Nichts im Loth, nur das Grauen

Gefängnistheater »aufBruch« zeigt in Tempelhof Gerhart Hauptmanns »Vor Sonnenaufgang«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Zuerst malt eine Idee schöne Ziele aus, dann radiert sie schrecklich - Menschen aus. »Vor Sonnenaufgang« heißt das Stück von Gerhart Hauptmann, geschrieben 1889, nun zu sehen in einer Inszenierung des renommierten Berliner Gefängnistheaters »aufBruch« - diesmal keine Aufführung in einer Justizvollzugsanstalt, sondern eine Produktion mit der Tempelhof Projekt GmbH; es spielt ein Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und interessierten Laien, Regie: Peter Atanassow. Die Zuschauer durchsteigen enge Treppengänge zum ehemaligen Casino des stillgelegten Flughafens. Kälte, Dunkel, Stein, Blick in gekachelte Nischen - immer löst die Sauberkeit von Fliesen heftigste Assoziationen von klinisch organisiertem Verbrechen aus. An den Wänden Plakate der Rassenlehre, des gesitteten Familienstammbaumes, und in Ecken, hinter offenen Türen Menschen, deren Worte uns gespenstisch anwehen, bellend angreifen, harsch anfallen. Kurze Tonfetzen zwischen Walhalla und Wahn, da ein Rufen aus der Ideologie, dort ein Raunen aus der Isolation. Einsperrende, Eingesperrte. Werte, Unwerte - wer hat das Stempelrecht? So deutet sich an: Hier, an diesem Ort, werden Menschen Säuberer sein oder Schmutz; die Säuberer sind der böseste Schmutz. Die einen: trunken von einer reinen Soziallehre, und die anderen: ersoffen im Dreck der Trunksucht.

Loth, der Weltverbesserer, will kritische Studien über die bittere Lage der schlesischen Bergarbeiter machen. Im reichen Hause Krause trifft er im Schwiegersohn der Familie ausgerechnet auf seinen Jugendfreund Hoffmann. Verliebt sich zudem in Helene, Hoffmanns Schwägerin. Loth lernt eine dörfliche Welt kennen, in der alles, vom Baby aufwärts, von den Wirkungen des Alkoholismus zerstört wird. Suff und Inzucht - für Helene wäre Loth die Rettung: Nur raus hier! Aber als Loth erfährt, dass just auch die Familie seiner Geliebten infiziert, durchsetzt ist von Schande, verstößt er Helene. Der Sozialreformer als Kammerjäger, der gute Mensch als Rassenhygieniker.

An mehreren Spielorten etabliert sich eine Untotenwelt, die aus normalen Alltagssätzen widerliche Fratzenfetzen hervorbläst. Ein Delirium feiert sich selbst in der Vergiftung. Hirnleere Gesetztheit, rüde Herrschaftlichkeit. Man serviert Hummer - aber die da auftischen wie Kotzbrocken, bleiben doch Hummerleider. Schreiender Schrecken, auftrumpfende Farce, bodenlose Verkrüppelung bohren sich gleichsam in die Körper der Spieler, hinterlassen blöde, zitternde, verschlagene, tötende Blicke, chaotisch verzappelte Gebärden, lallende Reden, belfernde Zurechtweisungen, schnauzige Betriebsamkeit, protzige Militanz.

Natürlich ist nichts Dorf, nichts bäurisch. Flure, schmale, lange Räume. Eine Wanderung durch fünf Akte. In Bierfässern gipfelt hier eine Sitzgemütlichkeit, die nur Aussitzen ist, Lauern, ödes Stieren. Vorn wird Moral gepredigt, hinten geht die Magd dem Diener an Wäsche und Haut. Atanassow lässt Loth und dessen Gegenspieler Hoffmann von jeweils drei Darstellern spielen, Helene ist ein Chor von fünf Mädchen. Aber präzise, schlüssig, in reizvollen Spannungsbögen und Ergänzungsrhythmen werden die Chöre aufgebrochen, leuchten einzelne Gesichter - bis alle erneut zu schneidender, kraftfetter oder ganz leiser Choreswucht finden.

