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Bergoglios Wort, Pikettys Beitrag

Vor einem Jahr veröffentlichte Papst Franziskus das Schreiben «Evangelii gaudium». Die Debatte um 
«Das Kapital im 21. Jahrhundert» von Thomas Piketty zeigt, dass der Pontifex aus Argentinien das 
herrschende System radikaler kritisiert als der 
Professor aus Frankreich.

Niemand verlangte von dir, Marx zu vergeben! Eine ungeheuer große Woge, die sich seit Tausenden von Lebensjahren bricht, trennte dich von ihm, von seiner Religion ...« Das schrieb Pier Paolo Pasolini (1922-1975) in seinem sarkastischen Epigramm »An einen Papst« 1958 anlässlich des Todes von Pius XII. Derzeit ist dieses Gedicht großflächig an der Wand eines Raumes der Pasolini-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

In der Tat musste der aristokratisch-antikommunistische Autokrat auf dem Stuhl Petri dem feinnervig sozial empfindenden Dichter und Filmemacher als exemplarischer Antagonist des Denkers aus Trier erscheinen. Hatte doch ausgerechnet der überzeugte Marxist Pasolini im Film »Das 1. Evangelium - Matthäus« Jesu Botschaft der Barmherzigkeit auf kongeniale Weise auf die Kinoleinwand gebracht.

56 Jahre nach dem Ableben des Pius-Papstes trennt die »Woge, die sich seit Tausenden von Lebensjahren bricht«, offensichtlich das aktuelle römisch-katholische Kirchenoberhaupt weit mehr von den Eigentümern des Kapitals als vom Autor des »Kapitals«. Denn des Letzteren »Religion« findet sich in Geist und Formulierung in überraschend vielen Äußerungen von Jorge Mario Bergoglio, der seit März 2013 im Vatikan als Papst Franziskus residiert.

In der vergangenen Woche erst hatte der 77-Jährige in einem Brief an den G20-Gipfel in Brisbane (Australien) ein Wirtschaftssystem kritisiert, dessen »Endzweck« die Maximierung des Profits ist. »Eine Denkweise«, heißt es in dem Schreiben, »in der Menschen am Ende weggeworfen werden, wird niemals Frieden und Gerechtigkeit erreichen.«

Mit dieser Formulierung erinnert der Italo-Argentinier an einen Satz in seinem vor fast genau einem Jahr (24. November 2013) veröffentlichten Apostolischen Schreiben »Evangelii gaudium« (Freude des Evangeliums): »Doch solange die Ausschließung und die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft und unter den verschiedenen Völkern nicht beseitigt werden, wird es unmöglich sein, die Gewalt auszumerzen.«

Mit Blick auf die aktuelle Debatte um Thomas Pikettys Buch »Das Kapital im 21. Jahrhundert« ist es frappierend, wie etliche der derzeit von rechts und links an den Thesen und Schlüssen des französischen Wirtschaftswissenschaftlers geäußerten Einwänden denen zu »Evangelii gaudium« vor Jahresfrist gleichen: zu einseitig, zu allgemein, zu ungenau, zu negativ. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen dem Professor in Paris und dem Pontifex in Rom: Ersterer stellt das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht in Frage, Letzterer durchaus.

Schon deshalb lohnt es sich, das seinerzeit als faktische Regierungserklärung des ersten Jesuiten im Amt des Bischofs von Rom apostrophierte Dokument wieder aus der medialen Schublade zu holen. »Eine marxistische Anmutung«, wie sie die »Süddeutsche Zeitung« bei dem 800-Seiten-Werk des Franzosen sieht, ist das Mindeste, was sich im 250-Seiten-Papier des Lateinamerikaners findet.

Wie Piketty thematisiert Franziskus die ökonomische und soziale Ungleichheit in der Gesellschaft. Er kommt zu dem Schluss, dass »das gesellschaftliche und wirtschaftliche System an der Wurzel ungerecht ist«. An der Wurzel. Das ist nicht nur in Sinn und Sache, sondern auch expressis verbis radikal (radix=Wurzel). Ein Satz, der auch bei Piketty stehen könnte: »Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen.« Wie in vorauseilendem Erfüllungseifer dieses Diktums hatte Angela Merkel zwei Jahre zuvor erklärt, Wege zu finden, »die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist«. Marktkonformität als höchster Wertemaßstab?

»Diese Wirtschaft tötet.« Die stärksten, deutlichsten und meistzitierten drei Wörter des Papst-Schreibens vom November 2013 waren zugleich die am härtesten kritisierten. »Fälscher« gehe es nicht, schrieb die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« und entgegnete, die Zustände in Deutschland seien doch »vergleichsweise gut«. Solche Einwände übersehen geflissentlich, dass Franziskus veritable Kritik am »System« übt, während dessen Apologeten lediglich »Fehler an einigen Stellen des Ordnungsgerüsts« (FAZ) konzedieren.

In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts gilt mehr denn je der in »Evangelii gaudium« zitierte Satz des Johannes Chrysostomus, Erzbischof von Konstantinopel, aus dem 4. Jahrhundert: » Die eigenen Güter nicht mit den Armen zu teilen bedeutet, diese zu bestehlen und ihnen das Leben zu entziehen. Die Güter, die wir besitzen, gehören nicht uns, sondern ihnen.« Nichts anderes beinhaltet die durch den französischen Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) berühmt gewordene Wendung »Eigentum ist Diebstahl«.

