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Die Weber des Wissens

Im Kampf um bessere Arbeitsbedingungen in Wissenschaft und Lehre in Europa sind grenzüberschreitende Initiativen noch viel zu selten

Von den fünftausend Demonstranten, die Ende Oktober durchs Pariser Zentrum in Richtung Parlament ziehen, werden einfahrende Radler freudig begrüßt. Sie treffen nach einer dreiwöchigen Sternfahrt von allen Enden Frankreichs zu diesem Protesttag in der Hauptstadt ein. Es herrscht eine positive Stimmung der Gemeinsamkeit. Marianne Devereux, die das Banner mitträgt, ist Dozentin an der Polytechnischen Hochschule von Clermont-Ferrand. Sie sagt: »Es ist eine sehr wichtige Demonstration, ein Alarmsignal zur Arbeitslage von Lehrern, Forschern und allen andern Beschäftigten an Hochschulen. Es gibt immer mehr Prekäre - hunderttausend Dozenten unterrichten an Frankreichs Unis inzwischen befristet in Teilzeit. Das ist schlecht für die Zukunft unseres Landes und der Gesellschaft im allgemeinen.«

Patrick Lamaire, Forschungsdirektor im südlichen Montpellier, ist einer der Organisatoren. »Zum ersten Mal seit zehn Jahren gehen Wissenschaftler auf die Straße!« sagt er. »Wir protestieren für mehr staatliche Investitionen in Hochschulen und Forschung und vor allem in Arbeitsstellen. Die Situation in den Labors und Instituten, die Gehalts- und Karriereperspektiven von Doktoranden ist desaströs.«

Weit weg von Paris, Anfang November in Berlin, wird zwar nicht demonstriert, doch die Bildungsgewerkschaft GEW hat ein Manifest gegen Lohndrückerei an den Universitäten lanciert. Der Anteil der »nebenberuflichen« Lehrbeauftragten wächst, an Fach-, Musik- und Kunsthochschulen machen sie oft schon über die Hälfte des Personals aus, sagt GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller. 94 000 Lehrbeauftragte gebe es inzwischen an deutschen Hochschulen - doppelt so viele wie noch im Jahr 2000. »Lehrbeauftragte können jederzeit ihren Job verlieren«, erklärt Keller. »Der Arbeitgeber zahlt weder in die Renten- und Arbeitslosen-, noch in die Kranken- und Pflegeversicherung ein. Viele erhalten nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro. Das Mindestlohngesetz gilt für Lehrbeauftragte nicht.«

Die vielen Forscherinnen und Forscher in Deutschland teilen das neoliberale Los ihrer französischem Kollegen: ein hoher Anteil befristeter Verträge, kurze Laufzeiten und fortwährende Befristungen ohne Aussicht auf einen festen Arbeitsvertrag. So haben etwa am Berliner Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin laut aktuellem Jahresbericht 46 Prozent der technischen Assistenten nur einen Zeitvertrag. Unter den Wissenschaftlern sind es sogar 80 Prozent - ohne Einberechnung der Doktoranden. Und deren Tätigkeiten nach der Promotion haben häufig keinen Qualifizierungs- oder Ausbildungscharakter mehr, der eine Befristung rechtfertigen könnte.

Dagegen wendet sich die Online-Petition »Perspektive statt Befristung«, die in diesem Herbst über 25 000 Unterzeichner gewinnen konnte. Zentrale Forderung ist die Einrichtung fester Stellen für das nichtwissenschaftliche und das wissenschaftliche Personal. Hierfür mahnt sie eine Änderung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes an, sowie eine Reform der Forschungsförderung. Ihr Initiator Sebastian Raupach, Physiker in Mainz, zerstreut die Furcht, dass unbefristete Arbeitsplätze Stellen blockieren. »Tatsächlich ist es erst die Entfristung, die aus einem ›Job‹ einen Arbeitsplatz macht.« Ein Problem ist auch der Mangel an Transparenz. Mit einer Kleinen Anfrage hat die Bundestagsfraktion der Grünen Ende September von der Bundesregierung deshalb eine detaillierte Aufschlüsselung der Befristungszahlen gefordert.

Das Problem der staatlichen Unterfinanzierung des Hochschulbereichs und der prekären Beschäftigung ist allerdings nicht auf Deutschland und Frankreich beschränkt. Große internationale Zeitschriften - darunter »Nature«, »Science«, »Le Monde«, »The Guardian«, »El País« - haben im Oktober einen Offenen Brief an das Europäische Parlament veröffentlicht, in dem Wissenschaftler in ganz Europa auf ihre dramatische Situation aufmerksam machen. Seit 2009 gab es in Italien 90 Prozent weniger Einstellungen an den Hochschulen; in Spanien sanken die staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung um 40 Prozent - weniger als eine von zehn durch Pensionierung freigewordenen Stellen wird neu besetzt. Das griechische Hochschul- und Forschungsbudget ist gar um 50 Prozent gefallen. Portugal wird möglicherweise die Hälfte seiner Forschungszentren schließen müssen und in Frankreich werden bis zu 25 Prozent weniger Stellen für Wissenschaftler und Hochschullehrer ausgeschrieben. Auch Deutsche und Briten beteiligten sich an dem Protest gegen die »systematische Zerstörung der Forschungslandschaft«.

5000 Wissenschaftler haben den Brief unterschrieben, der sich gegen Sparziele und Personalabbau richtet, die von europäischen Institutionen und der Finanzwelt festgelegt werden. Die Kritik: durch kurzfristige und anwendungszentrierte Forschungsfinanzierung würde eine nachhaltige Lehre und Forschung zunichte gemacht. Die Forscher warnen auch vor dem Braindrain, der Abwanderung Hochqualifizierter, mit desaströsen Folgen für die europäischen Volkswirtschaften.

Die Aktion der europäischen Lehrer und Gelehrten findet wenig Nachhall - zumindest in der deutschen Presse. Zwar bemerkt eine britische Kolumnistin, dass Europas Wissenschaftler ihre nationalen Scheuklappen abgelegt haben und sich nun grenzüberschreitend Gehör verschaffen, doch aufs Niveau eines Lokführerstreiks, der die Grenzen überschreitet, haben sie sich längst nicht aufgeschwungen. Es herrscht keine Solidarität unter den »Webern« des Wissens, viele meiden den Arbeitskampf, denn »es könnte noch schlimmer kommen«, wie einer der Radler in Paris zu berichten weiß.

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