Wohl Stichwahl um Tunesiens neuen Präsident

Essebsi um 45 Prozent - Marzouki um 30 Prozent / Erste freie Wahl des Staatsoberhaupts in der Geschichte des nordafrikanischen Landes

Berlin. In Tunesien zeichnet sich eine Stichwahl um das Präsidentenamt ab. Der im Vorfeld favorisierte frühere Ministerpräsident Béji Caid Essebsi und Amtsinhaber Moncef Marzouki beanspruchten am Sonntag zwar beide den Sieg für sich - die Lager gingen aber gleichwohl von einer zweiten Runde aus. Wie das Staatsfernsehen unter Berufung auf ein privates Institut berichtete, erreichte tatsächlich keiner der Kandidaten auf Anhieb die absolute Mehrheit. Demnach kam Essebsi auf 42,7 bis 47,8 Prozent der Stimmen, Marzouki erreichte zwischen 26,9 und 32,6 Prozent.

Offizielle Ergebnisse sollen am Mittwoch vorliegen, eine mögliche Stichwahl fände dann Ende Dezember statt. Nach Angaben der Behörden gingen 64,6 Prozent der wahlberechtigten 5,3 Millionen Tunesier wählen.

»Essebsi hat nach ersten Ergebnissen einen klaren Vorsprung«, verkündete dessen Wahlkampfleiter nach Schließung der Wahllokale am Sonntagabend in Tunis. Der 87-jährige Kandidat der säkularen Partei Nidaa Tounès habe »nur knapp« eine absolute Mehrheit verfehlt, fügte Mohsen Marzouk vor Journalisten hinzu. Eine Stichwahl im Dezember sei wahrscheinlich.

Auch das Lager von Präsident Marzouki geht von einer Stichwahl aus - sah den Kandidaten aber ebenfalls vorn. »Im schlimmsten Fall gibt es einen Gleichstand, aber wir gehen von zwei bis vier Prozentpunkten Vorsprung aus«, sagte Wahlkampfleiter Adnène Mancer. »Wir ziehen mit großen Chancen in die Stichwahl.« Diese werde zwischen Marzouki und Essebsi stattfinden.

Marzouki rief »sämtliche demokratische Kräfte« dazu auf, ihn bei der Stichwahl um das Präsidentenamt zu unterstützen. Der Kandidat Hamma Hammami, der auf dem dritten Platz landete, sagte tunesischen Medien, dass sich sein Lager »so schnell wie möglich« treffen werde, um darüber zu beraten, wie es sich bei einer möglichen Stichwahl positioniert.

Die EU lobte die friedliche Abstimmung und sicherte Tunesien ihre Unterstützung zu. Die Außenbeauftragte Federica Mogherini erklärte am Sonntag, die Abstimmung markiere eine »zusätzliche Etappe« beim Übergang des Landes zur Demokratie. Es sei nun an den Tunesiern, den Wahlprozess transparent und respektvoll zu beenden. Die EU sei dabei bereit, Tunesien weiterhin auf seinem Weg zu »Stabilität sowie wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung zu unterstützen«. Demnach will sich ein EU-Beobachterteam vor Ort am Dienstag zu der Wahl äußern.

Die Abstimmung am Sonntag war die erste freie Präsidentschaftswahl in der Geschichte des nordafrikanischen Landes. Sie soll den Übergangsprozess zur Demokratie in Tunesien vollenden, der nach dem Sturz von Staatschef Zine El Abidine Ben Ali im Frühjahr 2011 eingeleitet worden war. Ende Oktober fanden bereits Parlamentswahlen in Tunesien statt. AFP/nd

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