Heribert Prantl reflektierte in der »Süddeutschen Zeitung« die biblische Metaphorik der Befreiung und schrieb von der »Befreiungstheologie von Papst Franziskus«. Angesichts der inzwischen klar definierten Begrifflichkeit der Befreiungstheologie werden mit solchen Zuordnungen allerdings Missverständnisse befördert. In seiner Zeit als kirchlicher Funktionsträger in Argentinien tat sich Bergoglio als katholischer Ordenspriester hervor, »der unter den Jesuiten die Stellung gegen liberalisierende Strömungen gehalten hatte und der marxistischen Tendenzen in der Befreiungstheologie entgegengetreten war«. So der britische Journalist und Schriftsteller Paul Vallely in seiner glänzenden Franziskus-Biografie*. Im Juni vorigen Jahres erklärte der vatikanische Glaubenspräfekt, der deutsche Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, den - vor allem von Papst Johannes Paul II. und seinem Adlatus Joseph Ratzinger geführten - Krieg zwischen Rom und der Befreiungstheologie für beendet. Letztere gehöre, so Müller, zu »den bedeutsamsten Strömungen der katholischen Theologie im 20. Jahrhundert«. Eine überraschende Wende über ein Dutzend Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges.

Die Wertschätzung, die Papst Franziskus von etablierten lateinamerikanischen Befreiungstheologen erfährt, zeigt eine Veröffentlichung von Franz Josef Hinkelammert (geboren 1931)**. Der in Costa Rica lebende deutschstämmige Vertreter dieser Bewegung verglich die Religionskritik bei Karl Marx mit der insbesondere in »Evangelii gaudium« enthaltenen Kapitalismuskritik Bergoglios. Dabei geht es um die Unterscheidung zwischen himmlischen und irdischen Göttern. Marx interessieren nur die zu solchen erklärten irdischen Götter, denn mit diesen machen wir konkrete Erfahrungen: Markt (siehe Merkels Marktkonformität), Gold, Geld, Kapital, Konsum, Staat, Gesetz ... Marx’ Diktum, der Mensch allein sei das höchste Wesen für den Menschen, entlarvt all diese Idole als »falsche Götter«, als Fetische und Götzen - mit Banken und Konzernen als Heiligtümer sowie einer ausformulierten Theologie, der dem schottischen Philosophen Adam Smith zugeschriebenen Theologie der sogenannten unsichtbaren Hand des Marktes.

Aber was ist mit den himmlischen, den transzendenten Göttern, mit dem singulär im Zentrum der Theologie stehenden Gott? Als ich Franz Hinkelammert das fragte, antwortete er: »Sie interessieren Marx nicht und er äußert sich nicht dazu. Denn nur die irdischen, die falschen Götter also, existieren und wirken real.«

Auch der Papst geißelt die falschen Götter, die Menschen in Abhängigkeit, Ausbeutung, Angst und Apathie halten und eine »Globalisierung der Gleichgültigkeit« vorantreiben: »Wir haben neue Götzen geschaffen. Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht und ohne ein wirklich menschliches Ziel.« Franziskus nennt (und folgt damit Marx’ Götzen-Kriterium) »die Leugnung des Vorrangs des Menschen« eine tiefe anthropologische Krise, die am Ursprung der jüngsten Finanzkrise steht.

Doch ein Papst muss den von Marx freigelassenen Platz des transzendenten Gottes natürlich besetzen. Das macht Bergoglio mit einem Gott, der »den Menschen zu seiner vollen Verwirklichung ruft und zur Unabhängigkeit von jeder Art von Unterjochung«. Ein solcher Gott sei für die Kategorien des Marktes, wenn sie absolut gesetzt werden, »unkontrollierbar, nicht manipulierbar und sogar gefährlich«. Ein dem Marktabsolutismus gefährlicher Gott!

Das ist nicht einfach die Fortschreibung der Katholischen Soziallehre. Franziskus’ Vorgänger Benedikt XVI. wetterte in seiner ersten Enzyklika gegen den »totalen Versorgungsstaat, der alles an sich zieht« und »das Wesentliche nicht geben kann, das der leidende Mensch - jeder Mensch - braucht«. Eine absurd wirkende Polemik in einer Zeit, in der sich der Staat als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft von seinen sozialen Funktionen immer mehr verabschiedet. Zumal so mancher (nicht nur seelisch, sondern auch sehr materiell) »leidende Mensch« den »totalen Versorgungsstaat« nicht gerade als Schreckensbild sehen dürfte. Und in der letzten von Benedikt verantworteten Enzyklika findet sich gerade mal die windelweiche Aufforderung, »sich von den Götzen loszusagen, um zum lebendigen Gott zurückzukehren durch eine persönliche Begegnung«.

Für Franziskus ist das ein Gott, von dem zu sprechen »lästig« sein muss, weil er »einen Einsatz für die Gerechtigkeit fordert«. Folgt man dem Befreiungstheologen Hinkelammert, dann ist der 266. Bischof von Rom ein originärer Gottesstürzer: »Er setzt den Gott ab, der als legitimer Despot das gesamte Mittelalter beherrscht hatte. An dessen Stelle tritt Gott als Mitarbeiter, als compañero, der unterstützt und sogar wirkt wie ein Komplize, aber ebenso der Gott des kategorischen Imperativs von Marx.«

Der Erzbischof von Westminster, Cormac Kardinal Murphy-O’Connor, ist der Ansicht, »vier Jahre Bergoglio würden reichen, um die Dinge zu verändern«. Angesichts der »ungeheuer großen Woge, die sich seit Tausenden von Lebensjahren bricht«, dürfte diese Zeitspanne doch etwas sehr knapp bemessen sein.

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