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Die Gier nach flüchtigen Erlebnissen

Natascha Wodin lässt eine 63-Jährige per Erotik-Chat ihre Sehnsüchte ausleben

Erst nach dem Mauerfall ist sie in den Osten Berlins gekommen, die inzwischen 63-jährige Schriftstellerin Lea, die bemerkt, dass sie unaufhörlich und immer rascher aufs Ende ihres Lebens zugeht. Obwohl sie nie ernsthaft krank gewesen ist, mehren sich die Zeichen des Alters - neben den üblichen körperlich-physischen auch eine Müdigkeit, vor allem dann aber auch der nachlassende Schreibimpuls, jener innere Zwang, der sie die längste Zeit aufrecht gehalten hat.

Seit sie vor Jahren der letzten Beziehung zu einem Mann entkommen ist, lebt sie allein in einer kleinen Wohnung. Und muss feststellen, dass sie nicht mehr begehrt wird, dass der Funke aus den Augen der Männer verschwunden ist; und sie fühlt »plötzlich die ganze Verwaistheit ihres eigenen Körpers«.


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* Natascha Wodin: Alter, fremdes Land. Roman. Jung und Jung. 216 S., geb., 19,90 €.


Ebenso plötzlich aber - sie weiß gar nicht so recht, wie sie überhaupt dorthin gelangt ist - befindet sie sich in einem Erotik-Chat. Zunächst noch befremdet über die merkwürdigen Kommunikationsformen und Verhaltensweisen, bemerkt sie rasch, dass sie hier - in diesem ortlosen Raum der Virtualität - nicht nur wieder, auch und gerade wegen ihres Alters, von jüngeren Männern begehrt wird. Mit ihrem Gefühl gewachsener sexueller Attraktivität erwacht auch das eigene Begehren, das im Alltag lange zugedeckt, verschwiegen war. Sie merkt, dass sexuelle Phantasien und Wünsche artikulierbar sind; mehr und mehr lässt sie sich auf die virtuelle Realität ein, ja wird geradezu süchtig und schränkt auch ihre normalen Kontakte ein.

Schließlich winkt noch das Zauberwort Realdate, und Lea beginnt sich zu verabreden: Neben diversen bizarren, grotesken und auch erniedrigenden Erfahrungen macht sie die Bekanntschaft mit einem 23-jährigen jungen Musiker, der ganz in ihrer Nähe wohnt und mit dem sie eine kurze, aber intensive sexuelle Beziehung unterhält, bis der Junge seines Studiums wegen aus ihrem Gesichtskreis verschwindet.

Lea aber lebt weiter noch in der virtuellen Chat-Welt, kennt inzwischen alle Finessen, die sie selbst auch souverän im Gesprächsumgang mit den vielen - meist jüngeren - Männern einsetzt, um endlich doch an einem Punkt der Ernüchterung anzulangen. Wieder drängt sich mit Macht ihre Alterserfahrung vor, bloß hat sie, wie es ihr vorkommt, die »Gier nach flüchtigen Erlebnissen« durchlebt und aufgrund dieser Erlebnisse die Aufhebung der Konventionen im Netz kennen gelernt: Junge Männer sehnen sich durchaus nach alternden weiblichen Körpern. Am Ende, räsoniert Lea, aus deren Perspektive der ganze Roman Natascha Wodins erzählt wird, sei sie dem Netz sogar dankbar: »Ohne diesen Ort hätte sie nichts von dem erlebt, was sie in den letzten zwei Jahren erlebt hatte, sie wäre gestorben in ihrem verödeten Körper, mit ihren unerfüllten Sehnsüchten. Das, was sie gesucht hatte, die Liebe, hatte sie nicht gefunden, aber das, was sie gefunden hatte, hätte sie niemals zu suchen gewagt.«

Natascha Wodins eindrucksvoller neuer Roman trägt Züge eines modernen Märchens - modern, weil es weder gut noch böse ausgeht, sondern ebenso wie das heutige desillusionierte, sinnfreie Leben der meisten Menschen ausschaut. »Sie war wieder an ihren alten Lebensplatz zurückgekehrt, an den Schreibtisch, vor den leeren, stummen Bildschirm. Sie war wieder allein mit den Worten, sie war es mehr denn je. Sie wusste jetzt, dass auch die Worte sie nicht retten konnten, die machtlosen Worte, die immer eine Niederlage waren, im besten Fall eine vorletzte Wahrheit, zumeist nicht einmal die halbe.« Gäbe es da nicht eben doch noch etwas Bleibendes: »die tägliche Erschütterung über das Rätsel des Lebens, der Duft der blühenden Linden.«

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