Einmal mehr darf gesagt werden, dass Atanassows Kollektivkultur zu den einprägsamsten Chorerlebnissen im deutschsprachigen Theater zählt. Hier par excellence zu erleben. Thomas Schusters Kostüme schaffen bei den Loths eine Trinität von burschikoser Uneitelkeit bei dem einen, krawattenfestem Regelsinn beim nächsten und sportlicher Ungezwungenheit beim dritten. Die Mädchen in wollenen Strumpfhosen, schwarzen Kleidern und weißem Kragen verströmen Schicksalstrotz: zwischen festgezurrtem Freiheitsdrang und eingemummter Sexualität dennoch schön wirken zu wollen, nein: adrett. Die Hoffmann-Spieler in robust gefütterten Morgenmänteln - das Leben ein Fitness-Studio, besser noch: ein Boxring, dem Proletenrest gebührt der Nasenring. Hauptmann gibt Text an Schillers Karl Moor, der an Euripides’ Medea - Atanassow erzählt die drückende Geschichte von Erlösungssehnsüchten, die sich zur messianischen Anmaßung steigern. Darwins Abstammungslehre wird zum wehrlosen, missbrauchten Anfeuerungspapier für den ach, alles doch so gut meinenden Selektonsethiker Loth - und zu den Klängen von Beethovens »Schicksalssymphonie« stolziert dieser Loth auf Zehenspitzen, als betreibe Hitler, sehr verhalten noch, erste Posen-Proben künftiger Führerschaft.

Atanassows Theater ist forcierte Grundschnelligkeit. Es jagt. Es treibt. Es atmet laut, hat festen Tritt. Überraschung durch Arrangements. Zeichen statt Psychologie. Großartig, wie ausgerechnet in der so abweisend leeren, toten Küche des Casinos Loth und Helene einander ihre Liebe gestehen und tanzen, ungelenk schweigend und ernst. Als einzige der fünf jungen Frauen löst Anna Maria Sosnik ihr Haar - eine, als habe Ödön von Horváth eines dieser so traurig lebensfrohen Mädchen aus einem seiner Stücke an »aufBruch« ausgeliehen: Naivität, Verlorenheit, Vertrauen, Enttäuschung, Absturz. Und Mathis Köllmann berührt als einer der drei Loths besonders, weil er der feingliedrigste, verletzlichste, gleichsam durchsichtigste ist und dies alles den erschreckenden Kontrast schafft zur fanatischen Strebsamkeit mit urplötzlichem Triebausbruch. Köllmann erhebt einen Lebensweg zum Gesicht: Es ist die freudlose, graue Gasse einer großen Idee, der jedes Leben fehlt. Ein blasser Robespierre der tiefsten Provinz.

Mitreißend: ein Tanz aller mitwirkenden Frauen im Blaulicht einer Dämmerszene. Als leuchte etwas herüber aus dem »Jahrhundert der Frauen, das noch nicht angebrochen ist« (Heiner Müller). Als fänden sich Antigone und Medea, Penthesilea und Käthchen, Gretchen, und Hauptmanns Helene zur choreografischen Tour de Force: Eros und Tod, Gewalt und Grandezza, Stampfen und Schönheit als unteilbare Wahrnehmung von Welt und eigenem Willen. Die Farben und der Fluch, der Zauber und der Zunder der Weiblichkeit in einem Bild. Choreographie: Ronni Maciel.

Für zwei Stunden geht es hier hinab, als stiege man ins Zeitalter der steinernen Höhlen. Um im Zeitalter missbrauchter Aufklärung aufzutauchen, wo der auserwählte Mensch in ein Boot stieg, von dem er Nachrückenden mit versteinerter Miene schnell berichtete, es sei bereits voll. Sonnenaufgang Fehlanzeige.

Weitere Vorstellungen: 3. bis 7. und 10. bis 14. Dezember, jeweils 19.30 Uhr im Flughafen Tempelhof (U-Bahnhof Platz der Luftbrücke).

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