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Die Stimme der Armen

Madrids solidarischer Fußballklub: Rayo Vallecano

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Sportlich behauptet sich der Kiezklub Rayo Vallecano ordentlich im Schatten der Großen. Doch er ist weit mehr als nur ein Fußballverein.

Madrid. In der vergangenen Woche erfuhr Rayo Vallecano weltweite Aufmerksamkeit. Es war nicht der Fußball, sondern die gelebte Solidarität des spanischen Erstligisten, die dazu führte, dass der kleine, 1924 gegründete, Stadtteilverein aus dem Schatten der großen Klubs in der Hauptstadt Madrid getreten ist. Trainer, Spieler und Verein wollten dem Drama, dass in Spanien täglich etliche Menschen aus ihren Wohnungen geworfen werden, nicht länger zuschauen. Vor allem dann nicht, wenn eine 85-jährige Anhängerin im Stadtteil Vallecas, dem der Klub seinen Namen verdankt, auf die Straße gesetzt wird.

Die unmenschliche Behandlung einer vor Verzweiflung weinenden Carmen Martínez Ayuso, die nach 50 Jahren trotz massiver Proteste vor einer Woche endgültig von der Polizei aus ihrer Wohnung geholt wurde, konnte den Klub nicht kalt lassen. Rayo sprang sofort dafür ein, wofür der Staat verantwortlich ist. »Wir werden nicht zuschauen und der Frau helfen«, sagte Vallecanos Trainer Paco Jémez, weil auch Carmen Martínez Ayuso kein Ersatzwohnraum angeboten wurde. »Nicht ich allein, sondern der gesamte Trainerstab, die Spieler, der Verein« würden dafür sorgen, dass sie bis zu ihrem Lebensende ihre Miete zahlen könne und im Arbeiterstadtteil im Süden Madrids »ein würdevolles Leben führen kann und sich nicht einsam fühlt«.

Mit solch einer großen Resonanz auf die kleine Nachbarschaftshilfe hatte der Klub nicht gerechnet, er räumte ein, dass er von den Reaktionen fast überfordert wird. Man wollte keinen »Medienzirkus«, doch an der üblichen Pressekonferenz nahmen plötzlich 15 Fernsehsender teil, auch aus Deutschland, Italien oder Mexiko, dazu Radiosender, Zeitungen und Fotografen. Ein Sender übertrug sogar live. »Es ist die größte Konferenz in der neueren Geschichte des Klubs«, sagte Jémez.

Rayo Vallecano hat nun ein Spendenkonto eingerichtet, das schon von Trainern und Spielern gefüllt wurde. »Als bescheidener Verein sind wir einen Schritt vorwärts gegangen, weil Solidarität und soziale Verantwortung zu unserem Erbgut gehören«, sagte Jémez. Auch fünf Euro jeder Eintrittskarte vom Heimspiel gegen Sevilla am 7. Dezember werden eingezahlt. Die Behörden nahm er dennoch in die Pflicht. Man wolle niemanden ersetzen, sondern nur helfen. »Wir hoffen, dass das Stadion in Vallecas an diesem Tag voll ist«, sagt Rayo-Generaldirektor Luis Yañez. Davon kann man in dem Viertel ausgehen, in dem die Empörten-Partei Podemos (Wir können es) ihre Basis hat. Die schickt sich nach Umfragen an, 2015 aus dem Stegreif die Parlamentswahlen gegen die »Kaste« zu gewinnen. So nennt der Podemos- Generalsekretär Pablo Iglesias die großen Parteien im Land. Über das Stadtteilfernsehen »Tele K« wurde der 36-jährige Politologe mit seiner Sendung »La Tuerka« (Die Schraube) bekannt. Er ist auch bei den »Bukaneros« (Freibeuter) beliebt, wie sich eine große Ultragruppe von Rayo nennt.

