Von Tom Mustroph

Künstler aus Notwehr

Jugendtheaterfestival »Festiwalla« in Berlin: »Letters Home« zeigt den Alltag von Flüchtlingen

Szenen mit finsteren spanischen Grenzwächtern, mit abweisenden deutschen Bürokraten und mit Zimmergenossen, die ihre Trübsal im Alkohol ersäufen und immer mehr zu menschlichen Wracks werden, bestimmen den Theaterabend »Letters Home«. Er wurde von Flüchtlingen erarbeitet und hat am Samstag im Haus der Kulturen der Welt (HKW) Premiere. Es gibt aber auch optimistische Szenen, die etwa von der Beharrlichkeit erzählen, mit der Sami, ein pakistanischer Flugzeugmechaniker, Deutsch lernt, um auch in der hiesigen Luftfahrtbranche einen Job zu erhalten. Und es gibt aufrüttelnde Momente. Djallo aus Guinea Bissau formiert seine Kollegen zu einem eindrucksvollen Anklagechor gegen Dublin. Das Dubliner Übereinkommen legt fest, dass Flüchtlinge in das Ersteinreiseland in der EU abgeschoben werden können - ungeachtet dessen, wie dort die Bedingungen sind.

»Letters Home« begann im vergangenen Jahr als Schreibprojekt des »Refugees Club« im Spandauer Erstaufnahmeheim für Flüchtlinge. Männer und Frauen aus Pakistan und Syrien, Guinea Bissau und Afghanistan forderten sich gegenseitig auf, Briefe über ihre Erfahrungen in Deutschland zu schreiben. Dabei stellte sich nach Beobachtung von Maryam Grassmann, Sozialarbeiterin im Heim in der Motardstraße und Initiatorin des »Refugees Club«, die spannende Frage: »Sollen sie erzählen, was sie tatsächlich erlebt haben oder idealisierte Postkarten vom Leben hier verfassen, die zwar den zu Hause verbreiteten Klischees entsprechen, aber zugleich Illusionen bei den Daheimgebliebenen wecken?«

Die meisten entschieden sich für den Realismus als Ausdrucksform. Daher sind die »Briefe nach Hause« zugleich Botschaften an die Gesellschaft geworden, die die Flüchtlinge noch immer auf Abstand hält. Aus dem Schreibprojekt ist mittlerweile ein Theaterstück entstanden, das am Sonnabend im Rahmen des Jugendtheaterfestivals »Festiwalla« Premiere feiert. Damit im Haus der Kulturen der Welt, dem Aufführungsort des Stücks, auch im Zuschauerraum die Kulturen der Welt versammelt sind, werden dorthin Buskonvois aus diversen Flüchtlingsheimen der Stadt organisiert.

»Letters Home« ist zugleich die erste große Veranstaltung der »Berlin Mondiale«. In dieser Initiative arbeiten sechs Kulturinstitutionen der Stadt, darunter das HKW, die Neuköllner Oper, die Uferstudios und die KW Institute for Contemporary Art, mit je einer Flüchtlingsunterkunft langfristig zusammen. Partner des Spandauer Heims und des dortigen »Refugees Club« ist das Kulturhaus »Schlesische 27«.

Bei den Probenarbeiten zu »Letters Home« entstand der Eindruck, dass den Künstlern aus insgesamt sechs Nationen nicht nur die Botschaft wichtig ist, die sie vermitteln wollen. Die Theaterarbeit selbst ist ein Instrument, sich aus einer hoffnungslos anmutenden Lage zu befreien. »Ich habe hier nichts anderes zu tun. Deshalb arbeite ich als Künstler«, sagt Sami, der Flugzeugingenieur aus Pakistan, knapp. »Ich will aktiv bleiben. Viele in den Heimen ertränken ihre Hoffnungslosigkeit in Bier. Damit schwächen sie aber nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Geist«, meint er. Freilich hat er auch Niederlagen einstecken müssen. »Als ich einen Arbeitsvertrag als Tellerwäscher in einem Restaurant hatte, lehnte ihn die Ausländerbehörde mit der Begründung ab, dass es einen deutschen Bewerber für diese Arbeit gäbe. Zurück im Heim, sagten meine Zimmernachbarn: ›Siehst du, du hast ein Jahr hart Deutsch gelernt, bist aber noch immer in diesem Zimmer wie wir und bekommst das gleiche Geld wie wir. Warum gehst du bei dieser Kälte überhaupt auf die Straße, wenn es im Bett auch tagsüber doch gemütlich ist.‹«, erzählt er. Stimulierend für den Aufbau einer eigenen Existenz ist die gegenwärtige Gesetzeslage in Sachen Arbeitserlaubnis also nicht gerade.

Djallo erzählt von anderen haarsträubenden Details. Der junge Mann aus Guinea Bissau gehörte zu den Besetzern der Schule in der Ohlauer Straße. »Ich hatte dort drei Mal die Woche Deutschunterricht. Jetzt von Spandau aus ist es für mich zu weit zur Deutschstunde am Oranienplatz«, sagt er. In Spandau erhält er nur einmal die Woche Deutschunterricht, und weiß noch nicht einmal, ob das von Dauer ist.

Bedroht ist er zudem von Abschiebung. Andere Flüchtlinge aus der Ohlauer Straße seien bereits aus Spandau abgeschoben. »Wir waren naiv, dass wir dort heraus sind. Jetzt kommen bei vielen von uns Briefe an, in denen wir aufgefordert werden, das Heim zu verlassen. Von einem Tag auf den anderen müssen wir weg. Die Sicherheitsleute tauschen dann das Schloss aus«, meint er. Für ihn würde die Abschiebung nach Spanien erfolgen. »Dort ist die Situation schlimm. Man landet sofort auf der Straße«, meint er. Djallo, derzeit in einem anderen Heim in Spandau untergebracht, ist im Dubliner Abkommen gefangen. Sein Chor gegen Dublin ist daher nicht nur Kunst, sondern ein existenzieller Angstschrei.

29.11., 20.45 Uhr, HKW

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