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Wanderer zwischen den Welten

Analysen des Erbguts von brasilianischen Indigenen und Polynesiern werfen neues Licht auf den frühen Kulturaustausch zwischen den Pazifikinseln und Amerika

Eine der wichtigsten Frage der Philosophie lautet: »Was ist der Mensch?« Neben vielen ausführlichen Beschreibungen dessen, was ein menschliches Wesen ausmacht, gibt es auch einige griffige Kurzbezeichnungen, die sich bevorzugt des lateinischen Wortes »Homo« für Mensch bedienen. Wie »Homo sapiens« (der weise Mensch), »Homo faber« (der schaffende Mensch) oder »Homo ludens« (der spielende Mensch).

Hier könnte man problemlos eine weitere Bezeichnung anfügen: »Homo viator«, der wandernde Mensch. Denn es war ein hervorstechendes Merkmal unserer Vorfahren, dass sie immer wieder ihren angestammten Lebensraum verließen und in noch unbewohnte Gebiete der Erde vordrangen. Allerdings ist bei einigen Regionen bis heute umstritten, auf welche Weise deren Besiedlung erfolgte.

Ein Beispiel hierfür ist die im Pazifik gelegene Osterinsel, die geografisch zu Polynesien und politisch zu Chile gehört. Sie wurde zu Ostern 1722 von niederländischen Seefahrern »entdeckt« und ist heute berühmt vor allem wegen der dort befindlichen Moai. Das sind kolossale Steinfiguren, die vermutlich ab dem Jahr 1400 zu kultischen Zwecken errichtet worden waren. Doch woher kamen ihre Erbauer? Immerhin ist der Hauptort der Osterinsel, Hanga Roa, 3526 Kilometer von der chilenischen Küste und 4251 Kilometer von Tahiti entfernt.

Der norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl glaubte, dass die Ureinwohner Polynesiens und damit auch der Osterinsel aus Südamerika stammten. Um seine These zu untermauern, startete er 1947 ein gewagtes Abenteuer. Er segelte auf einem Floß aus Balsaholz, das er auf den Namen »Kon-Tiki« getauft hatte, von Peru bis zu den Tuamotu-Inseln Französisch Polynesiens. Zwar erntete er dafür weltweite Bewunderung, die Fachwelt jedoch vermochte er nicht davon zu überzeugen, dass Polynesien erstmals von Amerika aus besiedelt worden sei.

Insbesondere genetische Daten sprechen dafür, dass die Ureinwohner der Osterinsel polynesischen Ursprungs sind. Das Seefahrervolk der Polynesier hatte sich vom asiatischen Festland aus immer weiter in den schier unendlichen Pazifik vorgewagt und zu Beginn des 13. Jahrhunderts dank günstiger Windverhältnisse die Osterinsel erreicht. Bei den Neuankömmlingen handelte es sich vermutlich um 30 bis 100 Männer, Frauen und Kinder, die für ihre lange Seereise mehrere Doppelrumpfkanus benutzt hatten.

Was aber geschah danach? Verzichteten die Polynesier auf weitere Expeditionen in Richtung Osten? Es gibt inzwischen zahlreiche Indizien, die auf das Gegenteil hindeuten. Und die sogar nahelegen, dass die polynesischen Seefahrer, nachdem sie Südamerika erreicht hatten, auch die mühsame Ost-West-Überfahrt bewältigten, also von Amerika zurück nach Polynesien segelten. So weisen zum Beispiel die Bootstypen sowie deren Bezeichnungen in Südamerika und Polynesien frappante Ähnlichkeiten auf. Außerdem wurde die Süßkartoffel von Amerika nach Polynesien transportiert. Von hier aus wiederum fanden Haushühner ihren Weg nach Südamerika. Das folgern Archäologen aus Hühnerknochen, die aus einer Zeit stammen, als es in Amerika noch keine aus Europa eingeführten Hühner gab.