Der Verein, seine Fans und das Viertel mit gut 300 000 Einwohnern bilden eine Symbiose, die jetzige Aktion des Klubs ist nicht ungewöhnlich. Im Gegenteil: Im November 2012 beteiligten sich Rayo und seine Fans auch an den Generalstreiks, als gemeinsam mit Griechenland und Portugal gegen die Kürzungspolitik und die tiefen Einschnitte in die Sozialsysteme protestiert wurde. Pedro Duarte, Manager von Real Madrid, verbreitete dagegen per Twitter die Meinung, Gewerkschafter gehörten »einer nach dem anderen an die Wand gestellt«. Rayo Vallecano sei eben kein normaler Fußballklub, sondern »der Klassenstolz und die Stimme des Bewusstseins«, meint Pedro Roiz. Der Sohn des ehemaligen Vereinspräsidenten Juan Roiz definiert den Stadtteil so: »Vallecas ist die Erde der einfachen und engagierten Leute«. Hier lebten »Kämpfer«, darunter auch viele Zuzügler aus allen Teilen Spaniens und Einwanderer, die sich mit großer Mühe ihr Brot verdienten.

So ist es wohl auch kein Zufall, dass während des Generalstreiks im November 2012 in ganz Spanien nur eine Person verhaftet wurde - ein »Freibeuter« aus Vallecas. Der 21-jährige Alfonso Fernández Ortega (Alfon) wurde schon festgesetzt, bevor er überhaupt Streikposten sein konnte. Mit schwammigen Anschuldigungen wurde er fast zwei Monate in Untersuchungshaft gesteckt. Es sei eine »Inszenierung der Polizei«, um ein Exempel zu statuieren, erklärte seine Mutter Elena Ortega. Man habe ihm einen Rucksack mit Utensilien zum Bau von Molotow-Cocktails zugeordnet, der im Stadtteil gefunden wurde. Ihm drohen wegen »Besitz von Explosivstoffen« fünfeinhalb Jahre Haft. Beweise dafür gibt es nicht. Weder wurden seine Fingerabdrücke, noch belastendes Material bei Hausdurchsuchungen gefunden. Im Prozess erklärte Alfon am vergangenen Dienstag, von der Polizei erpresst worden zu sein. Die habe ihm mit der Anklage gedroht, wenn er nicht andere »Bukaneros« und Mitglieder der »Antifaschistischen Brigaden« identifiziere.

Wegen Carmen Martínez Ayuso will der Verein nun die Lage klären, denn auch die Stadt hat ihr eine Sozialwohnung angeboten. Doch das hätte vor der Räumung passieren müssen. Die Verfassung garantiert in Artikel 47 »das Recht auf eine menschenwürdige und angemessene Wohnung«. Der Anwalt der Plattform der Hypothekengeschädigten (PAH) spricht von einer »Politik des Sozialterrorismus«, denn die Stadt versilbere ihre Sozialwohnungen an »Geierfonds«. Ein Drittel stünde leer, während Tausende nach der Räumung »kein Angebot erhalten«, sagt Manuel San Pastor. Carmen Martínez Ayuso sei kein Einzelfall. Sie wurde geräumt, da sie für einen Kredit ihres Sohns über 40 000 Euro gebürgt hatte. Das hatte sie nicht verstanden. »Ich kann weder lesen noch schreiben und habe die Unterlagen einfach unterzeichnet«, erklärt sie. Mit überhöhten Zinsen eines »Kredithais« stiegen die Schulden des Sohns mit Verfahrenskosten auf 77 000 Euro an. Dafür habe der sich nun die Wohnung im Wert von 160 000 Euro unter den Nagel gerissen, meinen viele in Vallecas.

»Wenn die Institutionen nun Carmen eine würdige Wohnung geben, werden wir eben anderen helfen«, erklärte Rayo-Trainer Paco Jémez. Das gespendete Geld werde auf jeden Fall bedürftigen Menschen im Stadtteil zugute kommen.

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