der über seinen Kassenbüchern sitzt und täglich mehrere Kännchen tankt, ehe er, was im Tumult untergeht, in Ruhe das Zeitliche segnet.

Den Spannungsbogen des Buches bildet der »Charme« einer Vopo-Meldestelle, hier bekommt Hülsmann den Personalausweis entzogen, ohne plausible Erklärung. Hülsmann kann Berlin, die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik, nicht mehr verlassen und auch nicht ans Krankenbett des Großvaters nach Templin. Ließe er sich hingegen auf Horch & Guck ein, könnte sich das blattgroße Dokument (der vorläufige Personalausweis PM 12) sofort für ihn wenden. Einer wie Hülsmann freilich ist mit dergleichen nicht zu ködern. Als dann die Grenze offen ist und die tätlichen Übergriffe der Staatsmacht vom 7. Oktober einer Ahndung entgegensehen, spielen die Vopos Läuterung und tragen ihm den Personalausweis förmlich mit Kusshand an. Doch nun will Hülsmann nicht mehr. Dass dann bei dem Beinahe-Schwiegervater, dem Hülsmann bis dato suspekt war, die Mercedes-Limousine vor der Tür steht (»ich habe schließlich nicht umsonst Ökonomie studiert«), ist schon Anfang einer weiteren Geschichte, die Andreas H. Apelt seinen Lesern gewiss nicht vorenthalten wird.

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