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NH90 - ein fliegendes Sicherheitsrisiko?

Trotz Absturz bei Termez - Bundeswehr-Helikopter mit schweren technischen Problemen am deutschen Himmel

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Zu spät, zu teuer, nicht in der geforderten Qualität - das ist man gewohnt von Bundeswehr-Rüstungsprojekten. Nun aber kommt das Thema Sicherheitsrisiko hinzu. Beispiel: die NH90-Helikopter.

Die Piloten der Bundeswehr sind zwar einiges gewöhnt, doch was sich im Juni im usbekischen Termez ereignete, war extrem. Kurz nach dem Start eines in Afghanistan zur Verwundetenrettung eingesetzten NH90 wurde Feuer im Triebwerk signalisiert. Als der Pilot die Löschanlage betätigte, spielten elektrische und hydraulische Systeme verrückt: Die Heckklappe öffnete sich, der Scheibenwischer ging an, nach und nach verabschiedete sich die ganze Computerplatine. Mit knapper Not brachten die Piloten den nagelneuen Airbus-Helikopter dank Autorotationsverfahren zur Erde.

In solchen Fällen gibt es normalerweise nur eine Weisung: Grounding! Bis zur Ermittlung der Unfallursachen und deren Beseitigung müssen alle Maschinen des betroffenen Typs am Boden bleiben. Nicht so bei der Bundeswehr. Die ließ ihre NH90 weiter fliegen. »Schon« nach fünf Monaten glaubten die Experten dann den Fehler eingekreist zu haben. Am vergangenen Montag erging ein Flugverbot. Die Experten berieten, stuften alles als »Einzelfall« ein. Seit Mittwoch sind die NH90 der Bundeswehr wieder in der Luft. Zumindest öffentlich wird keine Aussage darüber getroffen, was zu dem »Einzelfall« geführt hat. Spezielle Maßnahmen für den operationellen Betrieb hält man nach Aussagen des Heeresinspekteurs für unnötig. Das muss verwundern, denn die Helikopter sind nicht nur ab und zu über der Wüste von Termez, sondern täglich über dicht besiedeltem deutschen Gebiet unterwegs.

Sicher ist, dass sich bei dem Termez-Zwischenfall eine der beiden Hubschrauberturbinen »zerlegt« hat. Das Triebwerk wird problemlos auch in anderen Helikoptertypen eingesetzt. Doch bei den deutschen NH90 kommt es zu Ausfällen, die Techniker als »Stagnation« bezeichnen. Das Phänomen ist seit langem bekannt. In einer vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr Ende September gefertigten Verschlusssache liest man: »Die Ursache für Stagnation wird durch Unterweisung der Piloten und durch die angestrebte Softwarelösung nicht abgestellt.« Logischer Schluss: NH90 sind nicht sicher. In der von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) unlängst entgegengenommenen »Umfassenden Bestandsaufnahme und Risikoanalyse zentraler Rüstungsprojekte« wird auch auf die bestellte Marine-Version des NH90 Bezug genommen. »Sollte zukünftig bei einem NH90-NTH ›Sea Lion‹ ein derartiger Ausfall auf See zu verzeichnen sein, wäre das Risiko eines Totalverlustes des Hubschraubers, anders als bei den bisher verzeichneten Vorfällen über Land, wesentlich höher.« Es kann nach Aussage von Fachleuten sogar noch schlimmer kommen, wenn ein Helikopter beim Landeanflug auf seine Fregatte oder bei einem Rettungseinsatz havariert.

Der Haushaltsexperte der Linksfraktion Michael Leutert reagiert äußerst besorgt, »denn mit dem NH90 wird offenbar das Leben von Soldaten wie das von Zivilisten gefährdet«. Leutert fordert von der Verteidigungsministerin umgehend Aufklärung, schließlich deute alles darauf hin, dass die gravierenden Probleme in ihrem Hause seit langem bekannt sind. Leutert erinnert von der Leyen zudem an das Versprechen für mehr Transparenz und fordert einen sofortigen »NH90-Abnahmestopp«.

Seit dem Programmstart vor 25 Jahren wurde das größte jemals in Europa aufgelegte Militärhubschrauberprogramm mit viel Vorschusslorbeeren bedacht. Umso größer ist nun der - auch wörtlich zu nehmende - Absturz. 2006 bekam die Bundeswehr die ersten, noch unausgereiften Hubschrauber. Inzwischen hat sie 35 im Bestand. Doch nicht ein einziger entspricht dem Stand »Full Operational Capability«, ist also voll gebrauchsfähig. Nicht vor dem Ende des 2. Quartals 2016 ist mit einem Hubschrauber der bestellten Art zu rechnen, sagen Beschaffer.

Eine andere, gleichfalls geheim gehaltene Liste der NH90-Mängel hält Probleme im Detail fest: Nicht nachgewiesen ist, dass die Hubschrauber die geforderte Nutzlast in der Kabine oder am Haken sicher tragen können. Die Sitze für Besatzung und die zu transportierenden Soldaten sind zu schwach bemessen, die Rettungswinde erfüllt nicht die Erwartungen, Schwachstellen bietet die Heckrampe, eine abhörsichere Kommunikation im NATO-Verbund ist nicht garantiert. Nicht einmal der Lande- scheinwerfer bringt die notwendige Erhellung. Ganz zu schweigen von der Lärmemission und möglichen Rostproblemen der Marineversion.

Herstellerkonzern Airbus mag das kaum beunruhigen, schließlich hat der Bund noch unter Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) auf die Möglichkeit verzichtet, Vertragsstrafen geltend zu machen.

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