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Ein seltsames Paar

Sarah Schmidt feiert die poetische Kraft menschlicher Begegnung

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 4 Min.

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Was für eine Beißzange. Sicher, an in ihrer Einsamkeit verbitterten alten Leuten wird allzu gern herumgenörgelt. Aber diese Frau hat es wirklich in sich. Scholz heißt sie, und sie wohnt in einem für eine Achtzigjährige viel zu hohen Stockwerk eines fahrstuhlfreien Berliner Altbaus, dessen Wohnungen noch mit Kohlen aus dem Keller zu beheizen sind. Tag für Tag schleppt sich diese olle Schreckschraube durch den Hausflur, im Gepäck stets »einen Eimer Vorwürfe«. Gewollt hörbar für alle anderen Bewohner leidet sie am Alter, am Gebrechen und vor allem: an der Welt, die sie ungerecht behandelt hat. Und wie gemein sie sein kann! »Was wissen Sie schon von Arbeit?«, »Gehen Sie mal Ihrer Wege, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit«, »Haben Sie keine Eltern, die Sie betreuen können?«


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* Sarah Schmidt: Eine Tonne für Frau Scholz. Roman.
Verbrecher Verlag. 220 S., geb., 19 €.


Es sind Reaktionen auf die Versuche der Nachbarin Nina Krone, ihr die Kohlen nach oben zu hieven. Aber auch Nina hat so ihre neurotischen Seiten und gibt gerne zu, dass sie sich dieser Aufgabe nicht in erster Linie aus Nächstenliebe widmet: »Ich würde ihr, so sah mein kaum durchdachter Beschluss aus, ab sofort das Kohlentragen abnehmen. Der würde ich es zeigen. Mir egal, ob das von ihr erwünscht war oder nicht.« Nina ist Mitte vierzig, unglücklich in ihrer Beziehung, ohne echten Draht zu den beiden erwachsenen Kindern und ziemlich menschenfeindlich. Zwei frustrierte Frauen aus zwei divergenten Generationen treffen also aufeinander - was für ein Buch lässt sich daraus schon stricken?

Sarah Schmidt hat die Grundidee zu einem grandiosen Roman verarbeitet. »Eine Tonne für Frau Scholz«, so der unscheinbare Titel dieser wahren Perle aus dem Programm des an wunderbaren Büchern nicht armen Verbrecher Verlages, ist tieftraurig und macht dennoch glücklich, weil es sich den großen philosophischen Fragen des Lebens auf irrsinnig witzige Art nähert. Das liegt vor allem an der Erzählweise aus der Perspektive der peinerfüllten Protagonistin Nina Krone, deren lakonischer Charakter dem Werk einen lapidaren Sound verleiht, dem zu entziehen niemandem gelingen dürfte, den im Laufe des Lebens irgendwann einmal tiefe Selbstzweifel oder ein nurmehr mit Sarkasmus ausgehaltenen Nihilismus ereilt haben.

Logisch, dass sich zwischen den so verschiedenen, in ihrem Weltekel jedoch vereinten Frauen, Nina und Frau Scholz, eine ulkige Freundschaft entwickelt. Sie unterhalten sich über Leben und Tod, über Liebe und Hass, über die Pille (»Das sei eine Erfindung nach ihrem Geschmack gewesen, danach hätte es kein Halten mehr gegeben«) und das Alter (»Was sind schon achtzig Jahre? Das reißt man auf einer Pobacke ab«). Irgendwann erzählt Frau Scholz beiläufig sogar den einen oder anderen Schwank aus ihrer Jugend, der Nina staunen lässt: »Vor mir entstand ein ganz neues Bild, kleinbürgerliche Menschen, die in den Siebzigern in Resopalküchen Orgien gefeiert und gekifft hatten, sich über Schokoladewannen hergemacht und Schnaps gesoffen hatten, und all das ganz weit weg vom studentischen Leben.«

Nina spricht mit Frau Scholz in deren karger Wohnung beim Schnaps auch über ihren schwulen Sohn Rafi, dessen neuen Freund sie hasst (»Sein Ed-Hardy-Hemd machte die Sache nicht einfacher«). Ebenso reden sie, garniert mit harten, aber hilfreichen Tipps, über Ninas lethargischen Langzeitlebensgefährten Fritz sowie die Tochter Ella, ein Abziehbild der orientierungslosen »Generation Y« und das Sorgenkind der Familie. Sie unterhalten sich aber ebenso über die Vergangenheit der Scholz. Immer wieder kommen Nina ernste Zweifel, ob die alte Dame ihr die Wahrheit sagt. Was allerdings, wie sie sich eingesteht, letztlich egal ist: Da ist eine zutiefst vereinsamte Frau aufgetaut, die die poetische Kraft menschlicher Begegnung auf der Zielgeraden ihres Daseins wiederentdeckt hat. Was kann ein Mensch vom Leben mehr wollen?

Freilich halten die vielen kleinen Tragödien im Alltag bürgerlicher Existenzen oft auch die heitersten Menschen davon ab, das Glück des entschleunigten Zwischenmenschlichen in diesem so kurzen Leben auszukosten. Und derlei Tragödien ereignen sich ja so einige im Leben der Nina Krone. So überrascht nicht, dass diese Geschichte nicht im klassischen Sinne gut ausgehen kann. Trotzdem vermittelt sie, wenn diese 220 Seiten voll tiefsinniger Gedanken und schreiend komischer Dialoge ausgelesen sind, ein wohltuendes Gefühl, dem das Potenzial innewohnt, jeden griesgrämigen Misanthropen zur bedingungslosen Menschenliebe zu bekehren. Seine ideale Verbalisierung findet dieses Gefühl in jenem schon zu Beginn stehenden, kleinen und doch schlicht perfekten Satz: »Es gibt keine Schönheit im Alleinsein.«

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