Vom Münchner Glanz gestreift

Der FC Bayern mit Rekordzahlen und Sieg gegen Hertha BSC nach überragenden 45 Minuten

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Herthas BSC war drauf und dran, dem FC Bayern einen Punkt abzutrotzen, am Ende stand die siebte Saisonniederlage. Dennoch hat sich das Gastspiel der Münchner auch für Berlin gelohnt.

So recht wusste Per Skjelbred nichts mit dem gerade Erlebten anzufangen. Wenn ihm vor dem Spiel jemand gesagt hätte, dass man gegen den FC Bayern nur 0:1 verlieren würde, dann hätte er geantwortet: »überragend«. So ist das in dieser Saison, wenn man gegen die Münchner spielt - Hauptsache nicht untergehen. Nun hatte Hertha BSC am Sonnabend durch ein Tor von Arjen Robben in der 27. Minute tatsächlich nur 0:1 verloren, aber Skjelbred wirkte eher verzweifelt als überragend gut gelaunt.

Am Sonntag war der Bayern-Tross aus Berlin wieder verschwunden - aber nicht ohne Bleibendes zu hinterlassen. Beispielsweise eine immer noch grübelnde Hertha. Tatsächlich hätten die Berliner mit der größten ihrer wenigen Chancen einen wichtigen Punkt im Abstiegskampf ergattern können, einen Punkt den nicht viele Bundesligakonkurrenten holen werden. Einen Punkt gegen den immer noch ungeschlagenen FC Bayern, der nach 13 Spieltagen erst drei Gegentore hinnehmen musste. Aber Herthas Innenverteidiger John Anthony Brooks war in der 86. Minute etwas in Rücklage geraten, als er aus 15 Meter vor dem Kasten von Manuel Neuer plötzlich eine freie Schussbahn vor sich hatte. Der Ball ging über das Tor.

Dass die Münchner so lange um ihren zehnten Saisonsieg bangen mussten, dafür nahm Trainer Pep Guardiola die Schuld auf sich. Er habe das System zur Halbzeit etwas umgestellt. »Mein Fehler«, gestand der Spanier später. Die Aufzeichnung der ersten 45 Minuten aber sollten sich die Berliner noch öfter anschauen, als Lehrvideo für fast perfekten Fußball: Dem Gegner keine einzige Torchance gestatten und selbst acht oder neun hochkarätige herausspielen.

Der FC Bayern lief in einem 4-1-5-System auf. Vor der Viererkette in der Abwehr war Xabi Alonso einziger Fixpunkt in einer sonst flexiblen und variantenreichen Aufstellung. Er war im defensiven zentralen Mittelfeld Abwehr- und Aufbauspieler zugleich und hatte mit 161 Ballkontakten auch die meisten. Während das positionstreue, fast fehlerfreie und unspektakuläre Spiel des Spaniers die eigene Mannschaft zusammenhält, ihr Orientierung und Sicherheit gibt, verwirren die fünf Offensivspieler vor Alonso den Gegner und verursachen in dessen Abwehr ein heilloses Durcheinander.

Die Räume sind meist so besetzt, dass der ballführende Spieler mindestens zwei oder drei Anspielmöglichkeiten hat. Dabei tauschten auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions aber Arjen Robben, Mario Götze, Franck Ribéry, Thomas Müller und Robert Lewandowski selbst innerhalb eines Angriffs so oft die Positionen, dass das Abwehrgerüst von Hertha BSC immer wieder zerfiel. Und der Ball lief ja auch noch: im Zentrum, schnell, präzise und meist auf dem kurzmöglichsten Weg. Das wiederum so lange, bis sich die entscheidende Lücke für den entscheidenden Pass bot. Zu den meisten Chancen kamen die Münchner dann, unterstützt von den Außenverteidigern Rafinha und Juan Bernat, über die Flügel.

Angesichts der mäßigen zweiten Halbzeit verblasste der Auftritt der Münchner Mannschaft insgesamt etwas. Aber der FC Bayern strahlt: in der Hauptstadt und überhaupt. Am Sonnabend, noch vor dem Spiel, eröffnete der Klub seinen eigenen Fanshop in Berlin, am Leipziger Platz. Um noch mehr als die 1,3 Millionen Trikots in der Vorsaison zu verkaufen. Eröffnet wurde die Münchner Filiale von Karl-Heinz Rummenigge. Einen mindestens ebenso erfreulichen Auftritt hatte der Vorstandvorsitzende am Freitagabend. Auf der Mitgliederversammlung verkündete er neue Rekordzahlen: 528 Millionen Euro Umsatz, eine Steigerung von fast 100 Millionen Euro. Das Eigenkapital des Klubs ist auf 405 Millionen Euro gewachsen und die 346 Millionen Euro für das Stadion sind ebenfalls bezahlt - 15 Jahre vor Ablauf der Frist. Und mit 251 315 Mitgliedern ist der FC Bayern nun der »größte Sportverein der Welt«, jubelte Präsident Karl Hopfner den gut 3000 Anwesenden zu. Ganz nebenbei erwähnte Rummenigge, dass die Mannschaft natürlich weiterhin hochkarätig verstärkt werden solle.

Berlin und Hertha BSC wurden immerhin vom Münchner Glanz gestreift. Im siebten Heimspiel war das Olympiastadion mit 76 197 Zuschauern erstmals ausverkauft. Und Herthas Trainer Jos Luhukay konnte für sich beanspruchen, seine Mannschaft zumindest mit einer guten Strategie ins Spiel geschickt zu haben: Versuchen, im Zentrum kompakt zu stehen und bei Balleroberungen sofort direkt nach vorn zu spielen. Aber einerseits leisteten sich die Münchner nicht allzu viele Ballverluste. Andererseits war die Berliner Offensive mit dem eigenen, schnellen Umschaltspiel überfordert. Weder Julian Schieber, Valentin Stocker, Roy Beerens noch Änis Ben-Hatira waren in der Lage, die Bälle zu verarbeiten oder zu halten.

Dass der Plan nicht aufging, wundert nicht. Selbst Guardiola konnte nicht erklären, wie man sein Team schlagen könne. So kam auch Per Skjelbred zu dem Schluss, dass der FC Bayern eine eigene Welt sei, ärgerte sich aber doch noch mal: »Wir hätten den Ausgleich machen können. Das wäre für uns wie ein Sieg gewesen.« So ist das eben in dieser Saison, wenn man gegen die Münchner spielt.

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