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»Atme ... spür dich ...«

Gisela Steineckert setzt auf Widerhall - bei Zuhörern, bei Lesern

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 4 Min.

Der Titel betrifft jeden. »Wenn du mal nicht weiter weißt« - wer kennt nicht solche Momente der Müdigkeit, der Hilflosigkeit, der Trauer, der Angst. Und wer hat das nicht schon überspielt, verborgen. Weil einem andere sowieso nicht helfen könnten, würden? Aber Gisela Steineckert, wenn sie auf der Bühne sitzt, bietet Hilfe an. Allein schon, indem sie sich die Freiheit nimmt, Schwieriges zu bekennen, macht sie anderen Mut, es auch zu tun. Wenn sie dann beim Signieren ist, schütten ihr fremde Leute das Herz aus. Sie hört ruhig zu. Schreib mir, sagt sie, ruf mich an.

Die Texte dieses Bandes wollen eigentlich die warme Stimme der Autorin, wollen ihre Blicke in den Saal, die Widerhall suchen und finden. Lesungen sind Gisela Steineckert keine Last; aus der Begegnung mit dem Publikum schöpft sie selber Kraft. So kann man ihr nur möglichst viele Veranstaltungen mit diesem Buch wünschen. Und allen, die nicht dabei sein können, Bestärkung durch Lektüre.


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* Gisela Steineckert: Wenn du mal nicht weiter weißt. Gedichte. Neues Leben. 126 S., geb., 12,99 €.


Es ist ja eine Dichtung, die nicht auf Kompliziertes, Abgehobenes aus ist, sondern vornehmlich dafür geschaffen ist, das Zwiegespräch mit dem Leser zu suchen. Voraussetzung dafür ist die Begegnung der Dichterin mit sich selbst. »Schreiben ist Aussprechen«, sagt sie im Nachwort. Unabdingbar dabei sei »der Mut zur Ehrlichkeit. Auch sich selber gegenüber.« Das hat sie ja über Jahrzehnte geübt: Über Momente der Schwäche zu reden, erweist sich bei ihr als Stärke. Hier geht es, wen wundert’s bei einer 1931 Geborenen, immer wieder ums Älterwerden. »Wenn die Freunde sterben«, wenn der geliebte Mann ebenfalls altert und man selber die Sehnsucht nicht verloren hat. »Ich hätt gern noch eine Herrlichkeit/ eine Überwältigung/ einen Taumel«, so beginnt ein Gedicht. Aber: »Der Alltag geht uns an die Kehle«, heißt es in einem anderen. Flehen: »Halt mich, dass ich dich halten kann.« Kraftvolle Gewissheit: »Noch lebe ich.« Und: »Das Leben ist so groß.«

»Ich möchte mir gehören« - aber da ist keine Spur von Weltabgewandtheit. Auch wenn es mitunter weh tut (»manchmal brennt der Tag uns aus«), die täglichen Nachrichten in der Zeitung zu lesen. Wer aufgewühlt ist, möchte reagieren. Das tut sie in mehreren Gedichten. Da hat der Band auch eine geschickte Komposition, seinen Rhythmus, seine Melodie.

Eingefügt sind auch einige Lieder, Bekanntes mitunter auch abgewandelt. Das berühmte Gedicht »Atme« ist dabei, von dem Zuhörer bei Lesungen nicht selten um die Abschrift baten. Hier nun finden sie alles, was sie suchen, zum Wieder- und Wiederlesen. Wer Gisela Steineckerts Biografie kennt, wird sich manches noch genauer entschlüsseln. Aber darum geht es gar nicht so sehr, weil die Texte vom Ich zum Du hin geschrieben sind. Etwas soll in Bewegung gesetzt werden: »Das Lied ändert unsre Gesichter/ für Momente/ doch das macht schon was aus«.

So ernst es der Dichterin ist, ihre Texte sind mit Lust geschrieben, nicht mit Qual. Worte zusammenzufügen, habe ihr als Kind schon Freude gemacht, bekennt sie im Nachwort. Und heute: »Es gibt einen geübten Nerv, der den Satz, das Bild, das Gefühl oder die Anregung aufgreift und hinpackt, wo es beunruhigt und in Arbeit genommen werden kann.« Ähnlich dem Stein des Bildhauers. »Es könnte alles sein, aber wenn es die Wahrheit werden soll, muss ihm alles Überflüssige entzogen werden.« Arbeit an Sprache - bis eine Genauigkeit, eine Sicherheit darin ist, die ausstrahlt. Leser, Zuhörer haben den Eindruck, dass sie sich an diese Texte anlehnen können. Es ist Wärme darin.

Zwei Sätze am Schluss, die man immer wieder vor sich hinsagen, selber gern so ähnlich aussprechen möchte: »Ich öffne die Tür, und sollte ich nicht mehr im Raum sein, komm herein und mach es dir gemütlich. Ich bin hier, und etwas von mir soll dich in den Arm nehmen.«

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