Packstation

Die Post will in jedem Haus Packstationen einrichten. Dort sollen Pakete für die Bewohner hinterlegt werden, die dann durch irgendeinen Automatismus ausgehändigt werden. Da kann ich nur müde lachen. Eine solche Packstation gibt es bei uns nämlich schon lange. Sie befindet sich zufällig in meiner Wohnung, und der Automatismus, der die Pakete an die Hausbewohner aushändigt, bin ich.

Die Paketboten steigen nämlich nicht so gerne Treppen. Erst recht nicht mit den oft ja auch schweren Paketen. Und ich wohne im Erdgeschoss und bin ja sowieso immer zu Hause. Ich will aber nicht klagen. Immerhin lernt man so mal die Nachbarn kennen. Die sind allesamt gesellschaftlich engagiert. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die lästigen Einzelhändler hier in der Gegend endgültig loszuwerden. Deshalb bestellen sie eifrig bei Amazon, Zalando usw. und sorgen so für den dringend benötigten Platz für weitere Spielautomaten-Casinos, Shisha-Bars und Nagelstudios.

Letzte Woche fragte ein Zusteller, ob ich ein Paket für den 4. Stock annehmen würde. Natürlich. »Fein«, sagte er und rollte mit einer Art Gabelstapler in den Innenhof, darauf eine Euro-Palette mit einem zwei Meter hohen Teil. Immerhin mal eine Abwechslung zu den ewigen Amazon-Paketen.

Amazon, Amazon, immer wieder Amazon! Egal, wie mies die ihre Angestellten behandeln, egal, wie sehr sie die gesamte Verlagsbranche austrocknen, egal, ob die Buchhändler um die Ecke verrecken - die Leute kaufen wie blöd bei Amazon. Kein Wunder, dass die inzwischen damit experimentieren, ihre Päckchen durch Drohnen ausliefern zu lassen. Da bin ich ja auch mal gespannt, wie das wird, wenn die Dinger dauernd bei uns im Innenhof landen. Angesichts der aktuellen Drohnenbegeisterung bei Militär und Sicherheitsbehörden dürfte es bald im Luftraum ziemlich eng werden. Wobei es da schöne Synergieeffekte geben könnte. Da kann so eine patente Mehrzweckdrohne erst die nächste Exekution eines islamistischen Extremisten - sagen wir, des Obst- und Gemüsehändlers um die Ecke - erledigen und anschließend noch Amazon-Pakete ausliefern. Wobei da natürlich die Gefahr von Missverständnissen bestünde und am Ende womöglich die Amazon-Kunden abgeknallt werden. Obwohl: Wäre das so schlimm? Mit klassischen Argumenten sind die Leute ja nicht abzuhalten, da zu bestellen.

Es klingelt. Die Nachbarin will ihr Päckchen abholen. Anklagend weise ich auf das kleiderschrankgroße Ding und helfe noch kurz, es nach oben zu wuchten. Als ich zurückkomme, klebt ein Zettel von DHL an der Tür: »Ihr Paket ist angekommen!«. Verdammt.

Ich gehe zur angegebenen Adresse. Mal sehen, wer hier noch so als Packstation arbeitet. Es ist die Buchhandlung zwei Straßen weiter. Die Buchhändlerin wirft mir einen eisigen Blick zu, als sie mir mein Päckchen aushändigt. Ich schlucke. Meine Amazon-Bestellung ist angekommen.

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