Im Grunde mag man es kaum glauben, dass die Polynesier, von Südamerika kommend, punktgenau die kleine Osterinsel erreichten. Ein solches Kunststück (oder war es Zufall?) scheint ihnen aber tatsächlich gelungen zu sein. Das belegt eine genetische Untersuchung, die ein Forscherteam um Eske Willerslev vom Museum für Naturgeschichte in Kopenhagen jetzt anhand der Genome von 27 Osterinsel-Bewohnern durchgeführt hat. Diese Menschen teilen demnach rund 76 Prozent ihrer Gene mit anderen Polynesiern. Außerdem tragen sie zu 16 Prozent europäische und zu acht Prozent indianisch-südamerikanische Gene in sich, wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift »Current Biology« (DOI: 10.1016/ j.cub.2014.09.057) berichten.

Der Nachweis von Genen amerikanischer Ureinwohner in Polynesien bietet freilich noch keine Gewähr, dass ein präkolumbischer Kontakt tatsächlich stattgefunden hat. Dank neuer DNA-Analysemethoden ist es Willerslevs Team jedoch gelungen festzustellen, zu welchem Zeitpunkt die Einkreuzung des indianischen Erbguts erfolgte. Dies geschah zwischen 1300 und 1500, also mehrere Jahrhunderte, bevor die ersten Europäer auf der Osterinsel landeten und dort ihre genetischen Spuren hinterließen. Eine Vermischung mit Europäern dürfte vor allem in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts stattgefunden haben, als Sklavenhändler rund 1400 Bewohner der Osterinsel zur Zwangsarbeit nach Peru verschleppten.

Völlig daneben lag Thor Heyerdahl mit seiner ungewöhnlichen Besiedlungstheorie also nicht. Zwischen Südamerika und Polynesien war es in der Tat zu frühen kulturellen Kontakten gekommen. Allerdings gingen diese ursprünglich nicht von den wenig hochseefesten Indianern Südamerikas aus, wie Heyerdahl glaubte, sondern von seeerfahrenen Abenteurern aus Polynesien.

Vermutlich hatten diese bei ihrer Rückfahrt aus Amerika auch Indianer mit an Bord, die auf der Osterinsel eine neue Heimat fanden. Andererseits ließ sich ein Teil der Polynesier in Amerika nieder. Davon wanderten einige weiter gen Osten und kamen fast bis an die Atlantikküste Brasiliens. Hierfür spricht ein Fund, den Wissenschaftler unlängst in dieser Region machten. Sie entdeckten zwei Schädel von Ureinwohnern, deren Erbgut sich als typisch polynesisch erwies. Die Schädelknochen gehörten einst zwei Männern vom Stamm der Botocudo, der bis Ende des 19. Jahrhunderts an der brasilianischen Ostküste lebte. Später wurde er von portugiesischen Kolonialisten fast vollständig ausgerottet.

Zunächst dachte man, dass die beiden Botocudo-Männer im Zuge der ab 1862 florierenden Sklaverei nach Amerika gebracht worden waren. Willerslev und seine Kollegen schließen das aus. Denn wie eine kürzlich von ihnen durchgeführte genetische Untersuchung ergab, sind die Schädelknochen deutlich älter. Gemutmaßt wurde auch, dass man die beiden Männer oder ihre Vorfahren als Sklaven aus Madagaskar verschleppt hatte, wo viele Bewohner polynesische Gene in sich tragen. Träfe diese Hypothese zu, hätte man in den untersuchten Schädeln auch afrikanisches Erbgut finden müssen. Doch solches ist darin nicht enthalten.

Das heißt: Die Botocudos waren offenkundig nicht als Sklaven nach Amerika gekommen, sondern als freie Männer, die es sogar vollbracht hatten, die Anden zu überqueren. Erst an der Atlantikküste Brasiliens endete ihre Reise, deren Strapazen man heute nur noch erahnen kann.

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